True Crime in Stuttgart 15 tödliche Sekunden auf der Gaisburger Brücke

Am Brückengeländer erinnert eine kleine Tafel mit den Namen der Polizisten Peter Quast und Harald Poppe an den Mord auf der Gaisburger Brücke. Foto: Michael Steinert/v

Ein Mann fährt ohne Fahrschein Straßenbahn. Die Polizei soll ihn suchen. Was als harmlos klingender Routinefall beginnt, endet in einem Doppelmord an zwei Polizisten.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Stuttgart - Es ist der 8. August 1989. Um 9.17 Uhr und 41 Sekunden beginnt auf der Gaisburger Brücke ein Blutbad, das in der Geschichte der Stadt seinesgleichen sucht. Nur 15 Sekunden dauert die Tat, die zwei Polizisten das Leben kostet. Am Ort, wo sie starben, hängt eine Gedenktafel an der Gaisburger Brücke. Im Vorbeifahren sieht man die dunkle Bronze kaum. Doch auch heute, 33 Jahre später, sieht man gelegentlich Blumen oder eine Kerze dort. Diese 15 Sekunden haben Spuren hinterlassen. In der Landeshauptstadt und bei der Polizei. Und für viele zählt die Reaktion des damaligen CDU-Oberbürgermeisters Manfred Rommel zu einer seiner klügsten Äußerungen – auch wenn er ebenso viel Kritik dafür erntete.

 

Der Täter kam als Blinder Passagier ins Land

Der Polizistenmord an der Gaisburger Brücke geschieht, als ein Mann nach einer Fahrkartenkontrolle flüchtet. Frédéric Beyida-Otomo heißt er, 47 Jahre alt. Seit 1981 ist der Kameruner zu dieser Zeit in Deutschland, will Asyl. Er gibt an, aus Libyen zu sein und Albert Ament zu heißen. Als blinder Passagier kommt er sieben Jahre vor der Tat ins Land. Sein Asylantrag scheitert, doch er schafft es zu bleiben. All das kommt erst nach und nach ans Licht, zunächst ist seine Identität noch unklar.

Fréderic Beyida-Otomo fährt am Morgen jenes Sommertages mit der Straßenbahn. Er hat keinen Fahrschein und gerät in eine Kontrolle. Der Kontrolleur ist der erste, der an diesem Tag die Wut des Mannes abbekommt. Er schlägt den Mann nieder. Um 6.14 Uhr erreicht die Polizei der erste Notruf in dem Fall: Die Stuttgarter Straßenbahnen melden den Angriff. Passiert ist es zwischen den Haltestellen Schlachthof und Wangener/Landhausstraße. Otomo flüchtet auf das Schlachthofgelände. Zunächst verliert sich seine Spur. Er wird als groß, kräftig und dunkelhäutig beschrieben, bekleidet mit einer blauen Arbeitsjacke.

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Diese Beschreibung geht per Funk an die Streifenwagen der Polizei, die um diese Zeit unterwegs sind. Fast drei Stunden lang verliert sich nun die Spur des aggressiven Schwarzfahrers. Um 9.08 Uhr fährt der Streifenwagen von Peter Quast und Harald Poppe an ihm vorbei. Sie registrieren, dass es sich um den Gesuchten handeln könnte, und setzen einen Funkruf ab. Ob die Fahndung noch aktuell sei, ein Mann, auf den die Beschreibung passe, gehe gerade von der Ulmer Straße zur Gaisburger Brücke. Sie sind für die Verkehrsüberwachung unterwegs und haben gerade einen Auftrag zu erledigen. Daher wird eine andere Streife zu der Stelle geschickt, wo der Gesuchte vermutet wird. Eine Streife des Reviers Hornberger Straße übernimmt und macht sich auf den Weg zur Brücke, die die Bundesstraße und den Neckar vom Gaskessel zum Wasen überspannt.

