Krieg in der Ukraine Das Netzwerk der Putin-Versteher in Südbaden

Seit vielen Jahren Seit an Seit: Altkanzler Schröder, Nord-Stream-Chef Warnig (rechts) Foto: dpa/Stefan Sauer

Der Chef von Nord Stream wohnt in Staufen, der russische Konsul in Münstertal: wie der Breisgau zum Zentrum von Russland-Lobbyisten wurde – und warum der Europapark für die Pipeline wirbt.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Stuttgart - Moskau ist weit weg von Staufen im Breisgau, in jeder Hinsicht. Gut 2500 Straßenkilometer trennen die russische Millionen-Metropole von der knapp 8000 Einwohner zählenden Kleinstadt nahe Freiburg. Hier vielspurige Ausfallstraßen, dort Kopfsteinpflasterromantik und Bächle – Welten liegen zwischen den Orten. Doch von einer modernen Villa in Staufen gibt es eine Verbindung direkt in den Kreml.

 

In bester Hanglage, mit Blick auf die Burgruine, wohnt hier der neben Gerhard Schröder wohl engste deutsche Vertraute von Staatschef Wladimir Putin, der allerdings ungleich weniger bekannt ist als der Altkanzler: Matthias Warnig (66), als Chef der Nord Stream 2-Gesellschaft verantwortlich für jene Gaspipeline durch die Ostsee, die in der Ukraine-Krise zum Faustpfand des Westens geworden ist.

Zehn Minuten talaufwärts, in Münstertal, residiert ein weiterer langjähriger Bekannter von Putin: Klaus Mangold (78), Ex-Manager, Berater und Honorarkonsul von Russland in Baden-Württemberg. Wenn er sich nicht gerade in Stuttgart aufhält oder in der Welt unterwegs ist, findet man ihn in seinem aufwändig sanierten Laisackerhof, dem Sitz seiner Beratungsfirma. Auch von hier aus trommelt er für gute Beziehungen zu Russland, vorweg geschäftliche. Warnig und er kennen sich natürlich seit vielen Jahren.

Die beiden Männer sind die wohl wichtigsten Knotenpunkte eines Russland-Netzwerks in Südbaden, das sich erst auf den zweiten Blick offenbart. Dazu gehören ein Freizeitpark, der mit Gazprom und der Tochter Nord Stream kooperiert, eine PR-Agentur, die die Pipelines seit vielen Jahren vermarktet und eine Aluminiumfirma, die gerade erst von Russen übernommen wurde. Zwischen diesen Akteuren gibt es viele Verbindungen.

Der erfolgreiche Ex-DDR-Spion

Dass Warnig auf der Suche nach einem Wohnsitz im Süden Deutschlands vor 15 Jahren in Staufen landete, dürfte auch mit Mangold zu tun haben. Er gilt als großer Fan des malerischen Städtchens. Von hier aus ist es nicht allzu weit ins schweizerische Zug, wo die Nord Stream 2 Gesellschaft sitzt, angeblich aus steuerlichen Gründen. Hier lebt Warnig mit seiner zweiten Frau, einer Russin, und den beiden gemeinsamen, noch recht jungen Kindern – wenn er nicht durch die Welt fliegt.

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Der 66-jährige mit dem runden Kopf, dem schütteren Haar und dem stattlichen Leibesumfang ist eine unauffällige Erscheinung, und er will auch nicht auffallen. Bei offiziellen Terminen hält er sich am liebsten im Hintergrund, auf Fotos erscheint er allenfalls am Rande. Dabei hat der gebürtige Lausitzer ein Leben hinter sich, das reichlich Stoff für eine Verfilmung böte. Zu DDR-Zeiten war er von der Staatssicherheit nach Westdeutschland entsandt, um dort die Wirtschaft auszuspionieren. Dann kam die Wende, und der „Offizier im besonderen Einsatz“ (Deckname: Artur) orientierte sich neu. Für die Dresdner Bank, die gen Russland strebte, ging er 1991 nach St. Petersburg – der Beginn einer beachtlichen Karriere als Geschäftsmann.

