Mit Zug zum Tor: Der VfB-Stürmer Chris Führich hat den Kieler Keeper Timon Weiner umkurvt und schiebt den Ball gleich ein. Foto: Baumann
Der 28-Jährige nimmt wieder eine wichtige Rolle ein. Dabei ist es gar nicht immer entscheidend, ob er von Beginn an spielt – wie läuft es beim FC St. Pauli an diesem Samstag?
Die Aktion endete mit einem Schüsschen von Chris Führich – und dennoch diente sie dem Trainer in Kiel als passendes Anschauungsmaterial. Also ließ Sebastian Hoeneß den Angriff aus der 43. Minute im DFB-Pokal-Viertelfinale in der Halbzeit auf Video laufen. Die eigenen Spieler sollten sehen, wie es funktioniert. Weil der VfB Stuttgart den tiefen Verteidigungsblock der Holstein-Profis durch Pässe gut auseinanderzog, weil eine schnelle Spielverlagerung in den freien Raum stattfand und weil Führich auf dem Flügel durchbrach.
Ein weiß-rotes Angriffsmuster. Auch an diesem Samstag (15.30 Uhr) in der Fußball-Bundesliga soll es beim FC St. Pauli zum Erfolg führen. Denn im Stadion am Hamburger Millerntor wird eine ähnliche Partie erwartet wie wenige Tage zuvor beim Halbfinaleinzug des VfB in Kiel (3:0). Mit einem Gegner, der den Stuttgartern bei widrigen Bedingungen die Lust am Spielen nehmen will und auf seine Konterchancen lauert.
„Für mich ist es ein Schlüsselfaktor, dass wir in solchen Begegnungen den Gegner bewegen müssen, um selbst Möglichkeiten zu kreieren“, sagt Hoeneß. Eine wichtige Rolle bei diesem ständigen Vorhaben, Lücken zu finden oder zu reißen, nimmt Führich ein. Wieder muss man wohl hinzufügen, um die positive Entwicklung zu beschreiben. Denn der Flügelspieler präsentiert sich nach Schwierigkeiten in starker Form – egal, ob er von Beginn an aufläuft oder eingewechselt wird.
Seit Wochen bringt der Tempodribbler von der linken Seite Schwung und zeigt Zug zum Tor. Wie bei seinem Treffer in Kiel. Deniz Undav schickte den 28-Jährigen mit einem überlegten Pass steil. Führich, aus der eigenen Spielhälfte gestartet, behielt die Ruhe, umkurvte den Torhüter Timon Weiner und schob mit dem linken Fuß ein – die Entscheidung kurz vor dem Abpfiff.
Deniz Undav hält sehr viel von seinem Sturmkollegen Chris Führich. Foto: Baumann
„Das Tor erzielt er in richtiger Stürmermanier“, sagt Undav über den geschätzten Kollegen, „er hat vorher auch schon viele gute Sachen für die Mannschaft gemacht. In der Öffentlichkeit ist das nur nicht so aufgefallen, weil Chris häufig ein Pre-Assist-Geber ist.“ Führich löst oft die Aktion aus, die zur direkten Torvorlage führt. Und: „Ihm hat beim Abschluss etwas der Punch gefehlt.“
Doch jetzt stimmt auch die Statistik wieder. In 19 Ligaeinsätzen hat Führich drei Tore erzielt und vier Treffer aufgelegt. Sein Schlenzer beim Sieg gegen den FSV Mainz im vergangenen Oktober löste den Knoten endgültig. Jetzt kommt das Tor im DFB-Pokal hinzu. Das erinnert an den besten Führich, den der VfB erlebt hat – in der Vizemeistersaison 2023/2024. Er bildete mit dem Verteidiger Maximilian Mittelstädt ein harmonierendes linkes Tandem, das bis in die deutsche Nationalmannschaft stürmte und zum Kader der Heim-EM zählte. Leichtfüßig sah es bei Führich aus, wenn er die Abwehrspieler dank seines Antritts stehen ließ. Spielfreudig präsentierte er sich, erzielte in 34 Ligapartien acht Tore und bereitete sieben vor.
Doch danach ging es mit der Leistungskurve abwärts. Führich landete schließlich im Formtief. Seine Dribblings blieben häufig schon im Ansatz stecken. Er sprintete mit dem Ball am Fuß mehr quer als nach vorne und verlor seinen Stammplatz im Verein. Zudem erhielt er größere Konkurrenz auf den Außenpositionen. Vor allem Jamie Leweling hat der Nummer zehn des VfB den Rang abgelaufen, in Stuttgart und in der Nationalelf.
Führich gehört schon länger nicht mehr zum elitären Spielerkreis von Bundestrainer Julian Nagelsmann. Dennoch sieht ihn Undav auf dem Weg dorthin zurück. „Wir liefern gerade alle unsere Leistung ab“, sagt der Stürmer über die WM-Aussichten der Stuttgarter, „nicht nur Chris und ich.“ Undav sieht ebenso Angelo Stiller, Jamie Leweling, Alexander Nübel, Maximilian Mittelstädt und sogar den bislang noch nie nominierten Jeff Chabot im Blickfeld des Bundestrainers.
Führich bleibt jedoch bescheiden und will sich weiter durch überzeugende Auftritte empfehlen. Zunächst bei Hoeneß, da er beim VfB-Coach oft als derjenige gilt, der von der Bank aus neue Energie in das Spiel bringt – mit seiner Schnelligkeit und seinen Finten. Von den 32 Pflichtpartien, die der Offensivspieler in der laufenden Saison bestritten hat, absolvierte er nur 13 von Beginn an.
Für einen wie Führich ist das nicht genug. Er erhebt einen höheren Anspruch, hadert jedoch nicht mit den Entscheidungen. Deshalb schätzt Hoeneß die Haltung, die der Angreifer einbringt. Er habe sich trotz der schwierigen Phase nie hängen lassen und sich immer professionell verhalten, so der Trainer. Den Lohn für seinen Fleiß und seine Hartnäckigkeit erhält Führich aktuell: Sein Wert für die Mannschaft ist wieder groß.