Mit Beifall wird der Stuttgarter Hymnus-Chor regelmäßig verwöhnt. Wenn die Chorknaben in ihren schwarzen Talaren mit den breiten weißen Kragen auftreten, gibt es reichlich Applaus. Ob sie in Kirchen, in Konzertsälen oder neuerdings auch im Fußballstadion singen – die klaren, glockenhellen Stimmen begeistern das Publikum.
In diesem Jahr wird „der Hymnus“ besonders gerühmt, denn er feiert ein denkwürdiges Jubiläum: Vor 125 Jahren wurde der Chor gegründet, auf Anregung des schwäbischen Industriellen Paul von Lechler. In seiner langen, wechselvollen Geschichte wurde er zu einer Institution, die niemand mehr missen möchte. Für die evangelische Kirche als Trägerin ist er ein „Aushängeschild“ und „wichtiger Schatz“. So schreiben es der württembergische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl und der Stuttgarter Stadtdekan Søren Schwesig in der Festschrift. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), selbst Chorsänger, lobt den Knabenchor darin als „wichtigen Ort der Bildung, des Wachstums und der Förderung junger Talente“. Und Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) preist ihn als eine zentrale Säule der „Chorstadt“ Stuttgart; für viele Bürger gehörten die Auftritte fest zum Jahresablauf.
Einblicke ins Innenleben des Chores
Am übernächsten Sonntag findet in der Stiftskirche der offizielle Festakt mit Bischof Gohl und Dekan Schwesig statt, samt anschließendem Empfang im Rathaus. Vier Tage vorher eröffnet das Stadtmuseum eine Sonderausstellung unter dem Titel „Jauchzet, Frohlocket“. Verheißen werden „exklusive Einblicke in das aktuelle Chorleben abseits der öffentlichen Auftritte“.
Nun aber bieten sich Einblicke ins Innere des „Hymnus“, die die Feierstimmung trüben könnten. In das Jauchzen und Frohlocken mischen sich Misstöne, die lange nicht nach außen drangen. Seit einigen Jahren nämlich gibt es Dissonanzen um den Chorleiter Rainer Johannes Homburg (59), seinen Führungsstil und seinen Umgang mit Sängern und Mitarbeitenden. Just im Jubiläumsjahr spitzte sich der Konflikt zu, bereits im März erklärte Homburg intern seinen Rückzug auf Ende Oktober. „Man soll gehen, wenn es am schönsten ist“, schrieb er in einer Rundmail an Sänger, Eltern und Freunde. Nach 15 „wunderbaren und erfüllten Jahren“ wolle er sich neuen Herausforderungen zuwenden – welchen, blieb offen. Besonders erfreut zeigte er sich, dass er noch die Veranstaltungen zum Jubiläum leiten solle.
Der Chorleiter geht angeblich auf eigenen Wunsch
Öffentlich verkündete die Kirche den Abgang erst Anfang dieser Woche, kurz nachdem unsere Zeitung zur Unruhe im Chor und Vorwürfen gegen den Leiter angefragt hatte. Per Pressemitteilung sprach Homburg von einer Entscheidung, die ihm „nicht leicht gefallen“ sei; die Aufgabe liege ihm schließlich „sehr am Herzen“. Der Stadtdekan Schwesig bedachte den Kirchenmusikdirektor mit viel Lob: Mit seiner musikalischen Vision und unermüdlichem Einsatz habe er den Chor „auf ein beeindruckendes Niveau geführt“. Unter seiner Leitung habe dieser „weit über Stuttgart hinaus Strahlkraft entfaltet“. Fürs Abschiednehmen gebe es noch genug Gelegenheit, so Schwesig, über die Nachfolge werde zu gegebener Zeit informiert.
Der selbstbewusste Homburg, erst der sechste Chorleiter in der langen Hymnus-Geschichte, gehe aus freien Stücken – das wird allseits auffällig betont. Zwei Monate zuvor hatte die Kritik an ihm freilich ein neues Niveau erreicht. Im Januar entschied sich das Gros der Mitglieder des Männerchores – das sind die dem Knabenalter entwachsenen Sänger bis zum Alter von 30 – zu einem höchst ungewöhnlichen Schritt: In einem neunseitigen Brief informierten sie die Eltern über die Probleme mit dem Chorleiter. „Wir haben lange gehadert, wir sind verzweifelt“, schrieben sie eingangs. Schließlich liebten sie den Chor, hätten dort Freunde fürs Leben gefunden und „unfassbar schöne Momente erlebt“. Aber da sich an den Missständen trotz aller Bemühungen seit Jahren nichts ändere, wolle man den Hymnus-Familien nicht länger eine „heile Welt vorgaukeln“. Auch im Interesse der Sängerknaben sehe man keine andere Möglichkeit mehr als den internen Hilferuf.
