Stiftungsrat beim VfB Stuttgart „Werden spicken, wie es steht“ – wie Cem Özdemir beim Pokalfinale mitfiebert

Cem Özdemir mit dem Schal des VfB Stuttgart. Foto: imago/Jan Huebner

Er ist VfB-Fan, Dauerkartenbesitzer und engagiert sich in der Stiftung „Brustring der Herzen“. Am Samstag muss der Spitzenpolitiker Cem Özdemir allerdings aus der Ferne mitfiebern.

Sport: Dirk Preiß (dip)

Er ist wohl der größte Fan des VfB Stuttgart unter den Bundespolitikern. Das Pokalfinale in Berlin kann Cem Özdemir zwar nicht live im Stadion verfolgen, er hofft aber auf einen Stuttgarter Sieg – auch mit Blick auf den Faktor Baden-Württemberg in der Europa League.

 

Herr Özdemir, der VfB spielt am Samstagabend in Berlin um den DFB-Pokal. Sie aber werden sich zu dieser Zeit in Heidenheim aufhalten – auf dem Parteitag der baden-württembergischen Grünen. Das klingt nach Schmerzen in der Fußballseele.

Man sagt ja immer: Fußball ist die schönste Nebensache der Welt. Was bedeutet: Manchmal gibt es eben Dinge, die wichtiger sind. Und am Samstag ist das bei mir der Fall. Ich habe mir ein großes Ziel vorgenommen: Ich will Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden. In Heidenheim werde ich nominiert, und es wird die Liste für die Landtagswahl 2026 gewählt.

Wie werden Sie das Endspiel denn dann verfolgen. Gar nicht?

Natürlich werde ich mit meinem VfB mitfiebern und drücke fest die Daumen. Am Dienstag war ich sogar im Olympiastadion mit Kevin Kühnert für ein Doppelinterview und durfte ein bisschen Pokalfinale-Luft schnuppern.

Kein Public Viewing auf dem Parteitag?

Es ist sichergestellt, dass in einem Nebenraum das Spiel auch laufen wird. Wann immer es verantwortbar ist, werden wir da sicher spicken, wie es steht. Und der Ministerpräsident Winfried Kretschmann vertritt die Landesregierung in Berlin. Er wird vom Parteitag aus nach Berlin reisen und das Spiel im Olympiastadion verfolgen. Leider wird auch mein Sohn nicht im Stadion sein, weil er, wie viele andere Mitglieder auch, bei der Verlosung leer ausgegangen ist. Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass mir die Politik in Sachen VfB in die Quere gekommen ist.

Erzählen Sie.

Just in der Zeit, als ich Bundesminister werden sollte, kam die Anfrage des VfB, ob ich Mitglied des Aufsichtsrats werden möchte.

Beides ging nicht?

Nein, als Minister ist das nicht möglich, da der VfB den Profifußball in eine AG ausgegliedert hat. Aber nun bin ich ja in der VfB-Stiftung engagiert – ein tolles Projekt.

Für den VfB-Fanclub Bundestag gilt das sowieso.

Aber nun bin ich ja kein Abgeordneter mehr.

Meines Wissens nach bleibt man im VfB-Fanclub Bundestag auch als ehemaliger Abgeordneter Mitglied. Es sei denn, man kündigt von sich aus.

Das wird nicht passieren! VfB-Mitgliedschaften sind immer lebenslang. Zumal den VfB-Fanclub im Bundestag ja auch eine besondere Offenheit auszeichnet. Anders als bei anderen können nicht nur Abgeordnete Mitglied sein, sondern auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das, finde ich, passt sehr gut zum Fußball.

Die eigentliche VfB-Sensation

Inwiefern?

Ich habe ja zwei Dauerkarten in der Untertürkheimer Kurve. Und da ist es doch ähnlich. Ich sitze dort zwischen Menschen, von denen ich nicht weiß, wer sie sind und was sie beruflich tun – und gerade das macht das Stadionerlebnis doch aus. Dass dort Menschen zusammenkommen, ganz unabhängig vom Beruf, der sozialen Schicht oder der politischen Einstellung. Wir fiebern zusammen mit, wir jubeln zusammen, wir klatschen ab oder trauern gemeinsam.

