In der Debatte um eine Strompreisreform hat Baden-Württembergs Umweltministerium ausgerechnet, zu welchen Preisen eine Aufteilung der bislang einheitlichen deutschen Strompreiszone führen würde. Laut einer am Dienstag veröffentlichten Studie müssten sowohl Verbraucher als auch die energieintensive Industrie im Südwesten künftig mit höheren Stromkosten rechnen. Hintergrund sind Pläne der EU, die eine eigene Strompreiszone für Bayern und Baden-Württemberg vorsehen, um dort einen Anreiz für den Ausbau der erneuerbaren Energien zu schaffen.
Bei einer Teilung der Strompreiszone in eine Nord- und eine Südzone würden sich unterschiedliche Großhandelsstrompreise einstellen, heißt es in dem Papier des Beratungsunternehmens Frontier Economics. Die Folge: Eine Megawattstunde Strom würde im Jahr 2025 im Süden im Durchschnitt zehn Euro mehr kosten als im Norden, in den folgenden fünf Jahren betrage der Preisunterschied noch sechs Euro.
Im Südwesten drohen höhere Strompreise
Die Aufteilung Deutschlands in zwei Strompreiszonen wird in Fachkreisen seit einigen Jahren diskutiert, weil die Energiewende das Ungleichgewicht der Stromversorgung verschärft hat: In Süddeutschland mit seinen großen Industriestandorten reicht die Stromproduktion nicht, um den Bedarf zu decken, im Norden wird mehr Strom produziert als verbraucht. Der Knackpunkt: Bisher ist für den Strompreis nicht entscheidend, wo dieser produziert wird. Solange die Kraftwerksbetreiber zur selben Zeit Strom anbieten, erzielen sie auch denselben Preis.
Doch das kann teuer werden – zum Beispiel wenn Windparks in der Nordsee massenhaft günstigen Strom produzieren – dieser aber wegen Netzengpässen nicht in den Süden gelangt. Dann müssen dort Kohle- und Gaskraftwerke hochfahren. Weil deren Strom aber deutlich teurer ist als der aus Windkraft, wird die Preisdifferenz auf alle Kunden in Deutschland umgelegt. Diese „Redispatch“-Kosten stiegen jüngst stark an. Durch eine geografische Aufteilung des Marktes sollen Kraftwerksbetreiber nun zum Bau von erneuerbaren Energieanlagen im Süden und Westen bewegt werden.
Landesregierung lehnt Preiszonen ab
Während das Beratungsunternehmen Aurora dies für sinnvoll hält, um Netzengpässe in Zukunft zu verringern, lehnt die Landesregierung im Südwesten eine Aufteilung Deutschlands in Strompreiszonen entschieden ab. „Höhere Strompreise für starke Verbraucher sind in dieser Situation weniger Peitsche für einen noch schnelleren Ausbau, sondern eher Knüppel zwischen die Beine einer derzeit hart im Wettbewerb stehenden Wirtschaft“, kritisiert Energieministerin Thekla Walker (Grüne).
„Die Einführung neuer Gebotszonen mit mehrjähriger Übergangsfrist und Ausgleichsmaßnahmen ist ein komplizierter und bürokratischer Eingriff ins Marktsystem“, warnt Walker. Stattdessen spricht sich die Grünen-Politikerin dafür aus, die Ökostromlücke im Süden zu schließen: „Die Unwucht im System beseitigen wir durch schnelleren Netzausbau“, sagte sie. Der Hochlauf erneuerbarer Energien als auch von Pufferkraftwerken gelinge am besten durch regionale Förderungen.
Südwest-Wirtschaft richtet Appell an Bundesregierung
Auch in der süddeutschen Wirtschaft stoßen EU-Reformpläne auf wenig Gegenliebe. Regional unterschiedliche Strompreise schwächten den Industriestandort Deutschland, sagen die Industrie- und Handelskammern im Süden. „Wir appellieren an die Bundesregierung, sich entschieden für den Erhalt der einheitlichen Stromgebotszone einzusetzen“, sagt Susanne Herre, Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer Stuttgart. Die Unternehmen im Land litten schon jetzt unter hohen Energiekosten im europäischen Wettbewerb. „Eine Aufteilung in unterschiedliche Zonen würde die Preise weiter in die Höhe treiben und vor allem die energieintensiven Betriebe im Südwesten deutlich belasten.“
Auch die Unternehmer Baden-Württemberg (UBW) sprechen sich dagegen aus: „Wird das umgesetzt, führt dies zu einem massiven Wettbewerbsnachteil für die Unternehmen in Baden-Württemberg. Denn im industriestarken Süden steigen die Strompreise dann erheblich, während sie im Norden sinken. Dazu darf es auf keinen Fall kommen“, sagte Oliver Barta, Hauptgeschäftsführer der Unternehmer Baden-Württemberg, am Montag in Stuttgart. „Bereits jetzt sind die Strompreise im internationalen Vergleich viel zu hoch. Ein weiterer Anstieg würde die Abwanderung von Investitionen und Produktionskapazitäten ins Ausland noch beschleunigen.“
Wirtschaft befürchtet negative Folgen
Barta verwies auch auf die negativen Folgen für den Ausbau erneuerbarer Energien: „Stark fallende Strompreise in Norddeutschland senken die Erlöse der dortigen Wind- und Solaranlagen. Das verringert die Investitionsanreize erheblich. Selbst bereits geplante Investitionsvorhaben könnten wieder zurückgenommen werden.“ Eine Teilung der Stromgebotszone führe außerdem zu geringerer Liquidität im Stromhandel, was die Unsicherheit über zukünftige Erlöse und Kosten für Investoren erhöhe. „Dies bremst die Investitionen in den Ausbau der erneuerbaren Energien zusätzlich“, warnte er.
Baden-Württembergs großer Energieversorger EnBW warnt im Falle einer möglichen Strompreiszonen-Aufteilung vor „hohen Risiken für den Industriestandort Baden-Württemberg und das gesamtdeutsche Investitionsklima für erneuerbare Energien“. So sähen sich bereits bezuschlagte und in der Projektierung befindliche Erneuerbaren-Projekte in Norddeutschland hohen Erlösrisiken ausgesetzt, da sie unter gänzlich anderen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geplant wurden. Die Reformpläne verunsicherten potenzielle Investoren und würden wichtige Investitionen in die Energiewende gefährden.
Strommanager: Ausbau der Stromnetze entscheidend
Werner Götz, der Vorsitzende der Geschäftsführung des Fernleitungsbetreibers TransnetBW, hält eine Aufteilung der deutschen Gebotszone für den falschen Weg. „Sie würde unnötige Unsicherheiten schaffen und Zeit kosten“, sagt der Strommanager. Entscheidend sei es, den Ausbau der Stromnetze zu beschleunigen, um die Integration der erneuerbaren Energie sicherzustellen und Netzengpässe zu verringern.
Im vergangenen Jahr hatten mehrere Bundesländer aus dem Norden und Osten eine faire bundesweite Verteilung der durch den Erneuerbaren-Ausbau bedingten Netzausbaukosten gefordert. Die aktuellen Regelungen für Netzentgelte führten dazu, dass Stromverbraucher in Regionen, die den Ausbau von erneuerbaren Energien maßgeblich vorantrieben, überwiegend finanziell benachteiligt würden. Dagegen hatte etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder gesagt, es könne nicht sein, dass der Strom im Süden teurer und im Norden billiger sei.