An der Augustenstraße stehen nun an mehreren Stellen Sitzgelegenheiten aus Holz und Pflanzen. Foto: Lichtgut/Zophia Ewska
Mal wieder gibt es Streit über den Superblock in Stuttgart-West: Die CDU hält die Evaluation des Verkehrsversuchs durch die Uni Stuttgart für intransparent und nicht neutral. Bei der Uni ist man irritiert.
Es ist schon jetzt ein umstrittenes Projekt: der sogenannte Superblock rund um die Augustenstraße im Stuttgarter Westen. Für anderthalb Jahre wurden dort einige Parkplätze durch Sitzgelegenheiten, Fahrradständer und Pflanzen ersetzt. Zudem stehen an den Kreuzungen Poller, sodass Autos nicht mehr schnell gerade durch die Straße fahren können. Es soll untersucht werden, was dies mit dem Verkehr macht.
Und weil das Ganze ein Novum ist, wird es wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Doch kürzlich hat die Stuttgarter CDU Zweifel an der Evaluation durch die Uni Stuttgart in einem Antrag an die Stadt formuliert. Was steckt dahinter?
Zusammengefasst geht es der CDU um die Frage, ob die Evaluation der Uni transparent und neutral sei. „Es muss klar sein, welche Fragestellungen untersucht werden, wie die Repräsentativität der Befragten gewährleistet wird und welche Methoden zur Datenerhebung verwendet werden“, heißt es in dem Antrag. Zudem sei sicherzustellen, „dass die Ergebnisse ein ausgewogenes Bild der Anwohnermeinungen widerspiegeln“.
Wie begründet die CDU ihren Antrag?
Der Verkehrsversuch sei „politisch hochsensibel“ und könne „möglicherweise bedeutende Auswirkungen auf die städtische Verkehrspolitik haben“, heißt es. Die Bürger hätten das Recht, wie solche „weitreichenden Maßnahmen“ begründet würden. Und der Gemeinderat benötige ein „objektives Stimmungsbild und fundierte Argumente für seine weiteren Entscheidungen“.
Trotz wiederholter Nachfragen unserer Redaktion bei der CDU-Gemeinderatsfraktion erhält man keine Antwort darauf, was genau die CDU zu dem Antrag bewogen hat – also ob die Stadträte konkrete Erkenntnisse haben, wodurch bei ihnen eine Skepsis entstanden ist bezüglich der Evaluation durch die Uni Stuttgart.
Um welche Evaluation geht es?
Soziologen und Energiewirtschaftler der Uni Stuttgart sind beteiligt an einem europäischen Forschungsprojekt namens Urbanome. Sie begleiten den Verkehrsversuch dafür quantitativ und qualitativ. Das bedeutet: Einerseits prüfen sie mittels von Sensoren und Apps, wie sich die Luftqualität (Feinstaub, Stickoxid, Temperatur sowie Luftfeuchtigkeit) und der Lärm verändern.
Andererseits werten sie Tagebucheinträge und Gespräche mit Anwohnern, Gewerbetreibenden und Pendlern aus, um zu erfahren, wie sich der Verkehrsversuch auf den Alltag der Menschen auswirkt. Dabei geht es etwa um die Frage, ob Anwohner häufiger das Haus verlassen und mehr Zeit draußen verbringen durch den Superblock – oder ob sie sich gestresst fühlen, wenn es schwieriger wird, einen Parkplatz zu finden oder sie länger mit dem Auto nach Hause brauchen.
Was sagt die Uni Stuttgart dazu?
Dort scheint man irritiert zu sein. Der Sprecher Florian Krüger sagt: „Der Antrag der CDU liest sich so, als würde die Uni den Superblock evaluieren – dem ist nicht so.“ Denn Urbanome sei ein europäisches Projekt, das generell Fragen zum Klimawandel, dessen Folgen und dem Wohlbefinden in Städten behandele. Der Superblock gehöre als eine Art Reallabor dazu. „Das ist aber weder eine repräsentative Umfrage noch eine Grundlage für Entscheidungen in der Kommunalpolitik“, betont er. „Die Uni hat mit dem kommunalpolitischen Streit über Superblocks nichts zu tun.“
Eigentlich ist diese blau markierte Fläche für E-Scooter gedacht. Foto: Lichtgut/Zophia Ewska
Im Herbst 2023, also noch bevor der Superblock eingeweiht wurde und die Evaluation der Uni Stuttgart begann, hatte Ulrich Fahl, Abteilungsleiter des Instituts für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung an der Uni Stuttgart, in einem Gespräch betont, dass die Forschung ergebnisoffen sei: „Das Resultat des Superblocks muss nicht positiv sein.“
Wenn sich herausstelle, dass es nicht ruhiger werde und das Wohlbefinden der Menschen sich negativ entwickle, „werden wir das dokumentieren und den Entscheidungsträgern so weitergeben“. Letztlich solle die Forschung auch zeigen, ob es sich lohne, noch andere Quartiere zum Superblock zu machen, sagte er.
Unter anderem das Institut Stadt Mobilität Energie (ISME) koordiniert verschiedene Formen der Bürgerbeteiligung, wie Runde Tische und Infostelen im Superblock. Dazu kommen Verkehrsuntersuchungen, die bis Herbst 2025 andauern; bis zum Ende des Verkehrsversuchs. „Das Forschungsvorhaben Urbanome ist also nur ein Baustein des Evaluierungsprozesses, bei dem die Landeshauptstadt Kooperationspartnerin ist“, sagt eine Sprecherin der Stadt.