Rekord für Ministerpräsidenten Länger als Erwin Teufel: 5204 Tage im Amt
Am 9. August wird Winfried Kretschmann der am längsten amtierende Ministerpräsident Baden-Württembergs sein. Was bleibt von seiner Politik, wenn er im März 2026 abtritt?
Am 9. August wird Winfried Kretschmann der am längsten amtierende Ministerpräsident Baden-Württembergs sein. Was bleibt von seiner Politik, wenn er im März 2026 abtritt?
Es ist nicht das erste Mal, dass Winfried Kretschmann diesen Ton anschlägt. Immer wieder dachte der 77-Jährige in den vergangenen Jahren in vertraulichen Runden laut über die Vergänglichkeit des Seins nach, dieses Mal ist es öffentlich: „Mein weiß nicht, was kommt. Wir kennen weder den Tag noch die Stunde, an der der Herr uns ruft“, sagte Kretschmann jüngst vor Journalisten auf die Frage, wie er auf den 9. August 2025 blicke.
Dann wird Winfried Kretschmann 5204 Tage im Amt sein – länger als jeder CDU-Ministerpräsident vor ihm. Der bisherige Rekordhalter Erwin Teufel machte im April 2005 – nicht ganz freiwillig – ein Jahr vor der Landtagswahl nach 5203 Tagen Platz für Günther Oettinger.
Den Zeitpunkt für eine solche Übergabe hat Kretschmann verpasst. Lange wehrte er sich gegen Nachfolgedebatten, obwohl viele Kronprinzen und eine Kronprinzessin gehandelt wurden. So lange bis Manuel Hagel – damals „nur“ CDU-Fraktionschef – in einem taktischen Zug im Sommer 2023 Fakten schuf. Eine Ministerpräsidentenwahl „aus Gründen des reinen grünen Machterhalts“ sei für die CDU keine Option, sagte Hagel – inzwischen CDU-Landeschef und Spitzenkandidat – damals. Spätestens da war klar, dass Kretschmann nicht nur wegen seines Pflichtethos bis zum Schluss durchhalten muss.
Ob der Ministerpräsident seinen Platz vorher für einen potenziellen Nachfolger geräumt hätte, ob Cem Özdemir schon früher bereit gewesen wäre, die Bundespolitik ohne Rückfahrticket – wie der mittlerweile zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2026 gekürte Grüne stets betont – hinter sich zu lassen?
Zumindest in der Öffentlichkeit hat Kretschmann Debatten um seine Nachfolge stets abgewürgt – bis es nicht mehr ging. Nun wird Cem Özdemir als Grünen-Spitzenkandidat ohne Amtsbonus zur Landtagswahl am 8. März 2026 antreten.
Damit geht eine Ära zu Ende. Dass Kretschmann jetzt alle seine CDU-Amtsvorgänger überholt, dürfte ihm schon eine kleine Genugtuung sein. Der Grüne erzählt gern, dass sein Wahlerfolg 2011 von politischen Gegnern noch als „Unfall der Geschichte“ gesehen wurde. Die Mischung aus Missmanagement seines Vorgänger Stefan Mappus und dem Atomunfall in Fukushima wenige Wochen vor der Landtagswahl brachten den Grünen damals die entscheidenden Prozentpunkte und den knappen Vorsprung vor dem ersten Koalitionspartner, der SPD.
Binnen weniger Monate wandelte sich Winfried Kretschmann, für manche überraschend, vom eher sperrigen Fraktionschef zum Landesvater mit Ecken und Kanten. Zehn Jahre später konnte von Zufall keine Rede mehr sein. Im März 2021 fuhr Kretschmann mit 33 Prozent ein Wahlergebnis ein, das so stark mit seiner Person verknüpft wurde, dass Politikbeobachter hinterher kommentierten, es komme niemand an ihm vorbei.
