Unterweg mit einer Expertin Warum wird am Konstanzer Münster so lange gebaut?
Am Konstanzer Münster wandert das Gerüst mit den Jahren rundherum. Die Münsterbaumeisterin Christine Horstmann erklärt den Grund.
Am Konstanzer Münster wandert das Gerüst mit den Jahren rundherum. Die Münsterbaumeisterin Christine Horstmann erklärt den Grund.
Das Arbeiten in Teilzeit ist heftig ins Gerede gekommen. Einige Leute von der CDU halten es für lässigen Lifestyle und meinen damit, dass Teilzeitler unnötig und tageweise auf der faulen Haut liegen, statt die volle Woche zu schaffen. Wahrscheinlich haben diese Kritiker nie mit Christine Horstmann gesprochen. Sie steht auf der Plattform des Münsterturms in Konstanz. Ihr Augenmerk gilt nicht dem Münsterplatz tief unter ihr oder den Dachgärten, die mit ihren Topfpflanzen und Rattanmöbeln im Sommer an toskanische Landgüter erinnern. Nein, sie hält sich rein beruflich und stundenweise in dieser Höhe auf. Die studierte Architektin weist auf offen liegende Steinfugen am Mittelturm hin, auf bröckelnden Putz und vermooste Stellen. Die blonde Frau bekleidet seit einigen Tagen ein Amt mit imposantem Titel: Sie arbeitet als neue Münsterbaumeisterin, womit sie für das Wohlgedeihen des ältesten Gebäudes einer der ältesten Städte in Baden-Württemberg zuständig ist.
Horstmann arbeitet beim Amt für Vermögen und Bau. In dieser Behörde begleitet sie verschiedene Bauvorhaben des Landes. In Bad Säckingen am Hochrhein entsteht beispielsweise ein neues Polizeipräsidium, dessen Bau sie von amtlicher Seite betreut. Und etwa einen Tag pro Woche wendet sie für das Konstanzer Münster auf, sei es am Schreibtisch oder direkt vor Ort. In Teilzeit schaut sie also auf dieser ungewöhnlichen Baustelle nach dem Rechten. Der westliche Bereich des mittelalterlichen Kolosses ist eingerüstet, nur die Turmspitze ragt wie ein einsamer Bleistift aus dem Gerüst heraus. „Das ist eine Herausforderung“, sagt sie knapp.
Dass die Münsterbaumeisterin vom Staat bestellt und bezahlt wird, klingt zunächst merkwürdig. Das Konstrukt hat mit einem alten Übereinkommen zwischen Staat und Kirchen zu tun, das bis in die napoleonische Zeit zurückreicht. Der französische Kaiser zertrümmerte damals das morsch gewordene Heilige Römische Reich. 1803 sorgte er dafür, dass Kirchen und Klöster im großen Stil von den damaligen Staaten enteignet wurden. Gerade Württemberg und Baden profitierten von der Säkularisation gewaltig. Sie arrondierten ihr Territorium. Im Gegenzug verpflichteten sich die beiden Kleinstaaten mit König und Großherzog an der Spitze zum Unterhalt wichtiger großer Kirchen.
Seitdem kommt das Land Baden-Württemberg als Rechtsnachfolger der kleinen Länder im Südwesten für die großen kirchlichen Bauwerke auf. Auch die Münster in Konstanz und in Ulm zählen dazu. Der Erhalt von Stein und Statik wird vom Land getragen. Diese Lösung erweist sich für die Kirchen im Nachhinein als Segen. Denn die fortlaufende Sichtung und dann Sanierung dieser sakralen Komplexe ist zeitaufwendig und teuer. Der Staat und damit der Steuerzahler leistet sie, während die Kirche für die Inneneinrichtung aufkommt, was im Vergleich günstiger ist.