Wie das „System Homburg“ geschildert wird
Mit harten Worten wird in dem Brief das „System Homburg“ geschildert. Der Kernvorwurf: eine Kommunikation auf Augenhöhe sei mit ihm nicht möglich. Kritik wolle er weder hören noch gelten lassen, Kritiker würden eingeschüchtert oder lächerlich gemacht. Verbale Gewalt und Grenzüberschreitungen seien an der Tagesordnung, seine rhetorische Überlegenheit spiele der Chorleiter regelmäßig aus. Wer auf Probleme hinweise oder Widerrede wage, müsse damit rechnen, angebrüllt zu werden. Die Folge: eine „Grundstimmung der Angst“. Viele Betroffene hätten den Chor verlassen, andere resigniert und sich in die höchst asymmetrischen Machtverhältnisse gefügt. „Am besten nichts sagen, dann hast du eine ruhige Zeit“ – diese Devise gelte seit Jahren für Sänger und Mitarbeiter. Ausdrücklich klargestellt wird immerhin, dass es nicht um sexualisierte Gewalt gehe.
Auch ihr Einsatz für die Chorknaben, berichten die „Männerchörler“, sei offenbar unerwünscht. Mal habe man den Umgang mit gesundheitlich angeschlagenen Jungen auf Reisen moniert, mal die extreme Lautstärke bei einer Probe im Stadion, samt Ohrenschmerzen. Als Antwort sei man von Homburg beschimpft und angefeindet worden. Ein Indianer kenne keinen Schmerz – mit solchen Sprüchen sei er über Beschwerden hinweggegangen.
Schwesig: Chor zu einer Einheit geformt
Homburg selbst reagierte nicht auf eine Anfrage unserer Zeitung. Angesichts der sensiblen Thematik, wurde schon früh vereinbart, solle sich bei Anfragen nur der Stadtdekan gegenüber der Öffentlichkeit äußern. Ein Chor mit 150 Sängern sei „wie ein lebendiger Organismus“, erläutert Søren Schwesig in einer Stellungnahme. Da kämen „die unterschiedlichsten Knaben und Männer“, mit großer Altersspanne und eigenen Erwartungen und Gefühlen zusammen. Reibungen und Spannungen blieben da nicht aus. Homburg sei es gelungen, „höchst verschiedene Interessen und Sichtweisen“ immer wieder unter einen Hut zu bringen und aus dem Chor eine Einheit zu formen. „Auch dafür sind wir ihm dankbar.“ Sein Weggang sei „ein Verlust“.
Zur Kritik aus dem Männerchor schreibt Schwesig, „Querelen“ würden beim Hymnus-Chor „angesprochen und bearbeitet“. Nach dem internen Brief habe es „intensive Gespräche“ mit allen Beteiligten gegeben – Unterzeichnern, Eltern, Chorleitung, Mitarbeitern und Träger. Gewaltschutz gehöre auch beim Chor zur gelebten Kultur, so der Stadtdekan, bis zum Herbst wolle man das Schutzkonzept aktualisieren. Auch „kommunikative Gewalt“, hieß es intern ausdrücklich, werde dabei eine Rolle spielen.
„Kann jeder frei, ohne Angst sprechen“?
Im „Saisonbericht“ 2022/23 des Chores hatte sich auch Homburg zu den entsprechenden Bestrebungen bekannt. Nach einer externen Untersuchung wolle man das Konzept mit Hilfe der Landeskirche weiter entwickeln. „Gehen wir aufmerksam miteinander um? Kann jeder frei sprechen, ohne Angst haben zu müssen? Gibt es erkennbare Wege, auf denen Missstände hörbar gemacht werden können?“ Mit solchen Fragen, schrieb er, werde man sich da befassen. Doch gegen den Vorschlag, auch anonyme Meldungen zuzulassen, soll er sich stets gesträubt haben.
Bei den Eltern war der Brief des Männerchores, soweit feststellbar, auf ein gemischtes Echo gestoßen. Viele fanden die Kritikpunkte nachvollziehbar, auch wenn das eigene Kind nicht betroffen sei, anderen erschienen sie allzu zugespitzt, insbesondere in der Wortwahl. Immer wieder wurde eine besorgte Frage an den Träger gerichtet: ob ausgerechnet im Jubiläumsjahr die Zukunft des Hymnus-Chores auf dem Spiel stehe? Die Antwort der Kirchenoberen fiel klar aus: „In keinerlei Weise“.