Es ist ein ganz besonderer Ort: Die Künstler im Bauzug waren die Keimzelle der Wagenhallen. Und mussten immer wieder umziehen. Nun soll die Odyssee ein Ende haben – doch es fehlt Geld.
Der Spatenstich war schon mal. Etwas anders als üblich. Aber dieser Ort ist ja auch ein etwas anderer als in Stuttgart üblich. Zwischen ihren zwölf alten Waggons haben die Künstler der Ateliersgemeinschaft Bauzug 3YG mit diversen Grabwerkzeugen den Boden umgebuddelt, versteckt war ein Schatz.
Den können sie gut brauchen. Denn derzeit fehlt rund eine halbe Million Euro, um die Waggons aufzupeppen und drei Gebäude zu bauen, zwei sollen insgesamt 14 Ateliers beherbergen, eines einen Veranstaltungsraum, Toiletten und eine Küche. 1,6 Millionen Euro haben sie schon von der Stadt bekommen. Zunächst für den Umzug von den ehemaligen Gütergleisen. Der war nötig geworden, weil die Stadt dort bauen will. Also hob man die Waggons per Kran auf Gleise, die von den SSB aussortiert worden waren und die die Künstler günstig kaufen konnten. Nun stehen sie wenige Meter weiter, wo einst die mittlerweile abgerissenen Gebäude Nordbahnhofstraße 165 und 163 A bis C waren.
Waggons am Nordbahnhof: Hilfe vom Gemeinderat gesucht
Doch warum so ein Gewese und Getue für einige alte Waggons? Nun, auch diese Waggons stehen für einen Ort, der mittlerweile stadtprägend geworden ist. Touristen erkunden die Wagenhallen, die Stadt vermarktet sie als „eine für die Region einzigartige alternative Oase“, es gibt eine Führung samt einem Gläschen Sekt. Die Wagenhallen sind ein Verkaufshit, deshalb haben Verwaltung und Stadträte sie für 30 Millionen Euro saniert.
Die Keimzelle der Renaissance der Hallen waren die Waggons. Die Wagenhallen wurden 1890 gebaut. Die Bahn stellte dort ihre Loks ab, wartete und reparierte sie. Später parkten Busse dort. Weil das Gelände als Logistikfläche für den Bau von Stuttgart 21 vorgesehen war, verfiel es in einen Dornröschenschlaf. Der Tiefbahnhof ließ auf sich warten, also zogen Künstler zunächst in Waggons am Nordbahnhof. 2003 eroberten sie die Hallen. Die Waggons standen abseits, waren etwas sperriger, schräger und die Leute dort auch nicht so gut organisiert wie der Veranstaltungsbetrieb und der Kulturverein in den Hallen. Mehrmals mussten sie weichen und umziehen, schrumpften von 25 auf ein buntes Dutzend Waggons.
Gelände bei den Wagenhallen: Ein anderer Ort
Im Verein Stups sind sie mittlerweile organisiert, wissen sich zu Wort zu melden. Und fanden auch Gehör. Als „Ateliergemeinschaft abseits der etablierten Kulturszene“, so die Beschreibung. Was das ist? In der Diskussion geht immer viel durcheinander. Subkultur, Alternativkultur, Off-Kultur, viele Begriffe wirft man dann drauf auf so einen Ort. Und keiner weiß eigentlich so recht, was er damit meint. Doch, eines! Er ist anders, ein Ort, der nicht monetären Erwägungen unterzogen ist, da muss sich nichts rechnen, da tut und macht man. Aus sich heraus und für sich selbst. Da gab und gibt es Figurenspieler, Handwerker, Bildhauer, Fotografen, Filmer, DJs, Schauspieler, und ja, auch Lebenskünstler.
Es wird teurer, durch Vorgaben der Behörden
Über 25 Jahre hat sich dieser Ort nun erhalten. Und immer wieder erneuert. Dies wurde bisher vom Gemeinderat unterstützt. Mit gut 1,6 Millionen in den vergangenen Jahren half man beim Umzug und beim Neubau. Doch das Geld reicht nicht, der Verein braucht noch einmal 511.000 Euro. Nicht, weil er schlecht kalkuliert hat oder zu spendabel ist. Beim Bau von Kliniken, Bahnhöfen oder der Sanierung von Opernhäusern haben wir uns ja an die Nachricht gewöhnt, dass alles teurer werde. Doch selbst bei kleineren Bauprojekten wie bei den Waggons ist jegliche noch so akkurate Kalkulation mittlerweile nur eine Annäherung. Die Gründe? Lassen sich zwar oft schwer verstehen, aber erklären.
Der Bauantrag wurde im Juli 2023 eingereicht, bewilligt im April 2025. Allein das bedingt eine Steigerung von acht Prozent im Jahr durch die allgemeine Steigerung der Baukosten, das sind schon 65.000 Euro, hat Stups ausgerechnet. Zusätzlich braucht es 110.000 Euro für zertifizierte Fluchttreppen an den zwölf Waggons, Brandschutzwände zwischen den Waggons sowie feuerhemmende Wände in den Waggons. Für die neuen Gebäude braucht es nach dem Gebäudeenergiegesetz anders als geplant vollwertige Heizungen, ein Plus von 80.000 Euro.
Zum Erhalt der Waggons an den Wagenhallen werden Spender gesucht
Und weil der Gesetzgeber ja niemals halbe Sachen macht, verbot er gleich noch, dass man alte Anschlüsse für Wasser/Abwasser und Strom nutzen dürfe, die Leitungen müssen neu gebaut werden, das sind Kosten von 160.000 Euro. So summiert sich das auf 415.000 Euro. Und um das Ehrenamt zu entlasten, hofft der Verein auf drei Minijobs, was im neuen Doppelhaushalt insgesamt auf 42.000 Euro käme. Und zuzüglich eine Projektleitungsstelle mit einer ähnlichen Summe.
Auch weil man ja Geld beibringen will, um das neue Zuhause bauen zu können. Darum muss sich jemand kümmern. 120.000 Euro Eigenmittel wollen sie aufbringen, suchen Spender, organisieren Partys und Veranstaltungen. Und nun? „Jetzt fangen wir mal mit den Veranstaltungsraum an“, sagt die Projektleiterin Lena Engelfried. Es wird gebaut. Mit dem Geld, das man hat. Ganz ohne Schatz.