Umfrage bei Firmen in BW Kritik am Krisenbonus: „Am Ende sollen Unternehmen die Zeche zahlen“
Unternehmen in Baden-Württemberg stehen unter Druck: Der geplante Krisenbonus sorgt für Kritik. Wie Mercedes, Bosch, Kärcher, Mahle und Co. reagieren.
Unternehmen in Baden-Württemberg stehen unter Druck: Der geplante Krisenbonus sorgt für Kritik. Wie Mercedes, Bosch, Kärcher, Mahle und Co. reagieren.
Firmen zögern beim Krisenbonus für Beschäftigte, wie eine Umfrage unserer Zeitung zeigt. Familienunternehmerin Isabel Grupp-Kofler redet Klartext.
„Das Thema kennen wir schon, zuletzt aus der Coronazeit: Am Ende sollen die Unternehmen die Zeche für eine staatliche Entlastung zahlen“, sagt Grupp-Kofler, die gemeinsam mit ihrem Vater Johannes Grupp das Familienunternehmen Plastro Mayer in Trochtelfingen auf der Schwäbischen Alb leitet.
Geht es nach den Plänen der Bundesregierung, dürfen Arbeitgebern ihren Beschäftigten bis zu 1000 Euro Krisenbonus steuer- und abgabenfrei zahlen, um sie von den hohen Spritpreisen zu entlasten. Viele Unternehmen können sich das nicht leisten.
Gerade der Mittelstand stehe selbst unter massivem Druck durch hohe Energiepreise, steigende Kosten und wachsende Bürokratie. „Wenn der Staat Erwartungen schafft, die am Ende von den Unternehmen finanziert werden sollen, ist das aus meiner Sicht aktuell der falsche Weg“, sagt Grupp-Kofler. Das bleibe nicht ohne Folgen.
„Wo Erwartungen entstehen, die nicht überall erfüllt werden können, wächst auch der Druck in den Belegschaften“, sagt Unternehmerin Grupp-Kofler. Die Nichte von Trigema-Legende Wolfgang Grupp, die auch Landesvorsitzende der Jungen Unternehmer Baden-Württemberg ist, fordert dagegen: „Wir brauchen echte Entlastung über geringere Steuern und Abgaben, statt zusätzliche Erwartungen an diejenigen, die ohnehin schon tragen.“ Auch bei Plastro Mayer gelte, dass solche Maßnahmen keine Selbstverständlichkeit seien, sondern zur wirtschaftlichen Realität eines Unternehmens passen müssten.
Die geplante Entlastungsprämie stoße vor allem bei kleinen und mittleren Betrieben auf Kritik, sagt Susanne Herre, Hauptgeschäftsführerin der IHK Region Stuttgart. Für Beschäftigte biete die Prämie zwar eine einfache Möglichkeit der Entlastung, finanziert werde sie jedoch allein von den Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern. „Und genau darin liegt das Problem: In der derzeit angespannten wirtschaftlichen Lage können viele Betriebe – insbesondere kleine und mittlere – diese zusätzliche Belastung kaum tragen“, sagt sie. Die Verantwortung für die Lösung eines politischen Problems werde auf die Wirtschaft verlagert, so Herre.
Viele von unserer Zeitung befragte Unternehmen sind skeptisch, manche erwägen eine Prämie, die meisten Unternehmen – darunter etwa Mercedes, Bosch, Stihl und Trumpf – wollen sich momentan noch nicht äußern, weil noch keine Details zur Ausgestaltung vorliegen. Beim Energieriesen EnBW ist der Tenor ähnlich: Derzeit handle es sich bei dem Krisenbonus lediglich um eine Absichtserklärung der Bundesregierung. Das entsprechende Gesetzgebungsverfahren stehe noch aus. „Vor diesem Hintergrund kann die EnBW aktuell keine Aussage darüber treffen, ob und in welcher Form ein solcher Bonus gezahlt wird“, sagt eine Sprecherin. Auch bei der Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland bleibt der Kommentar unverbindlich. „Wir haben die Beschlüsse der Bundesregierung zum aktuellen Entlastungspaket zur Kenntnis genommen. Diese werden derzeit intern geprüft“, sagt eine Sprecherin.
Deutlicher wird man beim Autozulieferer Mahle. Man stehe der Prämie „angesichts des hohen Kostendrucks und der daraus resultierenden notwendigen Anpassungen bei unseren Mitarbeiterzahlen sehr zurückhaltend gegenüber“, sagt eine Sprecherin. „Wir werden dies prüfen und dabei insbesondere mögliche tarifvertragliche Regelungen berücksichtigen.“
Reinigungsspezialist Kärcher aus Winnenden begrüßt die Prämie. „Eine finanzielle Entlastung unserer Belegschaft angesichts des anhaltenden Kostendrucks durch die globale Krisenlage halten wir für absolut richtig“, heißt es in einem Statement. Den dafür vorgeschlagenen Weg über eine Prämienzahlung durch die Unternehmen prüfe man bereits intern. Allerdings wünscht sich Kärcher einen größeren Gestaltungsspielraum und regt an, die Laufzeit der Maßnahme über 2026 hinaus zu erweitern.
Robin Morgenstern, Landesvorsitzender der Familienunternehmer in Baden-Württemberg, plädiert auch dafür, die Laufzeit mindestens bis Ende 2027 zu verlängern, damit die Prämienzahlung in der Praxis umsetzbar sei und um den Unternehmen genügend Spielraum zur Finanzierung zu geben. Der Familienunternehmer aus Reutlingen mahnt allerdings: Was für Beschäftige zunächst attraktiv klinge, werde für viele Unternehmen zur ernsthaften Belastungsprobe. Gerade in Baden Württemberg stünden viele Betriebe angesichts hoher Kosten, schwacher Nachfrage und der sich abzeichnenden Strukturkrise unter erheblichem Druck.
Eine andere Ausgangslage hätten allenfalls Unternehmen, die in besonderem Maße von öffentlichen Aufträgen oder staatlichen Förderprogrammen profitierten. Morgenstern plädiert für grundlegende Reformen. „Ohne eine echte wirtschaftspolitische Kurskorrektur drohen Investitionen dauerhaft ins Ausland abzuwandern – mit spürbaren Folgen für Arbeitsplätze und Wertschöpfung auch in Baden-Württemberg.“
Auch die Stiftung Familienunternehmen mit Sitz in Stuttgart mahnt schnelle Reformen an – von den Arbeitskosten über Rente bis zur Bürokratieentlastung. „Mit Trippelschritten wie dem Tankrabatt und der Entlastungsprämie kommen wir wirtschaftspolitisch nicht wirklich voran“, sagt Stiftungsvorstand Rainer Kirchdörfer. Der Tankrabatt und die Entlastungsprämie seien nach der reinen ökonomischen Lehre freilich problematisch, jedoch pragmatische Wege, um die zunehmende Belastung der Verbraucher und Unternehmen durch Energiekosten zeitlich begrenzt abzumildern.