Sommerserie Manuel Hagel macht Wahlkampf im umgekehrten Merkel-Modus
CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel will im Vorwahlkampf ganz nah bei den Leuten sein. Wie sein Sound ankommt und was er verbirgt.
CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel will im Vorwahlkampf ganz nah bei den Leuten sein. Wie sein Sound ankommt und was er verbirgt.
Wie treten die Spitzenkandidaten im Sommer vor der nächsten Landtagswahl auf? Das beleuchtet unsere diesjährige Sommerserie. Diesmal im Fokus: Manuel Hagel von der CDU.
Bei Manuel Hagel kann man die Vorsilbe aus dem Wort „Vorwahlkampf“ getrost streichen. „Hagel 2026“ steht auf den türkisfarbenen Plakaten, die seine Mitarbeiter großzügig auf den mattschwarz gestrichenen, grobporigen Betonwänden des Kellergeschosses verteilt haben. „Schräglage“ heißt der Club mitten in der Landeshauptstadt. Sonst versteht sich die Location als erste Hiphop-Adresse Süddeutschlands. Jetzt steht dort der CDU-Spitzenkandidat, Landespartei- und Fraktionschef Manuel Hagel in grauer Hose, weißem Hemd und, natürlich, aufgekrempelten Ärmeln. Es ist nicht nur endlich mal wieder sommerlich warm an diesem Abend. Hagel will anpacken und das soll jeder möglichst schon auf den ersten Blick erkennen. Es ist brechend voll, 300 Leute sind gekommen, um den zu hören, der nächstes Jahr die Macht im Land für die CDU zurückerobern will.
Hagel hat seit seinem Aufstieg in die Landespolitik jedes Jahr eine Sommerreise durch Baden-Württemberg gemacht. Wahrscheinlich hat er dabei so viele Kilometer gefressen, dass es inzwischen um den Äquator reichen könnte. „Land Leute Hagel“ heißt das Motto in diesem Jahr. Allmählich will er ernten, was er in den Jahren zuvor erarbeitet hat. Irgendwann bei seiner Tour d’Horizont durch die politische Lage des Landes lässt er fallen, dass es noch acht Monate sind bis zur Wahl. Gewinnen will er die offenbar mit einer Art umgekehrter Merkel-Strategie: Die Altkanzlerin setzte in ihrem letzten Wahlkampf auf den Slogan „Sie kennen mich“ . Hagel dagegen umwirbt die Bürger in seinem ersten Wahlkampf mit der Botschaft „Ich kenne Sie“. Im Originalton klingt das dann zum Beispiel so: „Ich kenne mich unheimlich gut aus in Baden-Württemberg“. Impliziert ist dabei stets, dass er die Leute kennt, dass er weiß, was sie wollen und brauchen, dass er einer von ihnen ist.
Den spezifischen Hagel-Sound, mit dem der CDU-Herausforderer sein Publikum zu umgarnen trachtet, hat er inzwischen perfektioniert. Fragen, auch unangenehme, wie die nach den gebrochenen Wahlversprechen der CDU bei der Bundestagswahl in Sachen Schuldenbremse, bringen ihn längst nicht mehr aus dem Konzept. Dass er nur ein wolkiges Bekenntnis abgibt, wonach Schulden nur der Notausgang und niemals der Haupteingang in der Politik sein dürften, fällt gar nicht auf. Und diese Aussage könnte selbst Friedrich Merz, wäre er wieder im Wahlkampf und nicht gerade der Kanzler, der einen Billionen-schweren Schuldenwumms auf den Weg gebracht hat, gerade wieder so treffen.
Aber mit seinen freundlich verpackten Vagheiten eckt Hagel allem Anschein nach nicht an. Das Stuttgarter Publikum, das grob zur Hälfte aus Parteimitgliedern besteht, ist zufrieden und applaudiert großzügig. Wenn Hagel im Allgemeinen fordert, dass wieder mehr gearbeitet werden soll, nimmt er explizit diejenigen aus, die schon jetzt den ganzen Tag schaffen und entlastet gehören – man muss nicht rätseln, zu welcher Gruppe die Zuhörer sich in diesem Moment zählen. Wenn die schwierige aktuelle Lage der Autoindustrie thematisiert wird, geißelt Hagel den „Kulturkampf gegen den Verbrenner“ und hat als Antwort nicht mehr zu bieten, als das Vertrauen, dass „Baden-Württemberg die besten Ingenieure der Welt“ habe, die „die besten Autos der Welt bauen“ und die Antworten auf die heutigen technischen Fragen schon noch finden würden. Dass er sonst auch gerne sagt, Antworten auf die Fragen von heute seien nicht im Gestern zu finden? Es fällt an so einem Abend den meisten Zuhörern nicht auf.
Dabei lernt Hagel schnell. Bei seinem Nominierungsparteitag im Frühjahr hat er noch lautstark einer zehnten Landesuniversität allein für Künstliche Intelligenz das Wort geredet, was Experten schon wegen der ohnehin reichhaltigen Hochschullandschaft im Südwesten und den unterschiedlichen, vorhandenen KI-Forschungsstandorten wenig überzeugend fanden. Jetzt geht es ihm nur noch um eine „University Alliance für KI“ mit der „Baden-Württemberg DER KI-Hotspot für Europa“ werden könne. Eine Analyse der regionalen Konkurrenzsituation bei dieser Zukunftstechnologie steckt nicht hinter der Prognose.
Das ist bei der Koalitionsaussage anders. Es ist in den aktuellen Umfragewerten begründet, dass Hagel sich – anders als noch vor wenigen Monaten, als er eine klarer Präferenz erkennen lassen hat für ein Bündnis mit FDP und/oder SPD, aber jedenfalls ohne die Grünen – sich jetzt nicht mehr festlegt. Sein Ziel sei daher eine „Koalition der bürgerlichen Mitte unter unserer Führung“.
Nach dem Abend in der Landeshauptstadt, haben Hagels Tourplaner ein Heimspiel organisiert. Jetzt ist er in Schelklingen, seinem Heimatwahlkreis, wo ein Urahn der heutigen Baden-Württemberger vor rund 40 000 Jahren die Venus vom Hohle Fels geschnitzt hat. Hagel zieht es mal in die Unterwelt. Als Grundschüler war er beim Schulausflug zum ersten Mal hier. Nicholas Conard, der Tübinger Professor, der die Ausgrabungen verantwortet, zeigt ihm die Stelle, wo 2008 die legendäre Frauenfigur und vor kurzem auch ein Schnitzwerkzeug aus dieser Zeit gefunden wurde. „Wo wir jetzt stehen, wurde das älteste Kunstwerk, das älteste Musikinstrument und die ersten Glaubenszeugnisse gefunden“, sagt er. Am Höhleneingang haben die Archäologen die Fundstücke der vergangenen Tage auf einem Tischchen deponiert. Eines der frühesten Schmuckstücke, die je von Menschen geformt wurden, beeindruckt ihn besonders. Er erkennt darin den Vorläufer der Brezel.