Stuttgart 21 Wird die Gäubahn-Kappung verschoben?

Auf der Panoramastrecke zum Stuttgarter Hauptbahnhof sollen die Gäubahn-Züge bald nicht mehr fahren. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Um „Stuttgart 21“ Ende 2026 fertigzustellen, muss die Deutsche Bahn noch unzählige Baustellen schließen. Wird der Zeitplan gestreckt? Im Kreis Böblingen hofft man darauf.

Mit S-Bahn und Zug im Raum Stuttgart unterwegs zu sein, kommt seit geraumer Zeit einer Nerven- und Geduldsprobe gleich. Wegen der umfangreichen Bauarbeiten zum Megaprojekt „Stuttgart 21“ gibt es immer wieder Streckensperrungen, Umleitungen und Ausfälle.

 

Und damit nicht genug: Im April 2026 – so der aktuelle Zeitplan der Deutschen Bahn – soll die Gäubahn-Strecke in Vaihingen gekappt werden, um die oberirdischen Gleise am Stuttgarter Hauptbahnhof abbauen zu können. Dann müssten Reisende, die mit dem Zug von Zürich über Singen, Horb, Herrenberg und Böblingen nach Stuttgart wollen, für etliche Jahre in Vaihingen auf die S-Bahn umsteigen – die allerdings zwischen Juli und September 2026 gleich mal zwei Monate gesperrt sein wird.

Vom IC direkt in den Ersatzbus?

Ergo müssten die Zugfahrgäste zum Hauptbahnhof in dieser Zeit Ersatzbusse nutzen – ein geradezu peinliches Szenario. Dieses drohende Fiasko wird nicht zuletzt von Gäubahn-Anrainerstädten wie Böblingen seit Langem scharf kritisiert.

Am Montag stellte sich Clarissa Freundorfer dem Verkehrsausschuss des Böblinger Kreistags. Die Konzernbeauftragte der Deutschen Bahn (DB) für Baden-Württemberg präsentierte den Ausschussmitgliedern nochmals diverse Teilprojekte und Zeitpläne und betonte: „Die Inbetriebnahme von Stuttgart 21 ist das wohl komplexeste Bahnprojekt seit Jahrzehnten.“

Für den Pfaffensteigtunnel, der ab 2026 zwischen dem Böblinger Wald und dem Flughafen gebaut werden und ab 2032 die neue Gäubahn-Verbindung gen Stuttgart sein soll, seien die Genehmigungsverfahren aber am Laufen und die Finanzierung auf einem guten Weg. Dann ließe sich mit dem Zug von Böblingen oder Herrenberg direkt zum Flughafen fahren.

Scharfe Kritik im Verkehrsausschuss

„Die Worte höre ich gerne, allein mir fehlt der Glaube“, zitierte daraufhin Tobias Heizmann (Freie Wähler) Goethes „Faust“. Böblingens Erster Bürgermeister stellte die vorgestellten Zeit- und Projektpläne in Frage – und wurde gar polemisch: „Wenn man den Verzögerungszeitraum von Stuttgart 21 auf den Pfaffensteigtunnel überträgt, ist der ja wohl nicht vor 2050 fertig.“ Die Kappung der Gäubahn im April 2026 sei ein erhebliches Problem für die Attraktivität des Zugverkehrs und müsse „möglichst lange hinausgezögert werden“, forderte der Bürgermeister.

Etliche Ausschussmitglieder stießen ins gleiche Horn, einige Male war von „Schildbürgerstreichen“ der Deutschen Bahn die Rede. Angie Weber-Streibl (Grüne) sprach vom Pfaffensteigtunnel gar als „Wolkenkuckucksheim“ – was Landrat Roland Bernhard zu einer Gegenrede veranlasste. Bei aller berechtigten Kritik solle man doch sehen, welche „gigantische Chance“ dieses Bahnprojekt beinhalte und es nicht schlechtreden.

„Ich bin zuversichtlich, dass der Pfaffensteigtunnel wie geplant und ohne Verzögerungen klappt“, entgegnete Clarissa Freundorfer, „einen Tunnel zu bauen, ist für uns Standard.“ Das sei nicht vergleichbar mit Stuttgart 21. Darüber hinaus verwies die DB-Konzernbevollmächtigte auf die „Taskforce“, die eingesetzt worden sei, um alle restlichen Baustellen fahrgastverträglich zu koordinieren. Das neue Gremium trifft sich am Freitag.

DB-Verantwortliche verweist auf Taskforce-Treffen

„Die Inbetriebnahme von Stuttgart 21 ist so komplex, dass eine Streckung möglich ist“, formulierte Freundorfer vielsagend. Auch in Bezug auf die Gäubahn-Kappung verwies die DB-Verantwortliche auf das Taskforce-Treffen, ohne konkret zu werden – und machte den Ausschussmitgliedern doch Hoffnung, als sie sagte: „Ich kann nicht vorgreifen, aber die Gäubahn-Kappung ist am Freitag auch Thema.“ Sollte der Termin tatsächlich verschoben werden? Zumindest, um der S-Bahn-Sperrung im Sommer 2026 aus dem Weg zu gehen? Am Freitagabend wird man Genaueres wissen.

Klare Aussagen traf Freundorfer immerhin beim Thema S-Bahn. „Im Frühjahr hat die S1 einen starken Pünktlichkeitsabfall erlebt“, räumte die Bahnbevollmächtigte ein. Bis auf rund 70 Prozent sei die Zahl der pünktlichen Züge im Mai gesunken. „Im Juni hat sich das wieder deutlich gebessert“, betonte sie, „es gab davor einfach zu viele Störungen auf der Strecke.“ Insgesamt sei die marode Infrastruktur das größte Problem für die DB – sie zu erneuern, eine Herkulesaufgabe. „Auch wir sind natürlich nicht zufrieden, wenn es die Pendler schwer haben“, so Freundorfer.

Gäubahn

Verlauf
 Als Gäubahn wird heute die Zugstrecke von Stuttgart nach Singen bezeichnet. Ihr Name wird von den Gäulandschaften hergeleitet: Korngäu, Oberes Gäu, Schlehen- und Heckengäu.

Bedeutung Der Name „Gäubahn“ wird häufig als verniedlichend kritisiert, ist die Strecke doch eine wichtige Fernzug-Verbindung von Zürich nach Stuttgart. Neben Regionalzügen mit mehr Halten fährt auch regelmäßig der Intercity (IC).

Ausbau Zuletzt wurde die Strecke bei Horb ausgebaut, jetzt steht als nächstes Großprojekt der Pfaffensteigtunnel zum Flughafen an. Langfristig soll bis Singen umfangreich ausgebaut werden, das wird aber bis etwa 2045 dauern.

S-Bahn-Ersatz
 Wenn die Gäubahn in Vaihingen gekappt wird, soll die S-Bahn ersatzweise für einige Zeit bis Horb fahren. (krü)

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