Sommergespräch mit Manuel Hagel CDU-Fraktionschef setzt Zeichen gegen Schwulenhass

Manuel Hagel am Denkmal des Schwulen-Vorkämpfers auf dem Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz in Stuttgart. Foto: Lichtgut - Ferdinando Iannone/Ferdinando Iannone

Der Landtagsfraktionschef Manuel Hagel ruft die CDU zum Einsatz gegen Homophobie und Menschenhass auf. Er beruft sich auf das christliche Menschenbild – und Adenauer.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Stuttgart - Zugegeben, die Verabredung zum Sommergespräch mit dem CDU-Fraktionschef im Landtag, Manuel Hagel, war ein wenig anders geplant. Über gendergerechte Sprache und den ersten bekennenden Schwulen der Weltgeschichte wollten wir sprechen und zwar auf dem Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz im Stuttgarter Süden. Diesem Platz hat der Freidenker aus dem 19. Jahrhundert seinen Namen gegeben.

 

Hagel, in blauer Anzughose, weißem Hemd und Sonnenbrille, kommt gut gelaunt und pünktlich zum Treffpunkt an die stählerne Stele. Sie erinnert daran, dass Ulrichs auf dem Juristentag von 1867 in München Tumulte erntete, als er für die Straffreiheit gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen eintrat, weil dies nicht abartig sondern natürlich sei. Damals war das revolutionär, den Zeitgenossen weit voraus – und erfolglos. Ulrichs Träume von Liberalisierung zerschellten nach der Reichsgründung 1871 an staatlicher Repression gegen Homosexuelle. Frustriert emigrierte er ins Exil nach Italien.

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150 Jahre später zählen Gesundheitsminister Jens Spahn und der Stuttgarter Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann zu den prominenteren Homosexuellen der CDU. Als Anwalt und Vorkämpfer der LGBTTQ-Bewegung ist die Partei dennoch nicht bekannt. Deshalb ist es ein Experiment, über dieses Thema mit dem 33-Jährigen zu reden, der nach der Landtagswahl die steilste Karriere auf dem Stuttgarter Polit-Parkett gemacht hat. Seit 2016 ist der Abgeordnete aus dem Alb-Donau-Kreis im Landtag. Fünf Jahre später ist er als Fraktionschef zum zweitmächtigsten CDU-Politiker der grün-schwarzen Koalition aufgerückt.

Hagel würdigt Vordenker der Schwulenbewegung

Vor der Vorbereitung auf das Gespräch kannte Hagel Ulrichs nicht. Jetzt lässt er es sich aber nicht nehmen, ihn als „Pionier für die Gleichstellung“ zu würdigen. „Wir sind da heute in Deutschland natürlich viel weiter – Gott sei Dank“, setzt er hinzu und verweist auf fünfzig Länder von Russland bis zu den arabischen Staaten, wo Menschen wegen ihrer sexuellen Identität noch heute verfolgt sind. Angesichts zunehmender Radikalisierungen sieht Hagel aber auch keinen Anlass, das Problem hier als erledigt abzutun: „Es liegt an uns, dafür zu sorgen, dass kein Mensch Baden-Württemberg verlässt, weil er sich in seinen Freiheiten oder Menschenrechten beschränkt sieht.“

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Verstreute Kronkorken, leere Wodka- und Kümmerling-Flaschen auf den Bänken neben dem Denkmal laden nicht dazu ein, in Sichtweite von Ulrichs Konterfei weiter zu reden, wie zuerst geplant. Das Gespräch wird ins türkische Restaurant jenseits der Straße verlegt. „Für mich ist selbstverständlich, dass alle Menschen – als Christdemokrat füge ich hinzu: so wie sie von Gott geschaffen sind – unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer körperlichen Konstitution, ihrer Religion, Ethnie, ihrer Staatsangehörigkeit ihrer geschlechtlichen Identität oder eben ihrer sexuellen Orientierung, akzeptiert und mit gleichen Rechten anerkannt werden“, sagt Hagel. „Da bin ich ganz Christdemokrat.“

„Mir ist Einsatz gegen Homophobie wichtig“

Qua Alter und Amt ist der Ehinger, der verheiratet ist und zwei Söhne hat, fast automatisch zum Modernisierer der Südwest-CDU bestimmt. Wie er die Balance von Erneuern und Bewahren in der Landtagsfraktion austariert, ist eine der spannenden Fragen für die neue grün-schwarze Regierungsperiode. Dass Fragen von heute sich nicht mit Antworten von 1980 oder 1990 lösen lassen, gehört zu Hagels Mantras. „Aus dieser Haltung heraus ist uns Christdemokraten und auch mir persönlich so wichtig, dass wir uns gegen Homophobie und damit gegen Menschenhass einsetzen“, sagt er jetzt.

Wie weit die Südwest-CDU diese Position teilt, ist offen. Eine revolutionäre Wende kann Hagel in seiner Haltung nicht erkennen. Er zieht eine gerade Linie bis zurück ans Ende der Nazizeit, als „ Adenauer und die anderen Gründer der Partei das christliche Menschenbild als Bollwerk gegen extremistisches Denken gesetzt“ haben. Damals epochemachend sei dies bis heute aktuell.

Christliches Menschenbild als Verpflichtung zum Minderheitenschutz

Gerade in der Jetzt-Zeit mit ihrer Vielfalt an Stimmungen und Extremen sieht Hagel „die zentrale Aufgabe der Christdemokratie als Volkspartei darin, nicht das Trennende, sondern das Verbindende in der Gesellschaft zu suchen“. Hagel sieht es als moderne Version des traditionellen Freiheitsversprechens der CDU „mehr Toleranz für Minderheiten zu erreichen – ganz egal ob es um Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle oder Menschen geht, die sich ein drittes Geschlecht zuschreiben“. Damit sei stets die Garantie verknüpft, „christliches Menschenbild, Grundgesetz, freiheitlich demokratische Grundordnung und den Schutz von Minderheiten zusammenzudenken“.

Absage an Gendersprache

In die Gefahr, bei der Modernisierung der CDU-Minderheitenpolitik vom grünen Koalitionspartner nicht mehr unterscheidbar zu sein, gerät Hagel dabei nicht. Aus seiner Sicht „soll jeder nach seinem eigenen Lebensentwurf glücklich werden“. Aber identitätspolitischen Forderungen, wonach Minderheiten sprachliche und gesellschaftliche Anerkennung für ihr jeweiliges Sosein fordern, erteilt er eine klare Absage. „Unser Ziel muss es doch sein, dass alle geschlechtlichen Identitäten im besten Sinne normal sind und niemanden mehr interessieren“, betont er.

Beim Thema gender- und minderheitengerechte Sprache ist er für die staatliche und behördliche Einhaltung der Rechtschreibregeln, die keine Genderzeichen vorsehen. „Daran sollten wir uns in Schulen und Universitäten halten“, betont er. Dass Universitäten – wie im Frühjahr in Kassel angedacht – Studierende, die nicht gendern mit Punktabzug bedenken, lehnt Hagel ab. „Ich halte das für eine reine Erziehungsmaßnahme, die an Hochschulen in Baden-Württemberg nichts zu suchen hat“, setzt er hinzu. „Wer gendern will, der soll das tun – aber ohne den missionarischen Eifer, das jedem aufzudrücken.“

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