Streit in Leinfelden-Echterdingen Was passiert in Schülerwohnheimen des Islamverbands VIKZ?

Neben der Moschee wollte der lokale Verein des Islamverbands VIKZ auch eines der umstrittenen Schülerwohnheime errichten, doch die Stadt Leinfelden-Echterdingen lehnte dies ab. Foto: Natalie Kanter

Die Stadt Leinfelden-Echterdingen fordert den Abriss der Moschee. Im Streit mit dem Islamverband VIKZ ging es um ein geplantes Schülerwohnheim, von denen es auch zwei in Stuttgart gibt.

Das geplante Schülerwohnheim neben der Moschee hat am Ende den Ausschlag gegeben. Der Islamverband VIKZ wollte nicht abrücken von seinem Bauvorhaben, obwohl die Stadt als Eigentümer des Grundstücks nicht einverstanden war. Jetzt ist bei Verwaltung und Gemeinderat der Geduldsfaden gerissen: Nach einem jahrelangen Rechtsstreit fordert die Stadt den Kölner Dachverband sowie seinen lokalen Verein (VKBI) auf, bis Ende des Jahres die fast fertig gebaute Moschee auf eigene Kosten abreißen zu lassen. Warum stehen die Schülerwohnheime des Islamverbands immer wieder in der Kritik?

 

Warum war das geplante Schülerwohnheim ein zentraler Punkt im Moschee-Streit?

Immer wieder ging es im Konflikt zwischen Stadt und dem örtlichen Moscheeverein (VKBI) sowie dem Kölner Islamverband VIKZ um ein Schülerwohnheim, das auf dem Grundstück neben der Moschee in Leinfelden-Echterdingen erbaut werden sollte. Doch die Stadt war nicht einverstanden mit den Plänen. Schon Ex-Oberbürgermeister Roland Klenk (CDU) hatte mehr als einmal deutlich gemacht hat, dass er ein solches Wohnheim für alles andere als integrationsfördernd hält. Alle Fraktionen im Gemeinderat hatten die Pläne ebenfalls kritisch gesehen. Dennoch brachten der VKBI und der Dachverband VIKZ zuletzt erneut das umstrittene Schülerwohnheim ins Spiel. Das Vertrauen für eine weitere Zusammenarbeit war damit aufgebraucht. Zum Vorwurf der mangelnden Integration wollte sich der VIKZ auf Nachfrage unserer Zeitung nicht äußern, der Verband teilte lediglich mit, dass man den geforderten Moschee-Abriss ablehne: „Eine solche Forderung kann und wird unser Ortsverein nach eigenem Bekunden nicht umsetzen.“

Welche Kritik gibt es an den Schülerwohnheimen?

In jenen Einrichtungen wird laut Experten ein ultrakonservativer und rückwärtsgewandter Islam gelehrt. Im Bildungssystem des VIKZ, das sich im Gegensatz zum säkularen Bildungssystem der Gesellschaft sehe, gehe es darum, islamische Regeln streng zu befolgen, um Richtig und Falsch und um eine strikte Geschlechtertrennung, sagte etwa Friedmann Eißler, der Islambeauftragte der Landeskirche, in einem Interview mit unserer Zeitung. „Wenn in der Erziehung die Sorge vor Verunreinigung und Beeinflussung durch die nichtislamische Gesellschaft im Vordergrund steht, wenn der westliche säkulare Einfluss als problematisch und gar als Feind des Glaubens gesehen wird, führt das zu einer Distanzierung von der Gesellschaft“, so Eißler. Der VIKZ selbst schreibt auf seiner Internetseite, dass man in den Schülerwohnheimen „besonderen Wert auf die Integrationsarbeit“ lege, etwa durch Förderung der deutschen Sprachkenntnisse oder Öffnung der Einrichtungen durch Veranstaltungen oder Begegnungen mit anderen Jugendlichen sowie der Zusammenarbeit mit Vereinen und Institutionen.

