Tödliche Schüsse in Baden-Württemberg Wie oft schießt die Polizei im Land?
Bundesweit steigt die Zahl der tödlichen Schüsse aus Dienstwaffen der Polizei. In Baden-Württemberg sieht die Statistik anders aus.
Bundesweit steigt die Zahl der tödlichen Schüsse aus Dienstwaffen der Polizei. In Baden-Württemberg sieht die Statistik anders aus.
Polizistinnen und Polizisten sind froh, wenn sie am Ende ihrer Dienstzeit ihre Waffe zurückgeben müssen, ohne sie auch nur einmal benutzt haben zu müssen. Doch immer wieder kommt es dazu, dass Einsatzkräfte sich in Situationen befinden, wo sie keine andere Lösung mehr sehen. Erschreckenderweise hat die Zahl dieser Einsätze deutschlandweit zuletzt zugenommen, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) bei der Auswertung von Polizeiberichten erhoben hat.
Im Jahr 2024 haben demnach Polizeibeamte im Dienst 2024 bereits deutlich mehr tödliche Schüsse abgegeben als in den Jahren zuvor. Seit Januar starben bundesweit 17 Menschen bei Schusswaffengebrauch durch die Polizei. Einer von ihnen war der 18-jährige Österreicher, der am 5. September auf das israelische Generalkonsulat und das NS-Dokumentationszentrum in München geschossen hatte, bevor er von der Polizei getötet wurde.
In der Mehrheit der anderen Fällen fielen die tödlichen Schüsse in Situationen, in denen die Beamten auf Männer oder Frauen trafen, die sich in einer psychischen Ausnahmesituation befanden oder wegen psychischer Erkrankungen bereits in Behandlung waren. Mehrere der Menschen, die bei einem Polizeieinsatz erschossen wurden, führten Messer bei sich.
Laut einer Statistik der Fachzeitschrift „Bürgerrechte & Polizei“ gab es letztmalig 1999 eine so hohe Zahl von Menschen, die von der Polizei getötet wurden. Damals starben im gesamten Jahr 19 Menschen. Im Jahr 2023 gab es demzufolge zehn Tote, nach elf Toten im Jahr 2022 und acht Toten im Jahr 2021.
In Baden-Württemberg bestätigt sich dieser Trend nicht, wie ein Anfrage unserer Zeitung an das Innenministerium des Landes ergab. Zahlen für das noch laufende Jahr 2024 gibt das Innenministerium nicht heraus. „Die Gesamtzahl der Schusswaffengebräuche gegen Personen befindet sich seit vielen Jahren auf einem sehr niedrigen Niveau“, teilt der Pressesprecher Patrick Knapp mit. Im Jahr 2023 waren es sieben Einsätze, dabei starben zwei Menschen. Ebenfalls sieben Schüsse aus Polizeiwaffen wurden im Jahr 2022 auf Menschen gerichtet, aber niemand starb. Bei acht Schüssen im Jahr 2021 kam eine Person im Jahr 2021 ums Leben. Einen Ausreißer nach oben in der Statistik stellt das Jahr 2020 dar, als es zu 13 Einsätzen mit Schusswaffengebrauch im Land kam. Es starben acht Personen. 2019 waren es neun Einsätze mit zwei Toten.
„Der Einsatz der dienstlichen Schusswaffe erfolgt als Ultima Ratio unter Beachtung der hohen gesetzlichen Vorgaben“, fügt der Ministeriumssprecher Patrick Knapp hinzu. Es muss sicher sein, dass alle anderen Einsatzmittel nicht ausreichen würden, um eine gefährliche Situation zu beenden. Ein Beispiel, das der Polizei in Baden-Württemberg noch schmerzlich präsent ist, ist der Einsatz in Mannheim, bei dem ein junger Polizist ums Leben kann. Ein Mann hatte ihn mit einem Messer angegriffen und so schwer verletzt, dass er wenig später im Krankenhaus starb. Ende Mai hatte ein Mann am Rande einer Kundgebung den Beamten angegriffen. Ein anderer Polizist schoss auf den Messerstecher. Der wurde schwer verletzt, die Ärzte konnten sein Leben jedoch retten. Er ist nun in Untersuchungshaft bis der Strafprozess wegen des Angriffs beginnt.
Erst vor wenigen Tagen lief eine Situation bei einer Kontrolle in Heubach (Ostalbkreis) aus dem Ruder. Ein Betrunkener sollte kontrolliert werden, weil zwei Frauen in angezeigt hatten, er habe sie verfolgt. Auf einem Supermarktparkplatz fuhr er einen Polizisten an, den er auf die Motorhaube nahm. Die Beamten entschieden sich, den 23-Jährigen mit der Schusswaffe zu stoppen – und zielten auf die Autoreifen. In Oberkirch im Ortenaukreis starb im August ein Mann, der in einem psychischen Ausnahmezustand gewesen sein soll, durch Kugeln aus einer Polizeipistole. Er war mit einem Messer auf Einsatzkräfte losgegangen. Im April starb ein 31-jähriger Mann in Mannheim beim Polizeieinsatz durch einen Schuss. Die Polizei war gerufen worden, weil der Mann in der Bibliothek der Universität Mannheim randaliert hatte – mit einer Machete bewaffnet.
In Stuttgart wurde 2019 ein Mann erschossen, als ihn die Polizei nach einer Unfallfahrt in Stuttgart-Vaihingen stellte. Er war auf die Beamten mit einem Schwert losgegangen. Davor war im November 2013 im Stuttgarter Osten ein Mann gestorben, der die Aufmerksamkeit der Polizei durch einen Anruf auf sich selbst aufmerksam gemacht hatte. Er sagte, er werde losziehen und jemanden erschießen. Als die Polizei ihn stellen wollte, ging er mit einer Waffe in der Hand auf sie zu – ein Beamter schoss und traf, da der Mann sich bewegte, statt in das Bein in den Bauch.