Politisch rechts zu sein hilft jungen Männern gegen Einsamkeit und libidinösen Frust. Na ja, vielleicht nicht wirklich. Aber rechtspopulistische Verführer werben mit diesem Argument um männliche Heranwachsende, die schwer unzufrieden mit ihrem Leben sind, wenig Freunde und erst recht keine Freundin haben, für all dieses Elend aber am liebsten „die anderen“ verantwortlich machen.
Von diesen „entwurzelten, heimatlosen weißen Männern“ gibt es in den westlichen Demokratien ziemlich viele. Das weiß auch Donald Trumps ehemaliger Chefideologe Steve Bannon. Er besaß einst eine Firma für Video- und Computerspiele. Bannon entdeckte früh, welches Rekrutierungspotenzial hier schlummerte – bei diesen jungen Männern, die Stunden um Stunden allein vor ihren PCs sitzen und rumdaddeln. Bannon startete gezielte Hass – und Hetzkampagnen in der Gaming-Community unter anderem gegen die vorgebliche Tyrannei des Feminismus’, „um diese Armee wachzurütteln“.
„Schau keine Pornos, wähl nicht die Grünen“
Einer der AfD-Spitzenkandidaten für die letzte Europawahl ist da wesentlich direkter in der Ansprache. „Jeder dritte junge Mann hatte noch keine Freundin. Du gehörst dazu?“, fragte Maximilian Krah vor einem Jahr in einem Tiktok-Video und breitete dann ungefiltert seine Lebensweisheiten aus: „Schau keine Pornos, wähl nicht die Grünen, geh raus an die frische Luft. Steh zu dir, sei selbstbewusst. Guck geradeaus. Und vor allem: Lass dir nicht einreden, dass du lieb, soft, schwach und links zu sein hast. Echte Männer sind rechts. Echte Männer haben Ideale. Echte Männer sind Patrioten – dann klappt’s auch mit der Freundin.“
Vielleicht trägt dieses altbackene Macho-Gehabe bei, dass rechte Parteien für junge Frauen weit weniger attraktiv sind als für junge Männer. Bei der letzten Bundestagswahl wählten überdeutlich mehr Männer als Frauen die AfD (13 versus 7,8 Prozent). Bei keiner anderen Partei klafft das Mann-Frau-Verhältnis so stark auseinander wie bei den Rechten. Die Europawahl im Mai 2024 zeigte das gleiche Bild: 19,3 Prozent holte die AfD bei Männern, 12 Prozent bei Frauen.
Dieser „Gender Gap“ im geschlechtsspezifischen Wahlverhalten war noch einmal größer bei den Jüngeren. Unter den 16- bis 29-Jährigen lautete das Verhältnis 22,1 (Männer) zu 11,6 Prozent (Frauen).
Früher wählten Frauen konservativer als Männer
Die Wahlforscher sind nicht überrascht. Seit einigen Jahren beobachten sie, dass Grüne, Linke und SPD bei Frauen im Vergleich zu Männern beliebter sind – insbesondere beliebter als FDP und AfD. Das war nicht immer so, wie Forscher der Universität Köln herausfanden: In den 1950er und 1960er Jahren haben Frauen konservativer gewählt als Männer. In den 1970ern und 1980ern waren die Geschlechterunterschiede klein. Deutlich linker als Männer wählten Frauen dann erstmals mit der Bundestagswahl 2017.
Diese Trendumkehr ist kein deutsches Spezifikum. Die britische „Financial Times“ hat global Daten ausgewertet und kommt danach zu dem Schluss: Es gibt weltweit eine „ideologisch-politische Kluft“ zwischen Männern und Frauen – und diese wird größer. Ein wichtiger „Trigger“ für diese Entwicklung sei die „Me Too“-Bewegung, in der sich Frauen offen gegen sexuellen Missbrauch und männliche Unterdrückung wehren. Die Motivlage dürfte jedoch komplizierter sein. Dass Frauen einst konservativer wählten, könnte auch damit zusammenhängen, dass damals für sie Religion und traditionelle Werte wichtiger waren als heute.
Bedeutend dürften auch finanzielle und soziale Lage, Herkunft und Familienstand sein – und deren jeweilige Perspektive. Eine Frau, die auf gesellschaftlichen Wandel mit mehr Gleichberechtigung hofft, wird sich bei rechtspopulistischen Bewegungen mit deren „Zurück in die Vergangenheit!“ schlecht aufgehoben fühlen.
Häufig Frauen an der Spitze rechter Parteien
Zu den Paradoxien dieser Bewegungen gehört, dass sie reihenweise Frauen an der Spitze haben – siehe Marine Le Pen, Giorgia Meloni und Alice Weidel. Diese Personalkonstellation kann weibliche Aversionen gegen Rechtsparteien mindern. Diese bemühen sich zudem, politisch-argumentativ Angebote speziell für Frauen zu machen. So versuchen sie beispielsweise, rassistisches und antiislamisches Gedankengut mit feministischen Einstellungen zu verknüpfen – indem sie den muslimischen Mann zur größten Bedrohung der Frauenrechte erklären.
In einem Wahlwerbevideo von Marine Le Pen klingt das dann so: „Ich bin eine Frau und als Frau empfinde ich die Einschränkungen der Freiheiten, die sich durch die Entwicklung des islamischen Fundamentalismus vervielfachen, als extreme Gewalt.“