Dort, so die offizielle Version traf er erstmals auf Putin, der als Bürgermeister im Rathaus tätig war. Beide waren einstige Geheimdienstler, beide hatten den Zusammenbruch ihrer Systeme erlebt, beide mussten sich neu erfinden – das verband offenbar. Vollends soll Warnig das Vertrauen des Russen erworben haben, als er dafür sorgte, dass dessen damalige Ehefrau nach einem Unfall in Deutschland behandelt wurde. Die Familien fuhren angeblich sogar gemeinsam in den Urlaub.

Auch beruflich stellte sich Warnig bald in den Dienst Putins: Er leitete erfolgreich den Bau der ersten Nord Stream Pipeline, dann auch den der zweiten, weitgehend abgeschlossenen. Später übernahm er zusätzlich Aufsichtsposten in wichtigen russischen Unternehmen. Interviews gibt er nur höchst selten, zur Zeit gar nicht. Darin berichtet er dann, wie man den Kontakt halte („Herr Putin hat kein Handy“), wie verlässlich Russland als Gaslieferant sei und wie bedauerlich er finde, dass das Projekt schon 2018 „völlig politisiert“ sei.

Geschäftlich aktiv wurde Warnig auch im Breisgau. Mit seiner MW Invest entwickelte er Immobilienprojekte – so ein Wohn- und Geschäftshaus am Bahnhof in Bad Krozingen. Von der Stadt gab es Lob für den Investor, „der es ernst und ehrlich meint“, manche Bürger mokierten sich über sein schillerndes Vorleben; zuweilen stinke Geld eben doch. An seiner Stasi-Tätigkeit schieden sich die Geister, sagte Warnig einmal, das werde wohl so bleiben.

Der legendäre Netzwerker

Während Warnig „Mister Pipeline“ genannt wird, gilt Klaus Mangold als „Mister Russland“ der deutschen Wirtschaft. Auch der gebürtige Pforzheimer hat eine bemerkenswerte Karriere hinter sich, als Chef der Chemiefirma Rhodia, des Versandhauses Quelle und der Daimler-Tochter Debis. Als er 2003 altershalber aus dem Vorstand des Autokonzerns ausschied, startete er noch einmal neu durch, als Berater und Aufsichtsrat - früher beim Reisekonzern TUI, mit einem russischen Großaktionär, jetzt noch beim Autozulieferer Knorr Bremse. Sein besonderer Fokus: Osteuropa und Russland; jahrelang führte er den Ostausschuss der deutschen Wirtschaft. Auch Mangold kennt Putin seit fast 30 Jahren, Warnig ebenfalls sehr lange. Einst machte er ihn mit Alt-Kanzler Schröder bekannt, der bald nach seiner Abwahl Aufsichtsratschef bei Nord Stream wurde.

Als Netzwerker genießt Mangold einen geradezu legendären Ruf. „Kontakte sind mein Knowhow“, wurde er einmal zitiert, „das ist die Basis für meine Geschäfte.“ Im Laisackerhof versammelt der immer noch vitale Endsiebziger gerne hochkarätige Runden um sich, aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Gutes Essen – geliefert aus einem nahen Spitzenrestaurant – und gute Gespräche: dafür sind die Treffen bekannt. Die Münstertäler wundern sich schon länger nicht mehr, wenn schwere, dunkle Limousinen mit auswärtigen Kennzeichen durch die Dorfstraßen rollen.

Meist betreibt Mangold seine – durchaus einträgliche – Lobbyarbeit abseits der Öffentlichkeit. Nur selten gibt es Wirbel um seine Kontakte. Einst geriet Günther Oettinger unter Erklärungsdruck, weil er als EU-Kommissar in Mangolds Privatjet zum ungarischen Premiers Viktor Orban geflogen war. Mal warf eine Verbindung zu einem russischen Oligarchen – publik geworden durch ein Offshore-Leak – Fragen auf, die aber bald wieder verstummten. Beim Umgang mit solchen Leuten könne der Verdacht aufkommen, „Ruf gegen Rubel einzutauschen“, meinte die FAZ einmal – aber das weise der „Russenversteher“ weit von sich. Auch diesen Begriff möge er übrigens nicht.

In der Ukraine-Krise meldete sich Mangold mehrfach zu Wort – aber nicht etwa mit kritischen Worten an die Adresse Putins. Seine Sorge galt möglichen Sanktionen, etwa einem Stopp von Nord Stream 2. Solche Strafmaßnahmen („ein stumpfes Schwert“) verfehlten regelmäßig ihre Wirkung, warnte er. Deutschland und Europa schadeten sich dadurch nur selbst, Russland würde kaum noch getroffen. Wichtig sei es, mit Putin im Gespräch zu bleiben – so wie der Ostausschuss. Eine für März geplanten Videokonferenz wurde indes gerade verschoben.