Um 9.10 sind die Beamten Quast und Poppe dann doch an der Brücke. Sie haben ihren anderen Job erledigt. Zwei Minuten später treffen die Kollegen vom Revier ein, die losgeschickt wurden. Weitere vier Minuten später ein zweiter Wagen aus der Hornbergstraße, es ist inzwischen 9.16 Uhr. Nur noch wenige Sekunden dauert es bis zur Katastrophe und dem Tod zweier Polizisten.

Ein Funkspruch kurz vor der Katastrophe

Um 9.17 Uhr und 41 Sekunden ahnt davon am anderen Ende des Funks niemand etwas. Ein Beamter, der im Wagen bleibt, vergewissert sich noch einmal wegen der Personenbeschreibung. Dann gibt er durch, dass der Mann Widerstand leiste, und man werde ihn zum Revier bringen. Die Kollegen, die den Ruf entgegennehmen, beschreiben später, dass er ruhig klang. Routine, von Aufregung keine Spur, sechs Beamte und ein Mann, dessen Personalien wegen Fahrens ohne Fahrschein aufgenommen werden sollen. Routine.

15 Sekunden später ist nichts mehr normal. Wortfetzen kommen über den Funk. „Dringend Notarzt zur Gaisburger Brücke, mehrere Kollegen durch Bauch..... zwei Notärzte...“ Dann ist noch zu verstehen, dass der Gesuchte wohl tot ist, erschossen.

Was die Beamten nicht ahnen können: Der Mann ist bewaffnet. Mit einem scharfen Bajonettmesser. Er trägt es in eine Zeitung eingewickelt mit sich, sie sehen es nicht. Zwischen den zwei Funksprüchen geschieht Folgendes: Zwei Polizisten nehmen den Verdächtigen links und rechts am Arm und wollen ihn zum Wagen schieben, der neben dem Bordstein steht. Doch Otomo reißt sich los. Das Messer hat er in der Hand, in der Zeitung. Er rennt weg, Richtung Schleyer-Halle. Die Beamten holen ihn ein, bilden einen Halbkreis um ihn. In Bruchteilen einer Sekunde zückt der Mann das Messer und sticht auf sie ein. Alle vier werden schwer verletzt. Peter Quast, 28, stirbt noch auf der Straße. Ihm gelingt es mit letzter Kraft, seine Pistole zu ziehen und den Mann niederzuschießen, er trifft ihn tödlich. Sein Kollege Harald Poppe schafft es noch bis ins Krankenhaus, er stirbt dort. Zwei weitere Beamte erleiden schwere Verletzungen. Einer wird leicht verletzt. Die Kollegen, die am Tatort eintreffen, sind fassungslos, als sie die Spuren des Blutbades sehen.

Ein berühmtes Rommel-Zitat

Die Tat bleibt nicht ohne Folgen. Es tobt eine Debatte in der Stadt, in der sich viele auf den Status des Asylsuchenden kaprizieren. Im baden-württembergischen Landtag sitzen erst drei Jahre später die Republikaner, doch ihnen ist die Tat Wasser auf ihre Mühlen – schließlich war Otomos Asylantrag abgelehnt worden, er hätte abgeschoben werden können, war aber noch im Land. Nur wenig Ruhe kehrt nach der Trauerfeier für die Polizisten ein – denn Rommels Worte polarisieren die Menschen erneut. „Es hätte auch ein Schwabe sein können“, sagt er über den Täter. Er will klar machen, dass es nichts mit der Hautfarbe, nichts mit dem Aufenthaltsstatus, nichts mit der Herkunft zu tun hatte, dass Otomo zum Täter wurde.

Rommel meint es gut. Doch eine Frage, die die ganze Stuttgarter Polizei bewegt, kann er nicht beantworten mit seinen Worten. Die Kollegen haben sie auf die Schleife des Kranzes drucken lassen. Es ist nur ein Wort: „Warum?“

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