Stuttgarts Alt-OB Kuhn wird 70 Politik bleibt sein Lebenselixier

Kritischer Geist: Fritz Kuhn bei der Langen Nacht der Demokratie im Oktober 2024 in der VHS. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Der frühere OB Fritz Kuhn bringt sich in der Steinbrück-Initiative ein. Mit Cem Özdemir an der Spitze sieht er für die Grünen Chancen bei der Landtagswahl.

Wenn er zugegriffen hätte, wäre er jetzt vielleicht noch vier Jahre im Amt, würde die Umsetzung eigener Ideen weiterverfolgen und müsste eine harte Haushaltskonsolidierung bewältigen. Fritz Kuhn hat nicht zugegriffen, obwohl der Landtag die Gemeindeordnung angepasst und damit Bürgermeistern die Chance gegeben hatte, auch mit 65 noch ins Rennen zu gehen. „Hätte, hätte, Fahrradkette“, ist eine Redewendung, die Stuttgarts erster Grünen-OB in Debatten gern gegenüber Parteifreunden und Bürgervertretern verwendete, wenn er ein Thema abschließen wollte. Am Sonntag wird der frühere Oberbürgermeister 70 Jahre alt.

 

Kuhns Absage an eine zweite Amtsperiode Anfang Januar 2020 traf die Grünen wie ein Blitzschlag. Die Partei stürzte mit ihrer Kandidatensuche geradezu ins Chaos. Und zeigte, wie dünn die Decke qualifizierten Personals bei den Ökos auch 41 Jahre nach ihrer Gründung war. Kuhn gehörte zu den Gründungsmitgliedern. „Es war kein Fehler, nicht für eine zweite Amtszeit anzutreten“, sagt er heute in großer Entspannung. Wer für acht Jahre antrete, müsse auch acht Jahre dranbleiben. Das war, verbunden mit dem Hinweis auf sein Alter, sein Argument. Manche lasen daraus einen subtilen Fingerzeig auf die Zahl der Jahresringe, die Winfried Kretschmann angesammelt hatte. Das war nie Kuhns Absicht.

2012 mit Kandidatur Heimkehr

„Ich habe zu viele Leute gesehen, die man aus den Ämtern rausgetragen hat. Wäre die Amtszeit eines OB auf fünf Jahre befristet, wäre meine Entscheidung vielleicht anders gefallen“, sagt der gebürtige Bad Mergentheimer, der mit seiner Frau Waltraud Ulshöfer in Cannstatt wohnt, heute. Auch Ulshöfer stammt aus Bad Mergentheim. Die Mußestunden genießt er. „Als OB hat man immer zu wenig Zeit“, sagt Kuhn, „dabei will man auch mal ohne Zeitstress Bücher lesen“. Selbst in der Wirtschaft gebe es bei Entscheidern ein freies Wochenende. Bei Politikern werde Dauerereichbarkeit erwartet.

2012 für das Amt in Stuttgart zu kandidieren war für Kuhn eine Art Heimkehr. Nach dem Landtag, wo er als Fraktionsvorsitzender wirkte, nach der Führungsrolle als Parteivorsitzender und nach fast neun Jahren im Bundestag, auch dort lange als Fraktionschef, ging es für den Sprachwissenschaftler zwar in die Niederungen der Kommunalpolitik. Im Klein-Klein verlor Kuhn sich beim Blick auf Grüne Themen wie Klimaschutz und Verkehr aber nicht. „In unserer Berliner Zeit haben wir gemerkt, dass wir Süddeutsche sind. Es kam daher nie die Frage auf, nach Berlin zurückzugehen. Stuttgart ist eine spannende Stadt mit einem guten Kulturangebot, und der Fußball ist ja nun auch nicht schlecht“, sagt der Bayern-Fan anerkennend.

Politik bleibt Kuhns Lebenselixier

Gleich nach dem Anpfiff seiner Amtszeit erhielt Kuhn mit der Entscheidung, den Fernsehturm wegen Brandschutzmängeln zu schließen, Buhrufe. Sperrung und Sanierung des Wahrzeichens waren aber nötig. Kuhn ging die VVS-Tarifreform an, in seiner Amtszeit befreite sich Stuttgart vom Makel der Feinstaub- und Stickoxid-Hauptstadt, und er nutzte hohe Steuereinnahmen für ein 200 Millionen Euro schweres Klimapaket. Dazu schloss er als Realpolitiker mit der CDU pragmatisch Haushaltsbündnisse. Den Abschied aus dem OB-Amt während der Coronazeit nennt Kuhn „schwierig, weil man sich da nicht richtig verabschieden konnte“. Kuhn: „Das tat schon weh.“

Politik bleibt auch nach dem offiziellen Ausscheiden aus der Politik sein Lebenselixier. Bei der ersten Langen Nacht der Demokratie im Oktober wandte er sich als Vorsitzender des Volkshochschulverbandes gegen den grassierenden Rechtsruck und warb für die Prüfung eines AfD-Verbotsantrags. In der „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“ mit dem ehemaligen Minister Peer Steinbrück (SPD) ist er beratend dabei. „Wenn einer meinen Rat will, bekommt er ihn, aber ich dränge mich nicht auf“, sagt Kuhn. – Wobei er scharfzüngige Meinungsbeiträge auf X (zuvor Twitter) für die neue Bundesregierung bereit hält. Auf der Plattform zählt er mehr Posts als Kanzler Friedrich Merz.

Zum Geburtstag keine große Sause

Eine Einordnung der aktuellen Stadtpolitik kommt Kuhn nicht über die Lippen, da wird er grundsätzlich: „Ich kommentiere die Politik meines Nachfolgers nicht, so etwas mache ich nicht!“ Bei der Landespolitik ist der Stratege Kuhn so frei: „Man muss den Leuten sagen, dass sie Grün wählen sollten , wenn sie Özdemir haben wollen, diese Verbindung muss klar werden, die Wahl ist noch nicht entschieden!“

OB Frank Nopper (CDU) lobte den „homo politicus“ am Freitag per Pressemittelung auch für dessen „sachorientierten und realpolitischen Ansatz“ und dass er den „Wert der Automobilindustrie“ schätze. Nopper hätte (wie für Kuhns Vorgänger Wolfgang Schuster) einen größeren Empfang zu Kuhns 70. ausgerichtet.

Der hat abgewogen. Ergebnis: „Angesichts der aktuellen Spardiskussion, die die Stadt führen muss, halte ich eine große Sause, die einen fünfstelligen Betrag kostet, nicht für angebracht.“ So wird es für Kuhn mutmaßlich eine Einladung in die Bürgermeisterrunde geben, mit seine früheren engen Mitarbeitern will er sich auch treffen. Ansonsten ist die Wegmarke 70 eine private. „Wir feiern mir der Familie im kleinen Kreis, Familie ist das Wichtigste“, sagt der Jubilar.

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