Das Theater Lindenhof bespielt mit Bürgern der Stadt das Gelände zwischen Filharmonie und der Musikschule Filum.
Wie beim Festspielhaus in Bayreuth kündigt ein Bläserensemble dezent aber auch nachdrücklich an, dass die Aufführung beginnt. Und während sich das Publikum sortiert, erwartungsfroh angesichts des ungewöhnlichen Spielorts im Freien zwischen Filharmonie und der Musikschule Filum in Filderstadt, beginnt die Aufführung: Ein Wissenschaftler und ein Dichter unterhalten sich lautstark über das Wesen der Zeit, über Zeitreisen, über das Dasein an sich.
Am Anfang stand ein Wortungetüm
Man muss diesen Disput der Gelehrten nun nicht Wort für Wort verfolgen. Stichworte genügen. Es ist eh nur der Vorgeschmack auf das, was in den nächsten zweieinhalb Stunden folgt: Ein großer, ein rasanter theatralischer Bilderbogen, den das Theater Lindenhof da entwickelt hat mit Hilfe zahlreicher Bürger der Stadt, mal bunt, laut und derb, mal nachdenklich und still.
Das Stück „BeHaSiBoPl“ ist zum Jubiläum 50 Jahre Filderstadt entstanden. Und dieses Wortungetüm, entstanden aus der Zusammenführung der einst selbstständigen Gemeinden Bernhausen, Harthausen, Sielmingen, Bonlanden und Plattenhardt, ist ein Beleg dafür, dass das einst mehr eine Zangengeburt denn ein Wohlfühl-Beschluss war. Das ist heute eine Inspirationsquelle für viele herausragende theatralische Situationen. Und die Lindenhöfler, erfahren in dieser Art von Theater im öffentlichen Raum, wissen sehr gut, wie man daraus einen großen Abend macht, der auch Theaterkenner zum Staunen bringt.
Da gibt es etwa die Bürgermeister jener Tage im Jahre 1975, die über den Namen zu entscheiden haben, die aber vor allem schauen, wie sie mit eigenen, möglichst teuren Statusprojekten in die Fusionsgespräche reingehen. Vor sich haben sie die Besucher im vollen Musiksaal des Filum, hinter sich einen großen gemischten Chor. Der singt hier allerdings keine sentimentalen Heimatweisen, sondern kommentiert lautmalerisch das Geschehen. Ähnliches Thema, anderer Ort: In einer Kneipe gehen mehrere Stammtischbrüder und -schwestern mit einem Sprachforscher hart in den Diskurs.
Das Leben vor Ort und die Lust aufs Reisen
Aufreibend geht es weiter: Zahlreiche Protestierende sind unterwegs, sie demonstrieren lautstark gegen den Ausbau des Flughafens. Zwei Damen in einer angedeuteten Nobelkarosse halten dagegen, ein Protestsänger tritt auf. Hier treffen Welten aufeinander: Da sind die Fildermenschen, die darauf angewiesen sind, dass ihr Lebensraum möglichst intakt bleibt. Und da gibt es jene, die möglichst viel Anschluss wollen an das internationale Geschehen. Die Akteure, zum Teil auch mit den Profis vom Lindenhof mit auf den Bühnen dieses Stationentheaters, bieten nicht nur Unterhaltung, sie weisen auch auf Widersprüche hin und fordern auf zu mehr Nachdenklichkeit.
Erinnerungen an die Krauthalle
Nach so viel prallen Theatererlebnissen schaltet die Inszenierung von Claudia Rüll Calame-Rosset auf einmal mehrere Gänge zurück: Kunstnebel hüllt die Besucher ein auf ihrem weiteren Weg entlang der Flanke der Filharmonie. Zahlreiche alte Harmonium-Instrumente säumen den Weg, aus denen erklingt Kirchenmusikalisches. Der Weg geht zum heutigen Haupteingang der Filharmonie, wo einst das Vorgängergebäude, die Krauthalle stand. Was da alles geschehen ist zwischen 1932 und deren Abriss Anfang der 1960er-Jahre, wird rein bildlich dargestellt mit artistischen Einlagen der Turnerinnen des TSV Sielmingen. Das ist nur ein Vorgeschmack auf das große Ende im großen Saal der Filharmonie, dem richtigen Rahmen für skurrile Figuren und viel Hip-Hop.
Weitere Aufführungen sind am 18. und 19. Juli, jeweils 20 Uhr, und am 20. Juli um 18 Uhr.