Wann Stuttgart 21 in Betrieb geht, ist nach wie vor offen. Zum bisher anvisierten Termin im Dezember 2025 ist lediglich eine Teilinbetriebnahme möglich, es gibt Stimmen, die dann lieber noch ein Jahr warten, bevor es zu Provisorien kommt. Die S-21-Kritiker vom Aktionsbündnis gegen das Projekt, von den Ingenieuren 22 und von der Infoplattform Wikireal, bringen nun eine neue Variante ins Spiel: „Kein Zug wird fahren“, prognostizieren sie. Stuttgart 21 könne in der nun realisierten Form überhaupt nicht in Betrieb gehen.
Kritiker sehen „überhaupt nichts nachgewiesen“
Als Beleg für diese These verweisen die Kritiker auf aus ihrer Sicht unbeantwortete Fragen in Sachen Brandschutz – oder darauf, dass die Bahn in ihrem Brand- und Rettungskonzept nicht darauf reagiert habe, dass insbesondere vom Land geplante Züge viel mehr Passagiere transportieren können, als bislang angenommen. Die Bahn erklärt ihrerseits: „Das der bestandskräftigen Planfeststellung zugrunde liegende Brandschutzkonzept des künftigen Stuttgarter Hauptbahnhofs ist von der Art der eingesetzten Züge unabhängig.“
Christoph Engelhardt, Physiker aus München und Kopf hinter der Online-Plattform Wikireal, zählt eine ganze Reihe von Punkten auf, die aus seiner Sicht gegen einen sicheren Betrieb bei Stuttgart 21 sprechen. Zwar entspräche die Breite der Fluchtwege in den Tunnel den Mindestanforderungen. Es werde aber nicht die Vorgabe erfüllt, wonach sie so gestaltet sein müssen, dass die Selbstrettung der Fahrgäste möglich sei. In anderen deutschen Tunneln aber auch im europäischen Ausland würde deutlich mehr Platz für den Notfall eingeräumt. Auch seien die Wege zu den Fluchtwegen, durch die im Havariefall in die parallel verlaufende Röhre geflohen werden kann, zu lang gemessen an dem zu erwartenden Andrang. Er verweist auf das Beispiel Spanien, wo Tunnel, durch die Züge mit mehr als 1000 Passagieren rollen, alle 250 Meter mit der Nachbarröhre verbunden sein müssen. In Deutschland beträgt dieser Abstand in der Regel 500 Meter.
Zu günstige Annahmen?
Die Bahn hat in der Vergangenheit immer wieder auf die große Zahl an Tunneln verwiesen, die sie bundesweit sicher betreibe. Diesen Hinweis hält Engelhardt für untauglich. „Das berücksichtigt nicht die Besonderheiten der Stuttgart-21-Tunnel, die einen kleineren Querschnitt haben und und häufig eine große Steigung aufweisen.“ Der Bahn wirft er vor, in ihren Untersuchungen immer von günstigen Voraussetzungen auszugehen. „Dabei muss beim Brandschutz immer der maßgebliche worst case angenommen werden“, sagt Engelhardt.
Roland Morlock von der Gruppe Ingenieure 22 führt an, dass bei der Berechnung der Brandausbreitung die Bahn eine eine Kurve zugrunde legt, der man mehr als kritisch gegenüber steht. Der Vorfall bei Montabaur, wo im Oktober 2018 ein ICE in Brand geriet, spreche eher für eine sehr rasche Ausbreitung der Flammen.
Ehe ein Zug in den Bahn wird einfahren können, benötigt die Bahn noch die sogenannte Inbetriebnahmegenehmigung. Schriftstücke, die nicht selten erst kurz vor der Abfahrt des geplanten Eröffnungszugs eintreffen. Ein Bahnsprecher verweist auf das komplexe Verfahren. „Der Inbetriebnahmegenehmigung gehen zahlreiche Einzelvorgänge voraus. Die Inbetriebnahmegenehmigung wird erteilt, wenn alle dafür notwendigen Voraussetzungen gegeben sind; dazu gehören beispielsweise die vollständige Errichtung und Abnahme aller betriebsnotwendigen Anlagenteile.“ Die Kritiker halten allerdings die Erteilung der Genehmigung für den Moment, an dem das Projekt noch in Gänze scheitern könne.
Neuer Faktencheck gefordert
Die Kritik richtet sich vor allem gegen das Eisenbahn-Bundesamt (Eba), das für die Baugenehmigungen verantwortlich ist. Das habe sich stets mit dem Erfüllen der Mindeststandards zufrieden gegeben. „Das Eba ist seiner Aufgabe nicht nachgekommen. Ich nenne das Arbeitsverweigerung“, sagt Engelhardt. Dieter Reicherter, einer der Sprecher des Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21, fasst am Freitag seine Sichtweise zusammen: „Beim Brandschutz ist überhaupt nichts nachgewiesen.“ Sie fordern einen öffentlichen Faktencheck zum Thema Brandschutz.