Stichwahl in Sindelfingen OB-Wahl: Die beiden Kandidaten im Vergleich – Aufbruch oder Erfahrung?

Wer macht das Rennen? Max Reinhardt (li.) geht mit hauchdünnem Vorsprung in die Stichwahl gegen Markus Kleemann Foto: Eibner/Neumann

Am 25. Mai kommt es in Sindelfingen zur Stichwahl zwischen dem aufstrebenden Max Reinhardt und dem erfahreneren Markus Kleemann, analysiert unser Redakteur.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Da waren es nur noch zwei. Von den drei ernst zu nehmenden und den sechs weiteren Kandidaten für das Amt des Sindelfinger Oberbürgermeisters bleiben nach dem ersten Wahlgang am vergangenen Sonntag nur Max Reinhardt und Markus Kleemann übrig. Sie gehen automatisch in die Stichwahl am 25. Mai – dank einer Wahlrechtsänderung im Jahr 2023. Laut der kommen nur die beiden Bestplatzierten in den zweiten Wahlgang, eine Rücknahme der Bewerbung wie zuvor ist nicht mehr nötig.

 

Bei der jetzigen Wahl landete der Ehninger Bürgermeister Lukas Rosengrün auf dem undankbaren dritten Platz. Er zog 22,6 Prozent der Voten auf sich, 3861 absolut. Politisch ist die öffentlichkeitswirksame Niederlage klar ein Dämpfer für den Ehninger Schultes. Ihm fehlte offenbar der nötige Rückhalt in der Stadtgesellschaft.

Der 25-jährige Kandidat Max Reinhardt

FDP-Stadtrat Max Reinhardt präsentierte nur kurz nach Bekanntgabe seiner Kandidatur schon ein 31-köpfiges Kompetenzteam. Darin: Unternehmer, Stadträte, Funktionäre, Erfinder – Sindelfinger Schwergewichte eben. Der liberale Senkrechtstarter scheint neben seinen vielen Talenten vor allem eine Gabe zu haben: Menschen hinter sich zu scharen. Dabei wirkt der junge Mann nach außen immer bescheiden, fast bedächtig. Zweifelsohne ein Pluspunkt. Sein Wahlkampf gleicht einer sorgsam orchestrierten Werbekampagne: Maximale Präsenz auf vielen Social-Media-Kanälen, Veranstaltungen, in der Presse. Doch so umtriebig der 25-Jährige auch ist: Große politische Verantwortung trug er bisher noch nicht.

Eklat kurz vor der Wahl: „Ich lehne jede Art von Extremismus ab“

Kurz vor der Wahl kamen Vorwürfe auf, er habe im Wahlkampf die Nähe zu türkischen Extremisten nicht gescheut. Max Reinhardt weist die Vorwürfe von sich. „Ich lehne jede Art von Extremismus ab“, betont der Jurist. Dass allerdings gemeinsame Fotos auf sozialen Plattformen im Internet, die eine unkritische Nähe suggerieren, problematisch sein können – das räumt Max Reinhardt ein. „Solche Bilder können eine relativierende und legitimierende Wirkung haben.“ Da müsse man vorsichtig sein. „Für mich ist das ein Anstoß, klare Regeln zu entwickeln, die Haltung zeigen – ohne pauschal auszugrenzen.“

Der 40-jährige Kandidat Markus Kleemann

Anders als Markus Kleemann, der schon zehn Jahre als Bürgermeister auf dem Buckel hat. Der 40-jährige Politik- und Verwaltungswissenschaftler hat als Außenstehender nur 273 Stimmen beziehungsweise 1,6 Prozent weniger geholt als der Lokalmatador, 35,36 Prozent wählten den CDU-Mann. Kleemann sitzt im 8000-Einwohner-Ort Oberstenfeld im Kreis Ludwigsburg fest im Sattel. Beobachter beschreiben ihn als Prototyp des jungen, strebsamen CDU-Bürgermeisters, ehrgeizig, integrativ, mit einem guten Gespür für Kommunikation.

Klamme Gemeinde auf Kurs gehalten

Als Bürgermeister musste er Oberstenfeld zunächst finanziell auf Kurs halten. Eine Gemeinde, die in puncto Steuerkraft eher auf Dornen als auf Rosen gebettet ist. Geschickt: Dafür beschwor er den Gemeinsinn mit wertschätzenden Veranstaltungen für Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Das brachte Rückhalt. In der Flüchtlingswelle 2015 bekam er vom Ludwigsburger Landratsamt gleich eine Flüchtlingsunterkunft aufgebürdet. Außerdem musste er den unpopulären Schritt tun und eine Grundschule schließen. Doch Kleemann setzte auf gute Kommunikation – und ging aus diesen Konflikten unbeschadet hervor.

Nur eines ist jetzt schon sicher: Die Tage dieses Türschilds sind gezählt. Foto: jps

In seinem Gemeinderat genießt er breiten Rückhalt über alle Fraktionen hinweg. Seine Fähigkeit, sich selbst gekonnt in Szene zu setzen, wird aber zugleich als seine Schwäche beschrieben. Als einer, der sich selbst gern auf die Schulter klopft, kann er Widerworte und Kritik nur schwer ertragen. Auffällig ist eine hohe Fluktuation im Oberstenfelder Rathaus, was schon zu öffentlichen Nachfragen führte. Kleemann konterte damals, er stelle eben gute Leute ein, die weiter Karriere machen wollten.

Diese Fähigkeit zur geschickten Deutung der Wahrheit zeigte er auch am Wahlabend: „Ich freue mich, wahrzunehmen, dass die Bürgerinnen und Bürger jemand mit Bürgermeister-Erfahrung haben wollen, das ist die deutliche Mehrheit, wenn man die Kleemann-Stimmen und die Rosengrün-Stimmen zusammennimmt.“ Dass sich Lukas Rosengrün zwei Tage nach seiner Niederlage öffentlich für Max Reinhardt aussprach, könnte ein Zünglein an der Waage sein.

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