Schauspielpremiere Stuttgart Ein Eklat? Lohnt ein Besuch von Bernhards „Vor dem Ruhestand“ in Stuttgart?

Teilen in Stuttgart Gesinnung und Bett, die Geschwister Höller: Szene aus Thomas Bernhards „Vor dem Ruhestand“ mit Katharina Hauter als Vera und Matthias Leja als Rudolf. Foto: Toni Suter

Sex unter Geschwistern, AfD-Anspielungen – Regisseur Martin Kusej verlegt im Schauspiel Stuttgart Thomas Bernhards Drama „Vor dem Ruhestand“ von 1979 in die nahe Zukunft.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Man müsste denen mal den Text von Bernhard zukommen lassen, murmelt eine ältere Dame ihrer Begleiterin zu, während sie sich am Samstagabend nach dem ohne Buh und Bravo ausgefallenen Applaus in Richtung Ausgang des Stuttgarter Schauspielhaussaales bewegt.

 

Damals wie heute bleibt der Eklat aus. Regisseur Martin Kusej hat bei seiner Inszenierung von Thomas Bernhards „Vor dem Ruhestand“ allerhand hinzuerfunden, dezidierte Inzestszenen mit Oralsex etwa, aber nichts Grundsätzliches hinzugefügt. Es bleibt eine wortmächtige Warnung vor dem Erstarken des Faschismus. Claus Peymann hatte sich 1979 als Intendant und Regisseur aus Stuttgart mit der Uraufführung von „Vor dem Ruhestand“ verabschiedet.

Claus Peymanns Stuttgarter Abschiedsinszenierung

Zu jener Zeit, als in vielen Anwaltskanzleien und auf Richterstühlen noch Altnazis saßen, die von der Rückkehr des „Dritten Reiches“ träumten, war das Stück topaktuell. Zumal es auf die Affäre Filbinger reagierte. Baden-Württembergs Ministerpräsident Hans Filbinger musste 1978 nach Enthüllungen über Todesurteile, die er als Militärrichter in der NS-Zeit gefällt hatte, zurücktreten. Jener Hans Filbinger hatte überdies an Peymanns Weggang maßgeblich mitgewirkt (ausgelöst durch einen Spendenaufruf für die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin am Schwarzen Brett des Theaters).

Der sich wieder in Amt und Würden befindende einstige NS-Richter Rudolf Höller feiert in Bernhards Stück – eifrig assistiert von seiner Schwester Vera, missbilligend beäugt von seiner linksliberalen Schwester Clara – jedes Jahr den Geburtstag einer NS-Größe: Heinrich Himmler, der als Sohn eines Oberstudiendirektors geborene einstige Chef der SS, einer der Hauptverantwortlichen des Holocaustes. Mit dem Tag beginnt auch der Premierenabend in Stuttgart, via Radioansprache aus dem Off. Es haben anders als in Bernhards Drama gerade Wahlen stattgefunden. Wie es aussieht, regiert nun die AfD, Alice Weidel wird Kanzlerin.

Plakative Szenen im Schauspielhaus Stuttgart

Ganz schön plakativer Start, damit auch ja kein Zweifel aufkommt, warum das Stück heute in Stuttgart wieder gespielt wird. Als Erinnerung: am 8. März ist (Landtags-)Wahl, liebe Leute, schaut, wohin es führt, wenn ihr extrem rechts das Kreuz setzt. Deshalb auch wird in Kusejs Inszenierung nicht mehr nur gehofft, dass man seine nationalsozialistische Gesinnung bald laut aussprechen darf, es ist schon wieder möglich. Und anders, als es im Drama steht, muss die querschnittsgelähmte Schwester Clara an Himmlers Geburtstag einen Häftling spielen, mit kahlrasiertem Kopf, in KZ-Jacke mit Judenstern.

Martin Kusej und die Bühnenbildnerin Annette Murschetz lassen die bizarre Feier in einem Einfamilienhaus mit Garten und Keller stattfinden: Es geht nicht um versprengte Irre, die von alten Zeiten schwadronieren. Der antidemokratische Radikalismus kommt aus der Mitte der gut situierten Mittelschicht.

Und die wohnt, bis auf das fies kalte Neonlicht, schick: Schlafzimmer mit angeschlossenem Bad, offener Küchen- und Essbereich mit dem Gemälde „Die vier Elemente“ von NS-Künstler Adolf Ziegler an der Wand. Ein Keller mit Kinderbetten (der angedeutete Inzest zwischen Vera und Rudolf wird an diesem Abend mehr als deutlich ausgespielt), der wiederum eher an einen Führerbunker erinnert.

