Etwa 100 Bürgerinnen und Bürger sind zum Waldbegang gekommen – so viele, dass sie gar nicht alle auf ein Foto passen. Foto:
Im Wald zwischen den Herrenberger Teilorten Haslach und Kuppingen sind derzeit sieben Windkraftanlagen geplant. Etwa 100 Bürgerinnen und Bürger nehmen an einem Spaziergang zu den möglichen Standorten teil.
Einen Spaziergang der besonderen Art hat der Herrenberger Spitalwald am Samstagnachmittag erlebt. Rund 100 Menschen sind gekommen, um sich über mögliche Standorte von Windrädern zu informieren – eine bunte Mischung aus Befürwortern, Gegnern und neutral gestimmten. Zusammen mit Kuppingens Ortsvorsteher Markus Speer (CDU) und Haslachs Ortsvorsteher Thomas Deines (Freie Wähler) begrüßt Herrenbergs Oberbürgermeister Nico Reith (parteilos) die Bürgerinnen und Bürger und machte eines deutlich: Die Planung läuft noch. Weder die Standorte der Windräder, noch ihre Anzahl – aktuell sieben –, noch die Zuwegungen sind in Stein gemeißelt. Auch die Entscheidung, ob die Fläche überhaupt an den Windparkprojektierer verpachtet wird, ist noch nicht gefallen.
Eine der wichtigesten Rollen kommt am Samstag wohl Winfried Seitz zu. Seit 20 Jahren ist er als Revierleiter unter anderem für den Wald zwischen Kuppingen und Haslach zuständig. Also genau für den Bereich, in dem die Windräder geplant sind. Unter seiner Führung steuern die hundert Bürgerinnen und Bürger einen ersten möglichen Standort Richtung Haslach an, im Plan Windkraftanlage Nummer 5, markiert mit orange- und lilafarbenen Ringen an Baumstämmen.
Förster Seitz kritisiert vor allem einen Standort
Der Standort liegt neben einem breiten Waldweg. Das Rauschen der Landesstraße, die von Herrenberg nach Jettingen durch den Wald führt, ist zu hören. „Wir befinden uns hier in einem 70-jährigen Tannenbestand“, erklärt Förster Seitz. Ursprünglich sei das Windrad etwas weiter südlich vorgesehen gewesen – an einer Stelle mit 190-jährigen Eichen. „Unser Wunsch war deshalb, in eine nicht so wertvolle Fläche zu gehen.“
Förster Winfried Seitz informiert über die Auswirkungen auf den Wald. /Stefanie Schlecht
Eichen gelten mit Blick auf die Klimaerwärmung als einigermaßen robust, Tannen hingegen hätten eine schlechte Klimaprognose, sagt Seitz. Aber könnte der Eingriff in den Wald nicht zu groß sein? „Ich bin überzeugt davon, dass der Wald mit Windrädern besser zurecht kommt als mit dem Klimawandel“, sagt der Förster. „Wenn wir den Wald im Gesamten schützen wollen, müssen wir etwas gegen den Klimawandel tun.“
Die vorgesehenen Standorte scheint er sich aber sehr genau anzuschauen. Darauf deutet nicht nur die Verlagerung vom Eichen- in den Tannenbestand hin, sondern auch seine Bedenken, die er bezüglich Windkraftanlage Nummer eins äußert. Die würde derzeit in einem Waldrefugium stehen, einem Bereich mit alten Bäumen, der nicht bewirtschaftet wird. „Dieser Standort ist für mich noch kritisch“, sagt Seitz. „Es besteht durchaus die Möglichkeit, ihn aus der Planung wieder rauszunehmen“, erklärt Ortsvorsteher Speer dazu auf Nachfrage.
Zahlen zum Flächenverbrauch
Zurück zu Windrad Nummer fünf: Es geht um Zahlen zum Flächen- und Holzverbrauch, die Ortsvorsteher Deines und Förster Seitz parat haben. Geplant sind Windräder mit einer Höhe von 285 Metern, also inklusive Rotorblätter. „Die Bäume hier sind etwa 30 Meter hoch“, nennt Deines zum Vergleich. Sie müssten beim Bau des Windrads weichen. Für alle sieben Standorte müssten laut Seitz 15 bis 20 Prozent des jährlichen Einschlags gerodet werden. „Wir haben im Jahr etwa 14 000 Festmeter Zuwachs und schlagen 10 500 Festmeter ein.“ Das beim Bau der Windräder anfallende Holz würde demnach mit dem Jahreseinschlag verrechnet werden und nicht zusätzlich anfallen.
Vor allem der vorgeschlagene Standort von Windkraftanlage Nummer 1 ruft Kritik hervor (die karte zeigt einen vorläufigen Planungsstand.) /Anke Kumbier
Ein Windrad, wie hier geplant, benötigt laut Deines ein Fundament von vier Metern Tiefe mit einem Durchmesser von 25 Metern. Hinzu kommt eine befestigte Fläche für den Baukran, die dauerhaft frei bleiben muss. Insgesamt rechne man im Betrieb mit einem Flächenbedarf von circa 0,5 Hektar, also knapp Dreiviertel eines üblichen Fußballfeldes. Während der Bauphase steigt der Flächenverbrauch auf rund einen Hektar, weil ein Lagerplatz für die Bauteile benötigt wird. Diese circa 0,5 Hektar sollen nach Abschluss der Arbeiten wieder aufgeforstet werden.
Sorgen wegen Eisschlag
Für den Transport müsste außerdem der Waldweg, der an dieser Stelle 3,50 breit ist, auf 4,50 Meter erweitert, aber nicht asphaltiert werden. Und: „Während des Baus wird im Wald reger Verkehr herrschen“, sagt Deines. „Das ist ein Eingriff, keine Frage.“ Er gibt aber auch zu bedenken: Der Wald habe die Straße verkraftet, die etwa sieben Hektar in Anspruch nehme. Ähnlich sieht das offenbar Seitz: „Aus meiner Sicht ist das für den Wald als Gesamtsystem vertretbar.“
Der Spaziergang bietet Gelegenheit, Fragen zu stellen sowie Kritik und Sorgen zu äußern – beispielsweise zum Eisschlag. Durch den Wald führen Spazierwege und viel genutzte Laufstrecken des TSV Kuppingen. Manche Standorte sind so geplant, dass die Rotorblätter über diese Strecken ragen würden. Spaziergänger und Sportler befürchten deshalb teilweise, dass sie die Wege im Winter nur eingeschränkt nutzen könnten. Reagieren ließe sich darauf beispielsweise mit beheizten Rotorblättern und Abschaltvorrichtungen. Um solche Themen zu diskutieren, genau dazu solle der Spaziergang dienen, meint Speer. Und: „Um Klarheit über die möglichen Standorte zu bekommen und die Anregungen der Bürger in den weiteren politischen Prozess aufzunehmen.“
Zwei Windparks nebeneinander
Windpark Herrenberg Die Stadt Herrenberg plant im Spitalwald auf eigener Fläche einen Windpark. Sie liegt im möglichen Vorranggebiet BB-07, das der Verband Region Stuttgart aber noch nicht endgültig festgelegt hat. Der Gemeinderat hat für die Projektierung des Windparks die Energiegenossenschaft Prokon ausgewählt. Die Entscheidung, ob die Fläche verpachtet wird oder nicht, soll im Frühjahr 2025 fallen.