Wo gibt es in Baden-Württemberg bereits Schülerwohnheime des Islamverbands VIKZ?

Der VIKZ unterhält in Baden-Württemberg zehn Schülerwohnheime: Zwei in Stuttgart, jeweils eins in Mannheim, in Herrenberg, in Kirchheim unter Teck, in Rastatt, in Giengen an der Brenz, in Lörrach, in Bad Wurzach sowie in Neckarsulm, wie eine Sprecherin des Kommunalverbands für Jugend und Soziales (KVJS) auf Anfrage unserer Zeitung mitteilt. Derzeit sei „ein laufendes Aufsichts-/Beratungsverfahren anhängig“, informierte die Sprecherin – ohne weitere Details zu nennen. Im Frühjahr 2019 hatte der zuständige Verband dem VIKZ-Schülerwohnheim in Friedrichshafen nach körperlichen Übergriffen von Betreuern auf Kinder und Jugendliche die Betriebserlaubnis entzogen.

Welche Berichte gibt es aus anderen Bundesländern?

In Nordrhein-Westfalen und Hessen bewegte sich der VIKZ in den 2000er Jahren mehrfach jenseits der Gesetze. Es ging um illegal betriebene Kinderbetreuung. Das hessische Sozialministerium etwa schloss 2002 und 2005 zwei Schülerwohnheime: Man sah „eine Beeinträchtigung des Kindeswohls unter anderem durch die Gefahr, dass Jugendliche der gesellschaftlichen Integration entzogen und Außenkontakte stark reduziert werden“, so ein Sprecher. Das Ministerium fürchtete vor allem, „dass ein Menschenbild vermittelt wird, das westlichen Wertvorstellungen entgegensteht beziehungsweise diese unterdrückt“. Hessen stützte sich bei der Entscheidung auf die Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann. Der Verband bestritt das und wies die Analyse Spuler-Stegemanns für Hessen als „sachlich falsch“ und „tendenziös“ zurück.

Erol Ünal hatte fünf Jahre seiner Jugend Einblick in eine Moscheegemeinde des Islamverbands VIKZ. Foto: privat

Was berichten Insider?

„Je länger man dabei ist, desto mehr wird man indoktriniert“, berichtete Erol Ünal im Jahr 2022 unserer Zeitung über seine Zeit beim VIKZ, der Süleyman-Gmeinde, in Esslingen. Der 34-Jährige hat seine Teenagerjahre dort als Koranschüler verbracht – und kann die kritische Haltung der Stadt Leinfelden-Echterdingen gegenüber eines geplanten Schülerwohnheims gut nachvollziehen. „Der VIKZ ist ein sehr intransparenter Verband“, sagt Ünal heute und erinnert sich an antisemitische Äußerungen, die „gang und gäbe“ waren und nicht unterbunden wurden. Der 34-Jährige, der auch ein Buch über seine Zeit in Moscheegemeinden veröffentlichte, berichtet zudem von gepredigten „Scharia-Verordnungen“ (Hand abhacken bei Diebstahl), von einem Ort, wo Kritik nicht geduldet wurde („Angstpädagogik“) und „handgreiflichen Züchtigungsmaßnahmen“.

Die Werte, die in VIKZ-Schülerwohnheimen gepredigt werden, seien mit jenen der hiesigen Mehrheitsgesellschaft nicht vereinbar, so Ünal, der zwar selbst nicht in einem der Wohnheime lebte, aber weiß, dass jene, die dort untergebracht wurden, „diesen Narrativen und Handlungen viel stärker ausgesetzt waren“. Der VIKZ wies Ünals Schilderungen gegenüber unserer Zeitung damals deutlich zurück: Es handele sich um „Behauptungen“ und „vermeintliche Vorfälle, die sich vor mehr als einem Jahrzehnt ereignet haben sollen“, teilte der VIKZ-Landesvorsitzende Yavuz Kazanc mit.

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