Stuttgart-Album zum Sommer 1993 Erinnerungen an die Panoramabahn, die nicht in Stuttgart bleiben durfte

Die Panorama-Bahn war eine Attraktion 1993 bei der Internationalen Gartenbauausstellung (Iga) in Stuttgart. Foto: /Horst Rudel

Heute wird über Seilbahnen diskutiert, um Verkehrsprobleme zu lösen. Die Panoramabahn der Iga einst durfte aber nicht in Stuttgart bleiben. Vor 30 Jahren, im Sommer der Leichtathletik-WM, kam die Stadt auch zu einer unvergessenen Freitreppe.

Im Supersommer 1993 hat sich Großes in Stuttgart getan. Zwei Attraktionen sind bis heute unvergessen. Die elektrisch betriebene Panoramabahn verband im Dienste der Internationalen Gartenbauausstellung (IGA) den Killesberg mit tiefer gelegenen Teilen des Geländes. Während heute über Seilbahnen diskutiert wird, um das Verkehrsproblem in den Griff zu bekomme, hatte die Innovation vor 30 Jahre keine Chance. Sie durfte nicht lange bleiben.

 

Der zweite Trumpf fürs Wohlfühlen in Stuttgart war eine Freitreppe zum Glücklichsein, die rechtzeitig zum Start der Leichtathletik-WM (das Stuttgart-Album hat daran erinnert) ein neues Lebensgefühl in die Stadt brachte. Den lieben langen Tag saßen die Menschen auf der 30 Meter breiten Freitreppe, sonnten sich, genossen den Blick aufs Neue Schloss und das Gefühl von südlicher Lebensart, schauten wie in einem Freilufttheater auf die Bühne der Fußgängerzone – auf das Straßentheater des Lebens.

Über La Ola im Stadion und Container-City vor dem Neuen Schloss, alles vor 30 Jahren in Stuttgart passiert, haben wir bereits berichtet. Im Sommer 1993 war aber noch mehr los, worauf uns etliche Leserinnen und Leser hingewiesen haben.

Die Freitreppe blieb bis 2002

Wer da alles auf der Freitreppe am Kleinen Schlossplatzes saß! Manche fühlten sich an die Spanische Treppe in Rom erinnert und wollten nicht glauben, dass die Stadt diesen beliebten Treff schon nach kurzer Zeit opferte, nämlich im Jahr 2002 zum Bau des Kunstmuseums. Schmaler ist die zweite, die heutige Freitreppe an dieser zentralen Stelle von Stuttgart geworden, aber immer noch steht sie oft im Mittelpunkt.

Die Geschichte des Kleinen Schlossplatzes ist eine Geschichte des Streits, der Irrtümer, der Hochgefühle. Vor dem Bahnprojekt Stuttgart 21 ist in dieser Stadt über kaum ein anderes Thema so heftig gestritten worden wie über diese zentralen Meter der Königstraße. Schlägt hier das Herz Stuttgarts? Hart umkämpft war jeder Schritt von der Ruine des Kronprinzenpalais bis zum verglasten Kunstmuseum.

Nicht nur die Leichtathletik-WM und die Freitreppe haben Stuttgart im Sommer 1993 verändert - auch die Internationale Gartenbauausstellung, die Bundespräsident Richard von Weizsäcker vor 30 Jahren eröffnet hat und zu der bis zum Ende im Oktober 7,3 Millionen Menschen kamen.

Als das „Grüne U“ entstand

Die Iga verband den denkmalgeschützten Rosensteinpark mit dem Killesberg über die Schlossgartenanlagen – den Schauplatz der beiden vorherigen Bundesgartenschauen in Stuttgart. Der neugeschaffene Grünzug, das so genannte „Grüne U“, führt über Brücken und Stege die Schlossgartenanlagen, den Park der Villa Berg, den Rosensteinpark, die Wilhelma, den Leibfriedschen Garten, den Wartberg und den Höhenpark Killesberg zu einer großen Parklandschaft zusammen. Das Maskottchen hieß Flori und war eine coole Eule mit Cowboyhut.

Unvergessen ist die Iga-Bahn, eine „weltweit einmalige“ Panoramabahn, wie es in der Werbung heißt. Das elektrische Zugpferd der Gartenbauschau kostete 36 Millionen Mark und überwand größere Steigerungen. Im Geschichtsprojekt Stuttgart-Album erinnert sich Harald Frank daran: „Ein Verein organisierte 1993 eine Besichtigung dieser Bahn. Beim Nordbahnhof gegenüber dem Dino-Naturkundemuseum war das Depot dieser Bahn. Es hatten sich rund 100 Interessenten angemeldet. Vor Ort wurde vom Betreiber dann gesagt, dass eine Besichtigung doch nicht möglich sei.“

Marc-Morris Wagner schreibt: „Die schönen Erinnerungen an den Sommer 1993 teile ich vollkommen. Der Beibehalt bzw. Weiterbetrieb der Bahn ohne die Iga mit ihrer Vielzahl an Einrichtungen und Veranstaltungen wäre dann allerdings unter ganz anderen Bedingungen zu sehen. Die Planer hatten ursprünglich die Idee, diese Bahn als Verkehrsmittel innerhalb der Iga-Fläche einzusetzen. Verkehrsmittel im Sinne von, ich komme von A nach B. Die Praxis zeigte allerdings, dass die meisten Besucherinnen und Besucher die Bahn als Rundkurs gebucht hatten und sich einfach das Gelände von oben anschauen wollten.“

Anfangs gab es häufiger Störungen. Die Bahnen blieben immer wieder stecken. Rasch wurde nachgebessert, und es lief wieder rund. Über den Weiterbetrieb nach der Iga wurde in der Stadt heftig gestritten. Anwohner und Naturschützer waren dagegen. OB Manfred Rommel (CDU) setzte sich bei seinem Parteifreund Gerhard Mayer-Vorfelder, dem Finanzminister, dafür ein, dass die Panoramabahn auf dem 4,6 Kilometer langen Rundkurs weiterhin als Verkehrsmittel genutzt werden sollte. 1994 wurde die Bahn durch den Hersteller vertragsgemäß zurückgekauft und demontiert. 1997 war die Bahn bei der Bundesgartenschau in Gelsenkirchen im Einsatz, von 1999 bis 2014 fuhr sie Elbauenpark in Magdeburg, ehe sie verschrottet wurde.

Am 1. April fuhr die Iga-Bahn über das Stadion

Thomas Derschka erinnert sich. „Die Stuttgarter Nachrichten hatten am 1.April eine Fotomontage auf der ersten Seite mit dem Hinweis, dass die Bahn jetzt auch über das Stadion fährt. Damals war das Dach ganz neu und die T-Träger sahen aus wie die Schienen der Iga-Bahn. Auf dem Bild war ein Zug auf dem Dach abgebildet.“

Der Turm wurde sieben Jahre nach der Iga gebaut

Aus dem Iga-Turm ist vor 30 Jahren nicht geworden – aus Kostengründen. In den Zeitungen stand, „der Turm wackle“, er werde „kommen“, dann wieder nicht. Sieben Jahre nach der Iga ist der Aussichtsturm im Killesberg-Park dann doch gebaut – dank des Stuttgarter Verschönerungsvereins.

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