VfB Stuttgart in der Europa League Wie der VfB vom Festabend auf den Alltag umschaltet

Irgendwo da unten liegt der Torschütze Tiago Tomas. Die Mitspieler freuen sich für den VfB-Stürmer, der privat eine schwere Zeit durchmacht. Foto: IMAGO/Shutterstock

Nach dem internationalen Gala-Auftritt bei Celtic Glasgow ruft die Bundesliga in Heidenheim – für die Stuttgarter soll das jedoch keinen Unterschied ausmachen.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Da ist selbst der Doppeltorschütze noch einmal aufgesprungen. Bilal El Khannouss, der sich nach seiner Auswechslung mit Applaus eine dicke Jacke an- und die Kapuze übergezogen hatte, lief am Spielfeldrand entlang – um Tiago Tomas nahe zu sein und ihm zu gratulieren. Denn der Stürmer hatte gerade den 4:1-Endstand bei Celtic Glasgow erzielt.

 

Ein sportlich wichtiger Treffer war das für den VfB Stuttgart, da er das Tor zum Achtelfinale der Europa League noch weiter aufstieß. Es war aber auch ein bedeutsamer Treffer für den Portugiesen, weil er nach dem Tod seines Vaters im Januar schwere Wochen durchmacht. Da helfen persönliche Glücksmomente und Zuspruch anderer, um sie besser durchzustehen.

Tomas gedenkt gestorbenem Vater

Also rutschte Tomas nach seinem überlegten Schlenzer in der Nachspielzeit auf Knien Richtung VfB-Fankurve im Celtic Park, die Hände gen Himmel gerichtet. Eine Geste, die keiner großen Interpretation bedarf. Und schon wenige Augenblicke später tauchte der 23-Jährige in einer roten Jubeltraube unter. Alle Mitspieler wollte da sein.

Sie demonstrierten Mitgefühl, wie schon Tage zuvor, als die Emotionen aus Tomas in der MHP-Arena nach dem Sieg gegen den 1. FC Köln herausbrachen, und sie zeigten ebenso ihre Verbundenheit. „Wir freuen uns alle sehr für Tiago“, sagt der Trainer Sebastian Hoeneß über den speziellen Augenblick für Tomas und das Team in der altehrwürdigen Arena.

VfB vor dem Tor effizient

Der VfB präsentierte sich beim schottischen Serienmeister aber vor allem zuvor auf dem Rasen als Einheit und er bot eine neue Qualität auf internationaler Bühne. „Wir haben eine hohe Effizienz an den Tag gelegt“, sagt Hoeneß, „was uns zuvor im Europacup nur in Deventer gelungen ist.“ 4:0 gewannen die Stuttgarter in der Ligaphase bei der niederländischen Elf der Go Ahead Eagles. Die anderen Auswärtspartien gingen dagegen verloren: in Basel, Istanbul und Rom. Da erzielte die Hoeneß-Elf nicht einmal ein Tor – trotz teilweise guter Leistungen.

In Glasgow wussten die Stuttgarter jedoch mit ihren Chancen umzugehen. El Khannouss traf zweimal (15./28.). Erst mit dem Fuß, danach mit dem Kopf. Damit ist er aktuell mit insgesamt fünf Treffern der erfolgreichste VfB-Profi in der Europa League. Die Volltreffer bedeuteten zweimal die Führung, nachdem Atakan Karazor ein Fehler unterlief und Benjamin Nygren zwischenzeitlich ausglich (21.). Dennoch: der Unterschied zwischen dem Tabellenvierten der Bundesliga und dem Tabellendritten der Scottish Premiership war deutlich.

Celtic legt Fokus auf Liga

Die Gäste aus Deutschland kontrollierten die Begegnung. Sie bestimmten das Tempo im Play-off-Hinspiel, die suchten die Entscheidung durch weitere Tore von Jamie Leweling (57.) und Tomas (90.+3). So kommt der erfahrene Celtic-Teammanager Martin O’Neill nach tausend Spielen auf der Trainerbank zu dem Schluss: „Das wird sehr, sehr schwierig nächste Woche in Stuttgart. Für uns ist die nationale Meisterschaft aber auch wichtiger, denn international konkurrieren wir mit Vereinen, die weitaus mehr Geld zur Verfügung haben als wir.“

Eine Mission impossible, denn selbst der berühmt-berüchtigte Celtic Park entfaltete keine Wucht, um die fußballerischen Defizite auszugleichen. Zu schwach ist die eigene Mannschaft, zu groß die Unzufriedenheit der Fans mit der eigenen Clubführung. Weshalb es anfangs aus Protest Tennisbälle auf den Rasen regnete und später die Stimmung für Celtic-Verhältnisse schnell kippte.

El Khannouss warnt vor Hochmut

Zu hören waren weitgehend die VfB-Anhänger und zu sehen eine schwäbische Dominanz, die keinesfalls zu Hochmut führen soll. „Wir haben nur den Hinspiel-Sieg in der Tasche. Es gibt noch ein Rückspiel und wir dürfen uns nicht zu sicher fühlen“, sagt El Khannouss zur guten Ausgangslage.

Zumal der Spielplan zwischen den beiden Festtagen auf europäischer Bühne (Rückspiel ist nächsten Donnerstag/18.45 Uhr) noch die Rückkehr in den Alltag vorsieht. Grau wird dieser sein am Sonntag (19.30 Uhr) beim 1. FC Heidenheim – und rau auf der Ostalb. „Da erwartet uns Abstiegskampf pur, sogar Existenzkampf“, sagt Hoeneß. Da gilt es den Fokus entsprechend auszurichten. „Die Frage, wie wir das schaffen, darf sich aber gar nicht stellen“, meint der Coach. Denn nicht nur er hat konkrete Vorstellungen, wie die Saison weitergehen soll, sondern ebenso die Mannschaft und der Club.

Dranbleiben, vorwärts kommen. Dabei machen die Spieler immer weniger einen Hehl aus ihren Ambitionen. Karazor sieht in der Europa League kein Team, das zwingend besser als der VfB ist. Weshalb die internationale Reise nicht gegen Celtic und nicht danach im Kreis der besten 16 Mannschaften enden soll. Doch zunächst gilt es den nächsten Schritt zu machen – in Heidenheim.

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