Mehr als drei Monate lang haben Insolvenzverwalter Michael Pluta und der Betriebsrat des insolventen Uhinger Unternehmens Allgaier Automotive trotz der Krise mit einem potenziellen Investor verhandelt. Es sah zunächst gut aus, der Interessent sei bereit gewesen, alle Arbeitsplätze zu übernehmen und „einen hohen zweistelligen Millionenbetrag zu investieren“, hatte Betriebsratschef Stilianos Barembas mitgeteilt. Doch die Autobauer zögerten und stimmten dem Deal nicht zu. Nun ist klar: Der Investor ist abgesprungen und begründet seinen Rückzug mit dem Ausbleiben neuer Aufträge von BMW, Porsche und Mercedes, sagt Barembas. Der Betriebsrat hat die Belegschaft am Freitagvormittag über die neue Entwicklung informiert.
Auch die Kommune treibt das Thema um
Nach Informationen unserer Zeitung soll es sich bei dem Interessenten um Aequita handeln, einen Kapitalgeber aus München, der nach eigenen Angaben „Unternehmen in Spezialsituationen“ unter die Arme greift und „durch zielgerichtete Restrukturierungen für langfristige Wertsteigerung“ sorge. Der potenzielle Investor signalisiere Gesprächsbereitschaft, sollten die Autohersteller ihre Meinung ändern. „Wir alle stehen parat und werden weiterhin für den Erhalt des Betriebs und die Arbeitsplätze kämpfen“, betonen die drei freigestellten Betriebsräte Stilianos Barembas, Thomas Fink und Antonio Licata. Der Rückzug des Investors sei kein Grund aufzugeben.
Insolvenzverwalter Michael Pluta ordnet die neueste Entwicklung ein: „Ohne neue Aufträge geht es ja nur um die Endabwicklung, und dafür investiert kein Unternehmen.“ Ob sich die Autobauer noch einmal bewegen und dem Deal mit dem Interessenten doch noch zustimmen, vermag Pluta nicht zu beurteilen. Positiv bewertet er trotz der schwierigen Situation die Tatsache, dass es durch die Vereinbarung mit den Kunden noch ein Jahr Garantie für eine Weiterführung des Betriebs gibt.
„Wir halten alle Chancen offen, falls doch noch jemand kommt. An uns wird es nicht liegen“, unterstreicht der Insolvenzverwalter. In diesem Jahr werde es noch keine Kündigungen geben. „Im Auslaufen des Betriebs werden wir die Belegschaft reduzieren müssen“, kündigt Pluta an. Das soll möglichst sozialverträglich passieren, jedoch müsse gewährleistet sein, dass alle bestehenden Verträge erfüllt werden.
Auch die Kommune treibt das Thema um. „Die Stadt Uhingen legt ihr gesamtes Gewicht als Kommune in die Waagschale und setzt sich mit allen Kräften für den Betrieb ein“, teilt Ilja Siegemund, Pressesprecher der Stadt, auf Anfrage mit. Uhingens Bürgermeister Matthias Wittlinger nutze „sein ausgefeiltes Netzwerk“, um dem Betriebsrat und der Firma die „Türen zu öffnen“ und die richtigen Ansprechpartner und Unterstützer zu finden und diese auch zu bekommen. Zudem berät er in der Frage, wie die zukünftige Entwicklung des Allgaier-Werks in Uhingen baulich gestaltet werden könnte.
Unverständnis über die monatelange Hängepartie
„Ein Aus der Allgaier-Werke wäre für die Stadt Uhingen und auch den Landkreis Göppingen gravierend“, sagt der Bürgermeister. Dennoch glaubt Matthias Wittlinger an den Fortbestand des Unternehmens: „Die Automobilbauer haben eine gesellschaftliche Verantwortung und nehmen diese auch wahr. Wenn die Automobilbauer mit einer Firma wie Allgaier nicht zusammenarbeiten und die notwendige Unterstützung ausschlagen würden, kämen sie dieser gesellschaftlichen Verantwortung nicht nach“, betont der Bürgermeister.
Der langjährige Mitarbeiter Andreas Junke, der sich via Facebook zu Wort meldet, bringt sein Unverständnis über die monatelange Hängepartie zum Ausdruck. Er arbeitet in der Elektrotechnik beziehungsweise Instandhaltung der Allgaier Automotive & Fuel-Technology und habe „nach über 23 Jahren Betriebszugehörigkeit etliche Höhen und Tiefen mitgemacht und nur noch Unverständnis für unsere Kunden (OEMs) übrig“, macht er seinem Ärger Luft und spricht von einem „ausartendem Trauerspiel“. Er will die Hoffnung auf ein gutes Ende aber nicht aufgeben: „Meine noch über 600 Kollegen und ich kämpfen weiterhin tagein, tagaus für unsere Firma.“
Unterstützung kommt auch aus der Politik
Hilfe
Der Betriebsrat hatte zuletzt versucht, die Kunden mit politischer Unterstützung unter Druck zu setzen. Der Bundestagsabgeordnete Hermann Färber (CDU) sowie die Landtagsabgeordneten Sarah Schweizer (CDU) und Ayla Cataltepe (Grüne) hätten zugesichert, sich für Allgaier einzusetzen.
Appell
Der Betriebsrat habe in den vergangenen Tagen auch gute Gespräche mit der baden-württembergischen Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut geführt. Auch Dieter Hundt, der vor dem Verkauf an die chinesische Westron Group Hauptanteilseigner des Unternehmens war, wolle an die Kunden appellieren, „sich pro Allgaier zu entscheiden“, sagen die Betriebsräte.