Seine Erfolgsrezept: „Ich bin nicht Ministerpräsident der Grünen, ich bin Ministerpräsident von Baden-Württemberg“, wie er gern betont. Oder wie der Grünen-Landesvorstand es formuliert: „Wie Winfried Kretschmann selbst sagt, ist er nicht der König von Württemberg, sondern der erste Diener des Staates und seiner Bürgerinnen und Bürger.“ Doch seine Unabhängigkeit auch in grünen Politikfeldern führte auch dazu, dass er regelmäßig mit seiner konservativen Haltung in der eigenen Partei aneckte – etwa wenn er einen schärferen Migrationskurs fordert.
Und doch war es auch die bundesweite Erfolgsspur der Grünen und der Klimabewegung, die Kretschmann 2021 ein drittes Mal an die Macht brachte – und dazu führte, dass er einem seiner politischen Ziele – der Vereinbarung von Ökonomie und Ökologie – zumindest etwas näher kommen konnte. In seiner letzten Legislaturperiode konnten die Grünen in Baden-Württemberg vieles durchsetzen, was vorher undenkbar gewesen wäre. Dazu gehörte die Solarpflicht auf Bestandsgebäuden und bei Dachsanierungen, ebenso wie die ambitionierten – und von Kretschmann selbst manchmal infrage gestellten – Klimaziele für 2040. Vor allem beim Ausbau Erneuerbarer Energien halfen dem Grünen vor allem bundespolitische Weichenstellungen. Doch nicht alles haben die Grünen in der Hand, wie die Auseinandersetzung mit den Christdemokraten über die Umsetzung der für die Klimaziele notwendigen Maßnahmen zeigt.
Das liegt auch an Kretschmanns Politikstil. Der Ministerpräsident setzt viel auf Konsens, Streit soll möglichst nicht in der grün-schwarzen Koalition ausbrechen. Er drückt keine grünen Inhalte mit der Brechstange durch – auch zum Ärger der eigenen Partei. Als er merkte, dass wegen der Diskussion um das Gebäudeenergiegesetz die Bereitschaft in der Bevölkerung, aus der eigenen Tasche in den Klimaschutz zu investieren, bröckelte, nahm er vom Ziel, eine generelle Solarpflicht einzuführen, Abstand.
In der Opposition sieht man das ewige Ringen nach Kompromissen kritisch: „Immer wieder hat man das Gefühl, dass die beiden ,Partner‘ sich einfach im Stillstand verhakt haben“, sagt SPD-Fraktionschef Andreas Stoch.
Wer verstehen will, wie Kretschmanns politisches Handeln funktioniert, kommt nicht an Hannah Arendt vorbei. Der FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke stichelt: „Es ist dem Ministerpräsidenten sicherlich gelungen, den Namen der Philosophin Hannah Arendt im Lande deutlich bekannter zu machen.“
Im September erscheint ein Band von Winfried Kretschmann, in dem er auf persönliche Art und Weise beschreibt, wie ihn die Philosophin geprägt hat. Der Titel – ein Arendt-Zitat: „Der Sinn von Politik ist Freiheit“. Doch es braucht dieses Buch nicht, um in Kretschmanns Politik die Ideen Arendts zu entdecken. Am offensichtlichsten wird sie in der Politik des Gehörtwerdens, die Kretschmann schon in seiner ersten Legislaturperiode etablierte. Das ist eine Lehre aus dem Volksentscheid für Stuttgart 21. Einer der schwierigsten Momente in der Regierungszeit Kretschmanns. Nachdem SPD und Grüne sich über das Bahnprojekt nicht einig wurden, ließ das Land eine Volksabstimmung abhalten.
Das Ergebnis ist bekannt. Kretschmann und sein Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) müssen das Projekt mittragen, das sie zuvor jahrelang politisch bekämpft haben. Zumindest um eines werden beide wohl herumkommen: die Einweihung von Stuttgart 21, die nach dem letzten Stand Ende 2026 – also nach der Landtagswahl – geplant ist.