Die Sanierung der Westturmanlage in Konstanz ist bis 2028 angesetzt – voraussichtlich, da keiner weiß, was als Nächstes restauratorisch um die Ecke kommt. Es spielt so vieles zusammen: der bröckelnde Sandstein aus dem Schweizer Ort Rorschach, der wachsame Denkmalschutz und endlich der laufende Betrieb der Kirche, den das Amt nicht einschränken will.
Einer, der das gut beurteilen kann, ist Norbert Müller. Der 67-Jährige geht nach einer Verlängerung, um den ihn das Amt für Vermögen und Bau gebeten hat, dieser Tage in den Ruhestand. Dann ist er Münsterbaumeister a. D. Der ewigen Baustelle bleibt er dennoch verbunden. Die Verantwortung für die alte Bischofskirche war sein Traumjob. Schon als junger Architekt träumte er von dieser Aufgabe, die von der Krypta bis zum Turmhahn alles umfasst. Immerhin handelt es sich um 3000 Quadratmeter gestaltete Fläche, die jede Generation aufs Neue verändert hat, indem sie Altes verwarf und ihren Stil als das Maß aller Dinge inthronisierte.
Seine Nachfolgerin hat Müller sorgsam eingearbeitet. Ein Münster ist kein Carport. Nichts soll dem Zufall überlassen sein. Ein Bauwerk, dessen Fundamente bis in die karolingische Zeit zurückreicht, ist wie ein schlafender Drache mit empfindsamem Herzen. Was auch Laien immer wieder erstaunt: Moderne Brücken sind nach 30 Jahren marode – eine Bischofskirche steht nach 1000 Jahren noch da, scheinbar unerschütterlich.
Natürlich nagt der Zahn der Zeit auch hier. Auch Gotteshäuser sind technisch betrachtet nur Häuser, die wie andere auch den Gesetzen der Schwerkraft und der Chemie unterworfen sind. Die beiden Baumeister verlassen die zugige Plattform und begeben sich ins Kirchenschiff hinunter, in dem vergleichsweise angenehme zehn Grad herrschen. 193 gewundene Stufen trennen das Erdgeschoss der Basilika vom Turm. Viele Schäden sind für den Laien kaum sichtbar. Oft sind es nur winzige Risse, deren Ursache dann tiefer liegt. Und immer wieder sagen die beiden Fachleute: Nicht die Bauhütten des Mittelalters haben Pfusch am Bau betrieben, sondern deren Nachfolger, die den Sandstein durch andere Steinarten ersetzten und mit billigeren Baustoffen experimentieren. Da gibt es zum Beispiel Kunststein – gegossene Quader, die sich vorzüglich in die alten Lücken einfügen ließen. Christine Horstmann zuckt sichtbar zusammen bei derlei Gedankenspielen. Für sie sind solche Ersatzstoffe kein Thema, auch wenn sie stabiler und günstiger sein sollten. Das Zauberwort bei jedem Schrittchen heißt Bestandsschutz. Alles soll so bleiben, wie es schon immer war. Schadhafte Quader ersetzen die Bauleute im selben Material.
Die Kontrolle und das Ausbessern der dreiteiligen Turmanlage ist auf fünf Millionen Euro angesetzt. Müller wiegelt ab: Ob das reicht, kann er momentan nicht einschätzen – „oft laufen die Kosten davon.“ Bei einem Bauwerk mit dieser Vorgeschichte weiß keiner, was sich hinter einer gotischen Mauer verbirgt. Bei der Renovierung wird nicht nur ein Teppich angehoben – es werden ganze Jahrhunderte entblättert. Erst die Analyse von Steinen im Labor verrät etwas über den wahren Zustand des Patienten. Solange das schadhafte Material geprüft wird, ruht die Baustelle erst einmal. Das Gerüst steht derweil stumm da und es kostet.
