Thomas Strobl war voll des Lobes für den künftigen Konstanzer Polizeipräsidenten. In den höchsten Tönen lobte der CDU-Innenminister seinen Personalvorschlag, den das Kabinett im September gebilligt hatte. Der Nachfolger des altershalber ausscheidenden Chefs am Bodensee sei „genau die richtige Wahl“. In seinen bisherigen Verwendungen habe er „herausragende Führungsqualitäten und hohe Sozialkompetenz bewiesen“. Damit verfüge er über „beste Voraussetzungen für die neue Funktion“. Ein wenig lobte Strobl aber auch sich selbst. „Zeitnah und vorausschauend“ habe man den Übergang zum 1. Januar 2025 geregelt.
Der Jahreswechsel liegt inzwischen zwei Wochen zurück, doch der hochgerühmte Mann – derzeit Vize an einer anderen Polizeieinrichtung - hat das Amt noch immer nicht angetreten. Auf der Webseite des Konstanzer Präsidiums wird stattdessen ein „Polizeipräsident in Vertretung“ ausgewiesen: Uwe Stürmer, der Chef des Präsidiums in Ravensburg. Da es in Konstanz derzeit keinen Stellvertreter gibt, hat Stürmer die Leitung vorübergehend zusätzlich mit übernommen. Seine Arbeitszeit teilt er nun zwischen den beiden Standorten auf.
Beim 5000-Meter-Lauf geschummelt?
Der designierte Präsident muss warten, weil es inzwischen Zweifel an seiner Eignung gibt. Er ist nämlich einer jener Polizeiführer, gegen die die Staatsanwaltschaft Stuttgart seit Ende 2024 ermittelt; bekannt wurde das durch Recherchen unserer Zeitung. Es geht um das Verleiten eines Untergebenen zu Straftaten, um Falschbeurkundung und um Anstiftung dazu. Das Verfahren richtet sich laut Justiz gegen vier „höherrangige Polizeibeamte“ und eine Angestellte. Es dauere unverändert an, hieß es dieser Tage.
Untersucht wird der Fall eines Anwärters, der die Aufnahme in den mittleren Polizeidienst eigentlich schon verfehlt hatte. Beim 5000-Meter-Lauf – einer der geprüften Sportdisziplinen – erreichte er nicht die nötige Mindestnote. Die „Ausdauerkomponente“ aber ist laut Ministerium unabdingbare Voraussetzung für künftige Ordnungshüter; beim Verfolgen von Straftätern zum Beispiel soll ihnen nicht die Puste ausgehen.
Zweite Chance für den Durchgefallenen
Doch für den Durchgefallenen soll sich auf wundersame Weise eine zweite Chance ergeben haben. Ein Polizeipräsident und der besagte Vize der Polizeieinrichtung sollen gemeinsam dafür gesorgt haben, dass er die Prüfung doch bestand - mit fragwürdigen Mitteln. In der Folge wurde er wieder aufgenommen. Die besondere Fürsorge der Polizeiführer soll dem jungen Mann zuteil geworden sein, weil es eine private Verbindung gebe.
Mögliches Schummeln bei einer Prüfung und der Aufnahme in den Polizeidienst – das wäre kein Kavaliersdelikt. Zudem mussten die Beteiligten damit rechnen, dass es auffliegt: das Scheitern des Anwärters und seine überraschende Rückkehr bekamen etliche Beamte mit. In Polizeikreisen wird daher mit Verwunderung gefragt, wie die Beteiligten so unvorsichtig sein konnten. Dem designierten Konstanzer Präsidenten wurde derlei bisher nicht zugetraut; er galt als ausgesprochen korrekter und integrer Vorgesetzter.
Interims-Chef für drei Monate entsandt
Alarmiert über die Vorgänge, die erneut ein schlechtes Licht auf die Polizeioberen werfen, zeigte sich auch die Opposition im Landtag. An diesem Mittwoch erwartet sie im Innenausschuss nähere Auskünfte von Thomas Strobl. Sollte das Gremium, wie beantragt, öffentlich tagen, dürfte der Innenminister allerdings wenig sagen können. Zu laufenden Ermittlungen gebe es keinen Kommentar – das ist, wie stets, die Linie des Ressorts. Die betroffenen Dienststellen schweigen ebenfalls.
Auch der Konstanzer Interims-Präsident Stürmer hält sich bedeckt. Wie stets gelte die Unschuldsvermutung, schrieb er an seine Beamtinnen und Beamten, von Spekulationen sollten diese daher absehen. Stürmer hofft auf eine „zügige Klärung“, denn seine Mission ist befristet: In Absprache mit der Landespolizeipräsidentin Stefanie Hinz ist er für drei Monate entsandt.