VfB Stuttgart gegen 1. FC Heidenheim Hat der VfB zu wenige Führungsspieler?

Drei Führungskräfte, die mit der Situation des VfB Stuttgart unzufrieden sind: Deniz Undav, Atakan Karazor und Angelo Stiller (von links) Foto: Baumann/Volker Mueller

Beim Bundesligisten hat es zuletzt mehrmals an Profis gefehlt, die der Mannschaft in kritischen Spielphasen Halt und Orientierung geben. Ein kritischer Blick auf Kapitän Atakan Karazor und andere geforderte Profis.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Atakan Karazor präsentiert sich schon mal als eine Art Feldherr auf dem Fußballplatz. Er gestikuliert, er ordnet die Reihen, er spricht viel. Wie ein Stratege wirkt der Mittelfeldspieler. Nur: Zuletzt war es mehr Schein als Sein, wenn es darum ging, der Mannschaft in kritischen Phasen Halt und Orientierung zu geben. Denn der Einfluss des Kapitäns auf das Spiel des VfB Stuttgart schwindet. Zum einen, weil Karazor nicht mehr so stark wie im Jahr davor auftritt. Zum anderen, weil einer allein es nicht richten kann und der Bundesligist wieder eine stabile Mittelachse bräuchte.

 

Aus der Führungsschwäche ergibt sich nun die Frage, wer beim VfB im Saisonendspurt vorangehen soll. Sportlich zählt vor dem Heimspiel an diesem Freitag (20.30 Uhr) gegen den 1. FC Heidenheim noch immer jeder Punkt. Trotz des Pokalfinales am 24. Mai gegen Arminia Bielefeld – oder gerade deshalb, da es ja das Ziel des VfB bleibt, sich über die Liga für einen europäischen Wettbewerb zu qualifizieren. „Für unseren Gegner ist es mit Blick auf die Tabellensituation schon fast ein Alles-oder-nichts-Spiel. Wir dürfen uns also auf Heidenheimer Existenzkampf einstellen und müssen bereit sein, die Physis dieses Spiels anzunehmen“, sagt der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth, „aber auch wir gehen ganz gewiss nicht völlig druckbefreit in dieses Match.“

Braucht es Typen, die dazwischen hauen?

Der VfB kämpft mit den eigenen Ansprüchen, da die Rückrunde mit Blick auf die Resultate enttäuschend verläuft. Und noch immer ist es ein ausgeprägt deutscher Fußballreflex, nach einem Führungsspieler zu rufen, wenn es nicht passt. In anderen Situationen sind diese Persönlichkeiten mit der Fähigkeit, eine Partie an sich zu reißen, auch nicht so dringend gefordert. In der traditionellen Denke braucht es dann jemanden wie einst Stefan Effenberg oder Michael Ballack, den Prototypen der altdeutschen Ordnungskräfte. Sie schnauzten die Mitspieler an, und sie grätschen mit Sendungsbewusstsein auch Gegner ab – um ein Signal zu setzen. Oft hat es geholfen. Damals. Jetzt wirkt es wie Folklore, da Führung im Fußball schon lange anders funktioniert.

Es ist ein flaches Hierarchiegebilde, in dem gleich mehrere Spieler Verantwortung tragen – und nicht alle anderen nur auf das Kommando eines Leitwolfs hören. Siehe VfB. In der sensationellen Vorsaison waren Waldemar Anton und Serhou Guirassy umringt von Profis, die sich nach oben dribbelten und passten. Alles schien leicht im Gefüge mit den nach außen stillen, aber nach innen klaren Leadern. Abwehrchef und Torjäger bildeten das Machtzentrum mit Dan-Axel Zagadou (seit Langem verletzt) sowie den aufstrebenden Atakan Karazor, Angelo Stiller und Alexander Nübel. Assistiert von den Kabinengrößen Pascal Stenzel und Fabian Bredlow. Und nun muss man in Stuttgart nach dem Weggang von Anton und Guirassy feststellen, dass der im letzten Sommer entstandene Freiraum nicht adäquat durch neue Seniorchefs besetzt wurde. Weder laut noch leise. Trotz monatelanger Geduld.

Karazor, der seit Rundenbeginn die Kapitänsbinde trägt, gehört zweifellos zu den weiß-roten Führungskräften. Als langjähriger Stammspieler, als Bindeglied zwischen Team und Trainer, als Integrationsfigur im Kader. Fußballerisch erinnert er jedoch an den Karazor vor der Vizemeisterschaft. Allerdings ist der Defensivspezialist nicht allein. Viele VfB-Stars laufen (oder liefen) ihrer Form hinterher. Dabei definiert sich Führung zunächst über Leistung. Es braucht besondere Qualität oder Professionalität für den Sonderstatus als Leitfigur. Vereinfacht ausgedrückt: Entweder ist man schlichtweg besser als die anderen, oder man bringt mehr Engagement und Ehrgeiz als der Normalprofi ein, um erfolgreich zu sein.

Das Übernehmen der Kapitänsbinde als Stellvertreter reicht nicht, wie sich bei Deniz Undav zeigt. Der Publikumsliebling hat nach Wochen auf der Ersatzbank zuletzt wieder von Anfang an gespielt – und beim 4:4 bei Union Berlin getroffen. Hinterher meinte er, dass die Misere in der Öffentlichkeit an ihm festgemacht wurde. Was jedoch nicht zutrifft und zu dem Thema führt, ob die Lage realistisch eingeschätzt wird.

Was ist mit Angelo Stiller und Alexander Nübel?

Einige VfB-Profis wähnen sich besser als der elfte Tabellenplatz. Sie erheben auch hohe Ansprüche. Weil sie zu Nationalspielern und damit in der Gehaltskategorie nach ganz oben aufgestiegen sind. Wie Stiller, der Denker und Lenker im Mittelfeld. Als kühler Kopf der Mannschaft in heißen Abschnitten dient er aber noch nicht immer. Wie Nübel, der zum Nationaltorwart gereift ist, beim VfB aber selten Position bezieht und nicht immer eine gute Figur abgibt.

Da gibt es weiteres Entwicklungspotenzial, welches das Trainerteam heben sollte. Bisher haben es Sebastian Hoeneß und Co. vor allem geschafft, aus Talenten neue Spitzenkräfte zu machen (zuletzt Nick Woltemade). Bisher ist es jedoch nicht gelungen, aus diesen Spitzenkräften ein dauerhaftes Topteam mit einer Führungsebene zu formen, die den Laden zusammenhält. Die vielen verspielten Führungen sind hier ebenso anzumerken wie die zahlreich verschenkten Punkte und die schwache Heimbilanz.

Insgesamt hat der VfB die Selbstverständlichkeit des Siegens verloren. „Es geht für uns darum, das hohe Investment, das wir so oft in unsere Spiele einbringen, nach 90 Minuten auch im Ergebnis wiederzufinden. In diesem Punkt rangieren wir momentan hinter unseren Erwartungen. Natürlich haben wir den Anspruch, hier besser zu werden“, sagt Wohlgemuth – mit Blick auf Heidenheim und die Partien danach.

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