Entsprechend aufwendig sind diese und andere Sanierungen an diesem sakralen Bauwerk. Ein zügiges Auswechseln von Steinen ist kaum möglich. Einem Privatmann würden in diesem Fall Geduld und Geld ausgehen. Doch Müller sagt ungerührt: „Wir müssen jeden Stein einzeln betrachten.“
Den beiden Fachleuten ist klar: Das Münster – ihr Münster – ist die am meisten exponierte Stelle im Stadtbild von Konstanz. Es dient als spirituelle Mitte, als Symbol und als nautischer Punkt, da es über den See hinweg weithin sichtbar ist. Auch wenn viele Schiffstouristen die Figur der Imperia mit ihren schwingenden weiblichen Formen für das Wahrzeichen halten, hilft das nicht.
Das Münster bildet das sichtbare Zentrum der Altstadt, die von den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs verschont blieb. So steht die romanische Kirche inmitten eines Ensembles von Häusern, deren Fundamente meist noch im Mittelalter gemauert wurden. Das zieht auch ungewöhnliches Publikum an. Baustellen haben ihren eigenen Charme - Fassadenkletterer mit Helmkameras wollen das Gelände betreten und hochsteigen. Sie werden von Kameras beobachtet, die das Geschehen am Bauzaun ins Visier nehmen.
Mittelalter – dieses unerschöpfliche Wort hört man häufig von den Stadtführern, die ihre Scharen gerne ins Münster dirigieren. Auch wegen der Kühle und Ruhe im Hochsommer, wenn die Stadt empfindlich aufheizt. Wenn sich die Besucher redlich in den Bänken eingerichtet haben, zieht der Guide sein As aus dem Ärmel: Konstanz war nicht nur eine römische Gründung, was man am Namen bis heute leicht ablesen kann (steht für „Beständigkeit“). Es stellte lange Zeit auch das größte deutschsprachige Bistum dar; alle Alemannen hatten darin Platz. Von der Fläche war es größer geschnitten als die politisch hochbedeutenden Sitze in Trier, Köln, Mainz. Das Bistum Konstanz reichte vom St. Gotthard im Süden bis nach Stuttgart im Norden. Vom Rang her ist es eine Kathedrale, Kirche des Bischofs also.
Die weite Halle im Inneren dokumentiert diesen Anspruch bis heute, auch wenn das letzte geistliche Oberhaupt längst seine Residenz und Kirche räumen musste. Aus politischen Gründen hob der Papst die stolze Diözese Konstanz vor knapp 200 Jahren auf und ließ kleinere Diözesen gründen, die besser in die umgepflügte politische Landschaft passten: Vom beschaulichen Rottenburg aus wurden die württembergischen Katholiken betreut, von Freiburg aus die badischen Schäflein. So ist es bis heute, Napoleons Wille ist noch immer spürbar.
Zurück blieben verdutzte Konstanzer und der steinerne Riese auf dem Münsterhügel – ein leuchtendes und beschwerliches Erbe, das der Staat tragen hilft. Der Münsterhügel bewahrt seine Aura bis heute. Jede geschichtsbewusste Bürgerin, jeder Hiesige hat einen persönlichen Lieblingsort in diesem Gotteshaus Unserer Lieben Frau. Meist sind es unscheinbare Stellen oder Nischen und nicht unbedingt der Turm, für den man 193 Stufen überwinden muss. Für Norbert Müller, den intimen Kenner der Basilika, ist das die Mauritiusrotunde – ein runder Raum, der zunächst nicht sakral wirkt. In der Mitte der Rotunde steht ein Nachbau des Heiligen Grabes in Jerusalem. „Dort findet sich die frühe Abbildung einer Sehhilfe“, erläutert er. Die Figur des Apothekers Hippokrates hält ein Monokel in der Hand. Schließlich muss er beim pharmazeutischen Mischen gut sehen.
Auch die neue Münsterbaumeisterin favorisiert einen bestimmten Ort: Sie schwärmt von den Details an der Ostwand des Nordquerhauses. Verborgen für die Öffentlichkeit zeigen die Wandmalereien dort abwechselnd einen Heiligen und einen Handwerker. Nicht nur der Teufel steckt im Detail – auch die Engel suchen sich gerne einen kleinen Rückzugsort aus.