Stuttgart-Süd Kaffee, Boule und eine geheime Tür – der Erwin-Schoettle-Platz in Heslach
Auf dem Erwin-Schoettle-Platz im Stuttgarter Süden kreuzen sich Straßen, Wege und Lebensgeschichten. Eindrücke von einem lebenswerten Ort, der vieles vereint.
Auf dem Erwin-Schoettle-Platz im Stuttgarter Süden kreuzen sich Straßen, Wege und Lebensgeschichten. Eindrücke von einem lebenswerten Ort, der vieles vereint.
Wer kennt ihn nicht, den Erwin-Schoettle-Platz im Stuttgarter Süden? Mit „oe“ geschrieben, genauer gesagt in Heslach! Er ist bekannt, fast so bekannt, wie der nicht weit entfernte Marienplatz – aber er ist auch unterschätzt.
Am Schoettle-Platz, umrahmt von Matthäuskirche, dem Alten Feuerwehrhaus und dem Schoettle-Areal, kreuzen sich viele Straßen und Wege – die Schreiber-, Böblinger, Böheim- und Eierstraße. Der „Schoettle“, wie er auch genannt wird, ist ein Treffpunkt, der Mittelpunkt Heslachs.
Aber wer war gleich nochmal dieser Erwin Schoettle? Hätte man diese Frage vor 50 Jahren gestellt, hätte ganz Stuttgart den Kopf über den Fragesteller geschüttelt. Denn Schoettle, Sohn eines Fabrikschuhmachers, war wer! Eine nicht nur stadtbekannte Stuttgarter Persönlichkeit, sondern auch landes- und bundesweit eine echte Größe.
Aktuell wirkt der 1987 nach ihm benannte Platz, der im Volksmund zuvor als „Schreiberplatz“ bekannt war, wie ein Lagerplatz. Umgeben von einem großen Zaun lagern hier Baustoffe und -maschinen, die zur Verlängerung des Bahnsteigs der Stadtbahnhaltestelle „Erwin-Schoettle-Platz/Marienhospital“ benötigt werden. An der beliebten Boule-Anlage stehen Baucontainer; sie ist für die Dauer der Bauarbeiten geschlossen, wird dann aber wieder beliebter Treffpunkt sein.
Trotz Baustelle pulsiert hier, im Herzen Heslachs, gerade jetzt im Frühling das Leben. Rund um den „Heslacher Dom“, die 1875 bis 1881 erbaute neoromanische Matthäuskirche, trippeln Kinder quer über den Spielplatz Tauben hinterher. Das Klacken von Tischtennisbällen auf der Steinplatte mischt sich ins Kinderlachen, während die Älteren auf den Bänken sitzen und zuschauen.
Bilder über Bilder strömen auf den Schoettleplatz-Betrachter ein. Ein älterer Herr mit Baskenmütze umrundet gemächlich das Blumenbeet an der Kirche und begutachtet jede einzelne Blüte. Eine junge Frau postiert ihren Hund davor und knipst. Hund vor Blumen macht sich gut. Drumherum das Surren der Fahrräder, das Quietschen der Stadtbahn, das Rauschen der Blechlawine, die sich durch die Schreiber- und Schickhardtstraße schiebt, wo gerade Tiefbauarbeiten stattfinden. Von der Möhringer Straße kommend schimpft ein Lastenradfahrer vor seinen Kindern: „Das ist eine Fahrradstraße, und da fahren überall Kack-Autos! Wir sollten nach Amsterdam ziehen.“ Ein paar Meter weiter dringen Stimmen aus den offenen Fenstern der „Löwenstube“: „Lass mich einfach nur mein Leben leben!“
Leben – das ist das, wofür der Schoettle-Platz steht. Eine Gruppe junger Kreativer, Studenten der Hochschule der Medien, Freischaffende, trifft sich zum „Video-Walk“ – vom Schoettle-Platz geht’s zur Karlshöhe und weiter in die Rosenbergstraße in ihren „Creative Hub“. „We create the Future“ lautet das Motto. Thema ihres Walks ist eine „digitale Stuttgart-Postkarte“. Hier am Schoettle-Platz legen sie damit los.
Mit dabei ist Anke Silva Burgsthaler, eine junge Mutter, die sich mit „Social Media Management“ beschäftigt und am Schoettle-Platz lebt. Ihr Lieblingsort in Stuttgart. Für sie passt hier eigentlich alles. Die Atmosphäre, die Einkaufs- und Ausgehmöglichkeiten. Sie schwärmt von „Helene“, der jungen Gaststätte an der Ecker Eier-/Möhringer Straße, dem „Neoschwäbischen Restaurant“, das seinen Namen „Helene“ als Hommage an Helene Schoettle, die Frau des Heslacher Sozialreformers, versteht: „Eine stille, aber starke Figur, die für Zusammenhalt, Gemeinsinn und Wärme stand.“ So soll auch ihr Wirtshaus sein, „das die Vergangenheit ehrt, ohne in ihr stehen zu bleiben“.
Anke Silva Burgsthaler, die junge Kreative, hat noch mehr Tipps: das „Suedlager“, die ihrer Meinung nach „beste Kaffeerösterei der Stadt“ und Blumen Müller an der Schreiberstraße. „Das Viertel lebt“, schwärmt sie. Und wenn erst noch das Schoettle-Areal, in dem früher das Statistische Landesamt untergebracht war, in einen „öffentlichen Raum mit bezahlbaren Wohnungen und konsumfreien Begegnungsorten“ umgestaltet wird, wie die gleichnamige Bürgerinitiative seit langem fordert … Ein Traum, der trotz fehlender Mittel hier noch nicht ausgeträumt ist.
Und inmitten all dieses quirligen Lebens gibt es einen Ort der Ruhe: Wer die Matthäuskirche betritt, stößt im Kirchenraum gleich rechts neben dem Eingang auf eine alte Holztür, die wie ein Gemälde an der Wand befestigt und mit einer Glasscheibe gesichert ist. Eine Aufschrift verrät ihr Geheimnis: „Im Keller des Pfarrhauses der Matthäuskirche in der Gebelsburgerstraße 19 suchten die Bewohner im Zweiten Weltkrieg Zuflucht vor den alliierten Bombenangriffen. Auf der Kellertüre notierten sie akribisch – mit Datum und Uhrzeit versehen – jeden Luftalarm. Die Statistik verzeichnet insgesamt 128 Alarme, beginnend mit dem 3. Juni 1940. Die Einträge auf der Kellertüre enden mit dem 21. Februar 1944. Auch das gehört zum Schoettle-Platz.