Seit „Reclaim Tiktok“ ist die Plattform nicht mehr allein die Spielwiese der AfD. Doch der Erfolg der Linkspartei hat einen Haken.

Die Filterblase ist das Sprachbild für abgeschottete Gruppen, denen Algorithmen im Internet immer mehr vom Gleichen zeigen. Das mache, sofern es um politische Inhalte geht, die Demokratie kaputt. Bislang vermutete man solche Filterblasen meist im rechtspopulistischen oder -extremen AfD-Milieu. Doch es gibt sie auch in der politischen Linken, wie die Daten von fast 700 Tiktok-Usern zeigen.

 

Die deutliche Mehrzahl der teilnehmenden User erklärte, bei der Bundestagswahl Linke, SPD oder Grüne zu wählen – und hat ganz überwiegend Videos gesehen, die von Accounts dieser drei Parteien kommen oder von nicht offiziellen Kanälen, die ihnen nahestehen. Videos von Parteien oder Kanälen rechts der Mitte kamen zwar auch in manchen dieser Feeds vor, aber deutlich seltener.

Die inhaltliche Schnittmenge dieses Spektrums sind Sozialpolitik, Feminismus, Klimaaktivismus und klare Kante gegen die AfD. Das dürfte auch eine Folge der „Reclaim Tiktok“-Kampagne zur Europawahl 2024 sein. Tausende Menschen seien auf Tiktok geholt worden, „um progressiven Content zu posten“ und die Plattform nicht der AfD zu überlassen, so die Initiatorin Annika Kruse.

Dass im Dezember 2024 auch Olaf Scholz dazustieß, half dem abgewählten Kanzler nicht viel. Der Linkspartei nutzte „Reclaim Tiktok“ sehr wohl. Nun wird es spannend, was sie daraus macht. Kaum jemand gelangt zufällig auf die linke Seite des politischen Spektrums. Wer etwa seit ihrer Wutrede gegen Merz’ Asylantrag Heidi Reichinnek folgt, sieht mit höherer Wahrscheinlichkeit andere Videos der Linken – und so gut wie keine von Union, FDP oder AfD.

Die Nutzerdaten zeigen erstmals und deutlich, dass die Grenzen links der Mitte fließend sind. Wer im Februar für die Linkspartei gestimmt hat oder Linken-Politikern wie Reichinnek folgt, sieht am ehesten Videos der Partei – aber eben auch viele von SPD und Grünen. Für Sozialdemokraten und Grüne gilt das entsprechend.

„Grüne, SPD und Linke eint, dass wir die gesellschaftliche Stimmung wieder offen machen wollen für progressive Themen“, sagt die direkt gewählte Karlsruher Grünen-Abgeordnete Zoe Mayer. Auf Tiktok erreicht sie mit Videos übers Höfesterben oder Ölfirmen einige Tausend User – mit „So dreist lügt Trump“ dagegen eine Dreiviertelmillion. Dieses als Ragebait bezeichnete Schimpfen über den politischen Gegner betreibe sie nicht gezielt, sagt Mayer. Sie will auch über ihre Arbeit informieren, „aber politische Information, das muss man leider so klar sagen, ist auf dieser Plattform oft auch ein Rohrkrepierer.“

Linke steht zu ihren Influencern

„Der Tiktok-Algorithmus steht einer ordentlichen Wissensvermittlung oder der Informationsaufgabe von Parteien entgegen“, sagt der Kommunikationsforscher Jakob Ohme vom Weizenbaum-Institut. Zuspitzung auf Tiktok sei potenziell schädlich für die Demokratie, sagt Martin Fuchs, der seit vielen Jahren die Social-Media-Auftritte von Politikern und Parteien analysiert. „Andererseits fehlt dann auch die Fähigkeit, sich selbst nicht so ernst nehmen.“ Der Linken gelinge das besser als anderen.

Wie sehen das die Parteien selbst? „Natürlich“ berücksichtige man, wie der Algorithmus Inhalte ausspielt, sagt der Linken-Öffentlichkeitsarbeiter Thomas Lohmeier: „Dafür haben wir auch unsere Influencer eingelernt.“ Während die Linke schon mit einem Netzwerk nicht-offizieller Kanäle erfolgreich ist, hoffen die Grünen noch, in der Opposition freier posten zu können, heißt es aus der Fraktion. Der SPD bleibt nicht mal das. Ein Sprecher verweist auf Kooperationen. Mit erfolgreiche Tiktokern erarbeite man „etwa gemeinsame Formate im Wahlkampf“. Alles Weitere sei intern. CDU/CSU äußerten sich auf Anfrage gar nicht.

Unsere Recherche zeigt, dass der Tiktok-Algorithmus gut einschätzen kann, ob ein User eher links oder eher rechts orientiert ist. Wirklich voneinander abgrenzen können sich die Parteien im links-grünen Milieu aber nicht. Weil der Datensatz eher wenige Anhänger von Parteien rechts der Mitte enthält, bleibt unklar, ob es bei diesen ähnlich ist. Doch auch so deutet sich an, dass die Tiktok-User in zwei große politische Lager zerfallen. Ganz dicht sind die Filterblasen vor allem dann nicht, wenn ein politisches Lager das andere beschimpft.