Der VfB demonstriert in Mainz zum einen Stärke wie Deniz Undav, offenbart aber auch Schwächen, die Maximilian Mittelstädt kaum fassen kann. Foto: Baumann/Alexander Keppler
Alles in einem Spiel: die Stuttgarter beweisen beim wilden 2:2 einmal mehr ihre Offensivqualitäten, offenbaren aber ebenso ihre Schwächen. Wir analysieren die Lage.
Urs Fischer ist ein durch und durch höflicher Mensch. Also war es dem Schweizer ein persönliches Anliegen, seinen Dank und eine Art Grußbotschaft an seinen den Gegner lobenden Kollegen Sebastian Hoeneß loszuwerden, ehe dieser nach dem 2:2 die Mainzer Arena verließ. „Ihr spielt ja da um die Champions League“, sagte der Coach der Nullfünfer, „ich wünsche euch, dass ihr am Ende unter den ersten vier in der Tabelle steht. Das Zeug dazu habt ihr auf jeden Fall.“
Warme Worte, die Hoeneß in der Öffentlichkeit nicht so gerne hört, weil sie den Erwartungsdruck rund um den VfB Stuttgart erhöhen. Der 43-Jährige ist diesbezüglich mehr ein Mann der Tat und weniger der hinausposaunten Saisonziele. Es sind dennoch wahre Worte. Respektvoll ausgesprochen von einem Fußballexperten, der weiß, wie die Bundesliga einzuschätzen ist.
Es ist ja die große Frage, die den VfB schon länger in dieser Saison begleitet: Wie stark ist die Mannschaft? Sie verfügt zweifelsohne über hohe Qualität. Vor allem in der Offensive, wie sich in Mainz einmal mehr gezeigt hat. Eine Minute benötigten die Stuttgarter, um aus dem 0:1 durch Jae-sung Lee (38.) ein 2:1 zu machen. Erst traf Ermedin Demirovic, gleich danach Deniz Undav (76./77). Ein klassischer Doppelschlag.
Doch die Gastgeber gingen nicht in die Knie. Leidenschaftlich und willensstark schlugen sie durch den Kopfball von Danny da Costa zurück (90.+1). Leistungsgerecht und verdient aus neutraler Sicht. Fabian Wohlgemuth brachte allerdings noch einen anderen Aspekt ins Spiel. „Wer Drama mag, ist bei uns richtig aufgehoben“, meinte der Sportvorstand zum Unterhaltungsfaktor am Samstagnachmittag. Denn langweilig geht es bei den Stuttgartern selten zu. Sie neigen zu späten Toren und zeigten in Mainz ein wechselhaftes, teilweise wildes Spiel.
Der VfB-Trainer Sebastian Hoeneß sieht, wie seine Elf in Mainz Geschenke verteilt. Foto: Baumann/Alexander Keppler
Auch das mag Hoeneß nicht. Dieses Hin und Her mit langen Pässen des Gegners. Diese ständigen Standardsituationen, die sich aus den vielen Zweikämpfen und Luftduellen ergeben. Der VfB-Trainer will die Kontrolle behalten, am liebsten über Angelo Stiller im Zentrum des Stuttgarter Spiels. Pass für Pass. Spielzug für Spielzug. Fein orchestriert durch den Taktgeber. Nur: gegen Fischer-Teams läuft die Kugel nun mal selten in ruhigen Bahnen. Sie ziehen einen in ihren Strudel aus harter Defensive und gefährlichen Kontern. Weshalb es beim VfB hieß: Gute Phasen, schlechte Phasen.
„Wir haben diesmal die zwei Gesichter unserer Mannschaft sehen können“, sagte Wohlgemuth nach dem Abpfiff. Mitte des ersten Abschnitts gingen nach verheißungsvollem Beginn die Konsequenz in der Abwehr und die Genauigkeit im Angriff verloren. Bis Mitte der zweiten Hälfte, sodass der VfB-Torhüter Alexander Nübel die Gäste einige Male vor einem höheren Rückstand bewahren musste. Das Ärgerliche dabei für Hoeneß: „Wir haben Geschenke verteilt.“ Denn die Mainzer Chancen für Sheraldo Becker, Phillip Tietz und Paul Nebel entstanden aus Stuttgarter Nachlässigkeiten.
Dass die schwäbischen Schwächen nicht genutzt wurden, lag neben Nübel auch an Luca Jaquez, der den eigenen Fehler umgehend mit einer Rettungsgrätsche ausbügelte. Und plötzlich kehrten Präzision und Wucht zurück – mit einem Kontakt, wenn man so will. Mehr brauchten Undav und Demirovic beim ersten Tor jeweils nicht und Tiago Tomas bei der Vorbereitung des zweiten auch nicht. Zu schnell ging das für die FSV-Defensive. „Da haben wir kopflos agiert“, sagte der Ordnungsfanatiker Fischer.
Alles schien auf einen Stuttgarter Sieg hinauszulaufen. Trotz der Dauerbelastung der VfB-Profis. 15 Spiele haben sie im neuen Jahr schon bestritten. Die Vorstellung als Tabellenvierter dann beim Abstiegskandidaten im Vorbeigehen zu gewinnen, entspricht allerdings nicht der Realität. Die Stuttgarter müssen sich stets am Leistungslimit bewegen, um ihre großen Ambitionen zu bewahren.
Das nächste Mal am Donnerstagabend in der Europa League. Der FC Porto kommt, um das Achtelfinal-Hinspiel zu bestreiten – und mit dem portugiesischen Tabellenführer präsentiert sich eine Mannschaft, die ähnlich wie die Mainzer den Ballbesitz als verzichtbaren Luxus betrachtet. Der Kontrahent darf das Spielgerät gerne in seinen Reihen haben, Gegentore lässt das Ensemble von Trainer Francesco Farioli aber kaum zu.
Die Hoeneß-Elf wirkt da weniger stabil. Betonen die Skeptiker unter den Fans, weil es gegen die Liga-Hinterbänkler aus St. Pauli (1:2), Heidenheim (3:3) und Mainz (2:2) zuletzt keine Siege, aber eine Reihe von Gegentore gab. Dennoch lässt sich aus den Auftritten und Ergebnissen auch Optimismus schöpfen, da der VfB zwar nicht jede Begegnung souverän gestaltet, aber immer weniger mäßige Spiele tatsächlich verliert. Was eine neue Qualität in der Entwicklung der Stuttgarter Mannschaft bedeutet.