Schnelllebig ist unsere Zeit, kurzatmig und hektisch. Genauso gilt: Schwerfällig ist vieles, langsam und zäh. Ersteres charakterisiert unseren Alltag, die zweite Beobachtung drängt sich auf beim Blick auf fast jede Art von Vorhaben. Der Schwergang bei Planungen macht ein Fortkommen kaum möglich. Von der Idee bis zur Realisierung von Bauprojekten ist es unendlich weit. Unterwegs geht oft die Kraft aus – und der Mut und das Geld. Vorschriften, Wartezeiten, Bürokratie und andere Beschwernisse lassen einen erlahmen. Von Visionen und ihrer Umsetzung wollen wir gar nicht erst reden. Eher fließt der Neckar in umgekehrter Richtung, als eine Vision Wirklichkeit wird.
Was ist aus den „Neckarperlen“-Plan geworden?
Neckar ist hier auch das Stichwort. CDU und Grüne wollen der Uralt-Idee von der „Stadt am Fluss“ neues Leben einhauchen. Die Älteren erinnern sich an die „Neckarperlen“, die Stuttgarts früherer OB Fritz Kuhn aneinanderreihen wollte, um die bräunliche Wasserstraße zwischen Obertürkheim und Hofen funkeln zu lassen. Was ist aus diesem „Masterplan Landschaftspark Neckar in Stuttgart“ geworden? Im Cannstatter Lindenschulviertel bemüht man sich um die Schaffung von etwas Flussatmosphäre. Davon abgesehen, perlt außer dem Mineralwasser, das in den Neckar fließt, nichts.
Nun soll ein neuer Anlauf unternommen werden, um „ein Urbedürfnis der Bürgerinnen und Bürger“ zu stillen, wie CDU-Fraktionschef Alexander Kotz erklärt. Er will Stadt und Fluss endlich zusammenzubringen. Gemeinsam liebäugeln CDU und Grüne damit, sich wieder um eine Bundesgartenschau (Buga) oder eine Internationale Gartenbauausstellung (Iga) zu bewerben mit dem Neckar als Mittelpunkt und den Neckarnachbarn Esslingen, Remseck und Ludwigsburg als Partnern. Das Projekt trägt den Titel „Neckar-Future“. Dann soll man im Fluss auch wieder baden (!) können.
Baut Jungbrunnen!
Schade nur, dass diese „Neckar-Future“ ziemlich weit entfernt ist, also eher Science-Fiction-Charakter hat. Die Rede ist von 20 Jahren, bei denen es sich auch um Lichtjahre handeln könnte. Bis dahin fließt noch viel Wasser den Neckar runter. Und wer, von den dann längst nicht mehr handelnden Personen, kann heute schon sagen, was bis dahin aus Stuttgart geworden ist?
Das Projekt sollte ehrlicherweise den Titel Bundeswarteschau tragen. Das passte dann auch ins Bild einer Stadt im Wartezustand: 20 Jahre bis zur nächsten Buga, 20 Jahre bis zur sanierten Oper, und Stuttgart 21 hat bekanntlich auch schon einen langen Bart. Aber wir haben’s hier in Stuttgart ja: Lebenszeit im Überfluss! Wir dürfen nur nicht älter werden. Stuttgart muss einfach mehr Jungbrunnen bauen. Doch das dauert vermutlich auch seine Zeit.