Urteil zu Flughafen-Blockade Trauer, Wut, Verzweiflung

Moritz Riedacher vor der Raupe Immersatt im Stuttgarter Westen Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Moritz Riedacher war Teil der Gruppe, die 2023 Hamburgs Flughafen blockierte und nun 400 000 Euro Schadenersatz zahlen muss. Der Stuttgarter versucht dennoch positiv zu bleiben.

Politik: Lisa Kutteruf (lis)

Moritz Riedacher sitzt auf einem grünen Sofa im Foodsharing-Café Raupe Immersatt, trinkt Sprudel und sprudelt nur so vor Eifer. Es ist viel los im Leben des 29-Jährigen, den die „Bild“ einst als „Deutschlands dreistesten Klimakleber“ betitelte.

 

Ein paar Stunden vor dem Treffen im Café war er noch in Gießen, um gegen die neue Jugendorganisation der AfD zu protestieren. Unter der Woche setzt er sich für den Schutz und die Rechte von Tieren ein – durch seine Arbeit als Taubenwart in Stuttgart etwa oder durch Aktionen auf der Königstraße. Bei der Landtagswahl 2026 will er als Direktkandidat für die Tierschutzpartei antreten, auch einen Listenplatz hat er. Und dann ragt immer noch eine Sache aus der Vergangenheit in sein heutiges Leben: Um Strafen infolge von Gerichtsprozessen abzuarbeiten, packt er immer wieder bei sozialen Trägern an. Bei der Etzelfarm, einer Jugendfarm im Stuttgarter Süden, war er zum Beispiel schon und bei der Tafel in Möhringen.

Einsatz für Tierrechte in Stuttgart

Auch an diesem Sonntagmorgen im behaglichen Café ist Moritz Riedachers Aktivismus präsent. „Der Unterschied ist nur in deinem Kopf“ steht auf dem blauen Sweatshirt, das der Stuttgarter trägt. Darauf abgebildet ist ein Tierkopf – halb Schwein, halb Hund.

Aus seiner Tasche zieht Riedacher eine orange-leuchtende Warnweste. Ein Relikt aus seiner Zeit als Klimaaktivist bei der Letzten Generation. Bei mehr als 200 Aktionen hat er mitgewirkt, über 60-mal Straßen blockiert, er wurde zu Haft- und Geldstrafen verurteilt. Diese Zeit ist für ihn vorbei. Schon bevor sich die Letzte Generation neu ausrichtete und sich in Neue Generation umbenannte, stieg der Stuttgarter aus. Die Belastung wurde ihm zu hoch.

Ein Ereignis aus dieser Zeit ist gerade aber wieder sehr präsent – durch ein Urteil des Hamburger Landgerichts: Weil sie am 13. Juli 2023 den Betrieb am Hamburger Flughafen gestört haben, sollen Riedacher und neun andere Aktivisten gut 400.000 Euro an die Fluggesellschaft Eurowings zahlen. Zwar habe die Blockade einem „für den Fortbestand der menschlichen Gesellschaft in ihrer heutigen Form“ unabdingbaren Ziel gedient, betont das Gericht. Allerdings hätten die Beklagten „unter bewusster Überschreitung strafrechtlicher Grenzen agiert“. In anderen Worten: Der Zweck heiligt nach Auffassung des Gerichts nicht die Mittel.

Hohe Geldstrafen und Haft drohen bei erneuter Flughafenstörung

Die Klimaschutzaktivistinnen und -aktivisten hatten einen Zaun am Flughafen aufgeschnitten und sich so Zugang zum Gelände verschafft. Vier von ihnen klebten sich in der Nähe von Start- und Landebahnen fest.

Bei der Geldsumme handele es sich insbesondere um Schadenersatz für an Fluggäste gezahlte Entschädigungen, entgangenen Gewinn und umsonst verbrauchten Treibstoff, teilt das Gericht mit. Sollten die Beklagten den Betrieb auf einem Flughafen nochmals stören, müssen sie mit einem Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro pro Einzelfall rechnen. Andernfalls drohen ihnen bis zu zwei Jahre Haft.

Zudem hat die Gruppe die Kosten des Rechtsstreits zu tragen, „bis zu 700.000 Euro als Gesamtschuldner, darüber hinaus nach Kopfteilen“, informiert das Gericht. Wie hoch die Kosten des Rechtsstreits sind, ist noch offen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. 