Nach ganz viel fußballerischer Trauer wurde beim VfB in den vergangenen zwei Jahren wieder mehr gejubelt...

...und das ist doch, ganz abgesehen vom Pokalfinale, die eigentliche Sensation. Dass sich der Verein nach all den schwierigen Jahren wieder stabilisiert hat.

Hat sich dadurch die bundesweite Wahrnehmung des Clubs verändert?

Auf jeden Fall. Die doofen Sprüche in Sachen Abstiegskampf haben aufgehört und sind Respekt und Sympathie gewichen. Nicht selten haben mir vor allem in der Saison 2023/2024 vor den Wochenenden viele Kolleginnen und Kollegen die Daumen gedrückt. Weil es ihnen gefallen hat, dass der VfB den Großen, vor allem dem FC Bayern, Paroli bietet. Aber es gab auch immer einen anderen Hinweis.

Welchen?

Mal schauen, wann sie euch wen wegkaufen.

Beispiele hat es im vergangenen Jahr gegeben. Haben Sie weiterhin auch diese Sorge?

Selbstverständlich kenne ich die Gesetzmäßigkeiten des modernen Profifußballs. Die Sehnsucht nach guten Spielern, die beim VfB eine lange Ära prägen, habe ich dennoch. Und die wird nicht unbedingt kleiner, wenn ich Legenden des Clubs treffe, die genau dafür stehen.

Sie schauen ja immer wieder auch sehr kritisch auf den Profifußball...

...bin aber nicht weltfremd. Ich weiß, dass Businessbereiche dazu gehören, damit das Geld verdient wird, um in anderen Bereichen die Tickets günstig belassen oder die Mannschaft zusammenhalten zu können. Aber der Fußball hat eben etwas, das er sich bewahren muss.

Was meinen Sie?

Wo treffen wir uns denn noch übergreifend, haben trotz aller Unterschiede ein gemeinsames Interesse und diskutieren miteinander? Diese Räume werden immer weniger. Wir leben in oft nach Einkommensverhältnissen getrennten Stadtteilen oder suchen unseren Freundeskreis nach ähnlichen Denkweisen, Hobbys und Berufen aus. Selbst in Schulen wird immer noch zu sehr nach der sozialen Herkunft sortiert. Das Fußballstadion ist einer der letzten Orte, wo man sich über Zugehörigkeiten und Ansichten hinweg begegnet. Das sollten wir hüten, wie unseren Augapfel.

Wie kann das gelingen?

Es gehören in den Stadien weiterhin Familienbereiche dazu, bezahlbare Tickets und günstige Stehplätze, die maßgeblich sind für die deutsche Fußballkultur.

Die wird am Wochenende in Berlin wieder zu beobachten sein, wenn Tausende Anhänger aus Stuttgart und Bielefeld die Stadt bevölkern. Wie haben Sie in der Vergangenheit die Finaltage in der Hauptstadt erlebt?

Es herrscht da jedes Mal eine tolle Atmosphäre, eine ganz besondere Stimmung. Und auch, wenn ich diesmal nicht vor Ort sein werde, freue ich mich darauf, dass die VfB-Fans Berlin in diesen Tagen schwäbisch einfärben werden.

Welche Bedeutung hätte der Pokalsieg für den VfB?

Es wäre super für unser Selbstbewusstsein, wenn wir trotz einer Saison, in der nicht alles rund gelaufen ist, den Pokal holen würden. Wir, der VfB – und eben nicht der FC Bayern, Bayer Leverkusen oder Borussia Dortmund.

Ein Sieg würde zudem bedeuten, dass Deutschland in der Europa League von zwei Vereinen aus Baden-Württemberg vertreten wird.

Das wäre der Hammer. Und darüber hinaus drücke ich übrigens auch dem 1. FC Heidenheim die Daumen, dass der Club in der ersten Liga bleibt. Dann hätten wir weiterhin vier erstklassige Vereine. Das ist wahnsinnig toll – auch mit Blick auf unser östliches Nachbar-Bundesland, von dem man weiß, dass sie dort kräftig zugelangt haben, als der liebe Gott das Selbstvertrauen verteilt hat. Während wir Baden-Württemberger derweil geschafft haben. (lacht)

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