Alle Räume auf eine Drehbühne zu packen, wurde vermieden, daher finden längere Umbauten statt. Währenddessen werden Sätze aus dem Stück auf die dunkle Bühnenwand projiziert, untermalt von unheilvoll wummernden Beats, die der für renommierte Bühnen arbeitende Künstler Bert Wrede komponiert hat. Der typisch Bernhardsche Rede-Rhythmus wird immer wieder unterbrochen, da der Abend zu stark in Bilder, in Tableaus eingeteilt ist.

Fressattacken während einer bizarren Feier

Bloß kein l’art pour l’art! Kein Abend ist diese Inszenierung für jene, die vor allem des Dramatikers Wortmacht schätzen, die berühmten Erregungs-Kaskaden, die Sprachspiralen, die zuweilen schon fast komische, oft auch schwer erträgliche Verzweiflung, in die sich die Figuren hineinreden wie in einem Jazzstück, wo einzelne Instrumente ein längeres Solo improvisieren.

Therese Dörr als Clara, Katharina Hauter als Vera in der Stuttgarter „Vor dem Ruhestand“-Inszenierung von Martin Kusej. Foto: Toni Suter

Die oft missbilligend schweigende Clara von Therese Dörr im modisch lilafarbenen Samt-Jogginganzug (später im knallroten Kleid) und mit cooler Intellektuellenbrille darf sich immerhin über den väterlichen Drill und seine Kunstverachtung in Rage reden. Vera hingegen, von Katharina Hauter mit hellblonder Mähne und im AfD-blauen Schlauchminikleid verkörpert, spricht gedimmt, beherrscht, zurückhaltend, als würde sie sich selbst nicht ganz glauben, wofür auch ihre Fressattacke bei der Himmlerfeier spricht. Heftig wirken ihre fast schon lakonisch dahingesagten Sätze, dass die Deutschen Antisemiten waren und immer sein werden. Ein harsches Pauschalurteil. Und doch trifft es einen empfindlichen Nerv, auch angesichts aktueller Meldungen, etwa dass in KZ-Gedenkstätten wie Buchenwald Angst vor israelfeindlichen Demos durch Linksextremisten herrscht, dass Synagogen unter Polizeischutz stehen.

Der notorische Judenhasser Rudolf tritt im stahlblauen Anzug auf und ätzt mit schnarrendem Ton gegen die Demokratie. Matthias Leja verleiht dem Gerichtspräsidenten paranoide Züge, anders als bei Bernhard bekommen „Judenbuben“, die ihn angerempelt haben, jetzt ihre „Strafe“. Und während er penibel die Ärmel seines blütenweißen Hemdes hochkrempelt, stellt er befriedigt fest, dass „die Zukunft schon jetzt stattfindet“. Als er zur Feier in einer NS-Uniform auftritt, freut sich Vera, dass der Bruder sie nicht mehr nur heimlich tragen muss, sondern so auch „in die Oper in die Mittelloge“ marschieren könnte.

Martin Kusejs Regiearbeit begnügt sich nicht mit der Ausmalung eines neuen faschistischen Deutschlands. Zwei Kinder (eine inzestuöse Brut von Vera und Rudolf?) übernehmen – ohne hier das Ende zu verraten – das Ruder. Gibt diese Jugend Anlass zur Hoffnung oder nicht? Immerhin etwas Ambivalenz bleibt nach diesen gut gemeinten Demokratienachhilfestunden mit Textmaterial von Thomas Bernhard.

Info

Regisseur
Martin Kusej st ebenso wie Thomas Bernhard und Claus Peymann ein alter Bekannter in Stuttgart. Von 1993 bis 2000 war der 1961 geborene Österreicher Hausregisseur am Schauspielhaus, inszenierte unter anderem „König Arthur“, „Ödipus“, „Gesäubert“.

Stück
Thomas Bernhards satirische Farce „Vor dem Ruhestand“ wurde von Claus Peymann 1979 in Stuttgart uraufgeführt mit Traugott Buhre, Eleonore Zetsche und Kirsten Dene – und wieder 2000 am Wiener Burgtheater (auf dem social media Kanal youtube nachzusehen). Nächste Aufführungen der neuen Stuttgarter Inszenierung sind am 22. Februar, am 5., 13., 19., 29. März

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