Ob die Betroffenen Berufung einlegen wollen, steht noch nicht fest, wie Carla Rochel vom Verein RAZ („Rückendeckung für eine aktive Zivilgesellschaft“) mitteilt. Der Verein unterstützt ehemalige Aktivisten der Letzten Generation. So oder so sei aber klar, dass sie nicht in der Lage seien, die geforderte Schadenersatzsumme zu zahlen, betont Rochel. „Das bedeutet, dass sie verschuldet leben werden.“ Zusätzlich zu dem Zivilverfahren liefen strafrechtliche Verfahren, diese seien aber noch nicht terminiert.

Moritz Riedacher bestätigt: Er wird keinen Schadenersatz aus eigener Kraft leisten können, er hofft auf Spenden über seinen Crowdfunding-Aufruf. Das Geld, das er verdient, indem er Tauben füttert und ihre Eier gegen Attrappen austauscht, sei sein einziges Einkommen, sagt der Stuttgarter. Knapp 560 Euro pro Monat bringt dieser Minijob ein. Dadurch habe er nie mehr als 1500 Euro auf seinem Konto – und an die komme wegen seines Pfändungsschutzkontos niemand ran, erklärt der 29-Jährige.

Moritz Riedacher bei einer Straßenblockade in Stuttgart-Bad Cannstatt 2023 Foto: StZN/Sebastian Steegmüller

Kritik an Repression von Klimaschutzaktivisten

Die Entscheidung des Hamburger Landgerichts und die anstehenden Strafverfahren lösen viele Emotionen in ihm aus. Wut. Trauer. Frustration. Er sieht Menschen, die sich für eine gute Sache einsetzen, durch solche Urteile, aber auch Aktionen wie Hausdurchsuchungen dämonisiert. Manche würden dadurch demoralisiert, hätten das Gefühl, all das Engagement gegen die Klimakrise sei umsonst, und resignierten. Das macht Moritz Riedacher traurig.

„Ich bereue nichts“, sagt der Stuttgarter dennoch. Die drohenden Folgen seien ihm und den anderen vor der Aktion am Hamburger Flughafen bewusst gewesen. Und mit Blick auf das noch ausstehende Strafverfahren: „Wenn es am Ende eine Freiheitsstrafe wird, geh ich auch ins Gefängnis. Angesichts der Folgen der Klimakatastrophe bin ich bereit, diese Strafe anzunehmen.“ Riedacher wirkt dennoch hoffnungsfroh, mit sich im Reinen. Extremwetterereignisse wie die jüngsten Überschwemmungen in Asien mit weit mehr als 1000 Toten bestätigten ihn in seinem Gedanken, dass es richtig war, das Risiko einzugehen und ein Signal zu senden.

„Ich hätte mir das auch anders gewünscht“, sagt er. Er habe gehofft, dass sein Engagement bei Fridays for Future ausreiche, um die Bundesregierung zu drastischen Maßnahmen gegen die Klimakrise zu bewegen. Doch als er als Fluthelfer im Ahrtal war, wo viele Orte völlig zerstört waren, wo Menschen in der Flut gestorben sind, kam er für sich zu dem Schluss, dass es drastischere Signale braucht. Er hofft, dass seine Aktionen auch andere Menschen motivieren, selbst aktiv zu werden, in Parteien, Bewegungen oder Vereinen. „Ich glaube weiterhin, dass wir einen Unterschied machen können“, sagt er.

Moritz Riedacher hat den Fokus auf die Tiere gelegt

„Was mir aber natürlich leid tut, ist, dass es manche sauer gemacht hat und dass sich Menschen persönlich angegriffen gefühlt haben“, sagt Riedacher. Unter den Sauren dürften auch viele derjenigen sein, deren Flüge an jenem 13. Juli durch die Flughafenblockade ausfielen. „Dieses Recht, zu fliegen und entfernte Verwandte zu besuchen, wollen diese Menschen aber ja auch in 20 Jahren noch haben“, sagt Riedacher zu seiner Motivation.

Seit seinem Rückzug aus dem Klimaaktivismus konzentriert sich Moritz Riedacher auf den Tierschutz. Ihm gefalle, dass Menschen schon durch kleine Verhaltensänderungen viel für Umwelt und Klima bewirken könnten. Zum Beispiel, indem sie sich an zwei Tagen die Woche vegan ernährten. „Das muss ja nicht perfekt sein“, sagt Riedacher. Dann muss er weiter – zum Tierheimfest in Botnang.

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