Der Freizeitpark

Keine Scheu vor russischen Firmen hatt auch der Europapark, vierzig Kilometer weiter nördlich bei Rust. Schon 2009 startete die Unternehmerfamilie Mack eine Kooperation mit Gazprom. Begründung: Ein Partner aus der Energiebranche passe am besten zur Achterbahn „blue fire“, die mit enormem Schub unterwegs sei. Auch mit deutschen Versorgern wurde verhandelt, aber die Russen erhielten am Ende den Zuschlag. Vor zwei Jahren ging die Zusammenarbeit auf die Pipeline-Tochter über. Im „Nord Stream 2 Dome“ konnten Besucher seither auf riesigen LED-Wänden die Unterwasserwelt der Ostsee bestaunen – und den Röhrenbau verfolgen. Aus politischen Debatten halte sich der Park grundsätzlich heraus, betont eine Sprecherin; aktuell spreche man mit Nord Stream. Eine Umfrage habe jüngst ergeben, dass 62 Prozent der Deutschen für die Inbetriebnahme der neuen Pipeline seien. Ob Mangold oder Warnig in den Geschäftskontakt involviert waren, wurde nicht verraten. Zwischenzeitlich hat sich der Europapark klarer positioniert und die Zusammenarbeit mit North Stream zwei ausgesetzt.

Die PR-Agentur

Auch in Freiburg profitiert eine Firma von den Russen: die PR-Agentur Identis. Für Nord Stream 2 entwickeln die Experten um Joseph Pölzelbauer das „Markenkonzept“, wie schon für die erste Röhre. Dazu gehören etwa Messeauftritte, bei denen ein blaudominiertes Farbklima „maritime Atmosphäre“ vermitteln soll. „Erdgas fließt in einer neuen Dimension“, lautet das Leitmotiv. Der Geschäftskontakt bestehe schon seit vielen Jahren, sagt eine Sprecherin; man sei bei einer Ausschreibung zum Zug gekommen. Identis ist übrigens auch in Staufen aktiv, für die Stiftung zu Erhaltung der historischen Altstadt; nach Erdwärmebohrungen ist diese durch Risse bedroht. Im Kuratorium der Stiftung sitzt auch Mangold.

Die Aluminium-Firma

Eine halbe Stunde weiter südlich ging voriges Jahr ein Traditionsbetrieb an die Russen: Nach langem Ringen übernahm der Moskauer Rusal-Konzern die angeschlagene Aluminium Rheinfelden. Die Sorgen, deren Knowhow könne auch für Militärtechnik verwendet werden, teilte die Bundesregierung nicht. Das Plazet aus Berlin fand Mangold daher nur konsequent: „Die sicherheitspolitischen Bedenken waren an den Haaren herbeigezogen.“ Aufsichtsratschef bei Rusal war bis 2018 Matthias Warnig. Im Zuge der US-Sanktionen musste er das Amt abgeben, wegen seiner Nähe zu Putin. Nun fragt sich mancher, wie sich der aktuelle Krieg auf „die Alu“ auswirken könnte.

Die Staufener

Ob Putin wirklich schon einmal bei Warnig in Staufen war, wie gewispert wird, lässt sich kaum feststellen. Den Nord-Stream-Manager sieht man ohnehin nur selten im Städtchen, am ehesten noch bei der jährlichen Kulturwoche. Verbürgt ist hingegen ein Besuch von Gerhard Schröder, bei einem Fest der Ehefrau.

Der Altkanzler ließ sich sogar für die Kampagne zur Rettung der Altstadt einspannen, wie andere Prominente – wofür der Bürgermeister Michael Benitz, der seit Jahren gegen die Hebungsrisse ankämpft, überaus dankbar ist. Benitz und sein Kollege aus Münstertal durften auch mal an einer der Runden in Mangolds Laisackerhof teilnehmen. Angesichts der lokalen Akteure verfolgt der Rathauschef den Ukraine-Krieg natürlich mit besonderem Interesse. In der täglichen Kommunalpolitik aber, sagt er, spiele das Russland-Netzwerk „keine Rolle“.

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