S21, Corona, Staatsoper Was ist nur mit Stuttgart los?

Stuttgarts OB Frank Nopper zeigte sich in einem Interview mit dem SWR jüngst dünnhäutig. (Archivfoto). Foto:  

Die Stadt kommt nicht zur Ruhe. Den Streitereien um Stuttgart 21 und Corona folgt der Stillstand; der OB verliert im Fernsehen die Nerven, man hat den Eindruck, nichts funktioniert mehr. Ist nur die Stimmung schlecht? Oder auch die Lage?

Die Nerven liegen blank. Es war ein wahrer Rudi-Völler-Moment. Stuttgarts OB Frank Nopper kokettiert ja gerne mit seinen Erfolgen als jugendlicher Fußballer. Doch eiferte er dem einstigen Torjäger und Bundestrainer nicht auf dem Feld nach, sondern als Wutredner. Völler purzelten dereinst nach einem 0:0 in Island die auf ARD-Reporter gemünzten Worte aus dem Mund: „Das ist eine Sauerei, ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören!“

 

Der OB verliert die Fassung

So drastisch drückte sich Nopper nicht aus, aber seine Frau ist ja auch Benimmlehrerin. „Sie kommen jetzt auf die Art und Weise: Sind Sie zu blöd, um das zu organisieren? Ich bin wirklich extrem verärgert“, raunzte er eine SWR-Journalistin an, die ihn gefragt hatte, ob seine Verwaltung ihrer Aufgabe gewachsen sei. Dass das Team des Landessenders die Kamera im Verborgenen laufen ließ, war nicht die feine englische Art, doch derart die Contenance zu verlieren, zeigt, dass was im Argen liegt.

Der frühere VfB-Torwart Jens Lehmann hielt Stuttgart für eine „Heile-Welt-Großstadt“. Foto: Pressefoto Rudel/Pressefoto Rudel/Herbert Rudel

Stuttgart hat seine Balance verloren; es war immer eine Stadt mit Maß und Mitte. Tief im Südwesten hatte man sich lange ein gutes Stück alte Bundesrepublik bewahrt. Im Kessel, oder im „Loch im Mickergebirge“, wie der Spötter Max Goldt das nannte, schien man geschützt und unberührt von den Weltläufen. Der frühere Nationaltorwart Jens Lehmann hat vor seiner Rente zwei Jahre hier Station gemacht und festgestellt: „Das ist hier so eine Art Heile-Welt-Großstadt. Jeder hat Arbeit, allen geht es gut.“ Die Autobauer und ihre Lieferanten haben dafür gesorgt, dass die Stadt immer ein bissle zugeparkter war als anderswo, aber auch immer ein wenig wohlhabender, ein bisschen solider. Nicht gerade Olaf-Scholz-langweilig, aber schon so Angela-Merkel-gediegen.

Schießereien wie im Film

Während man in Wuppertal das Schauspielhaus schloss, weil die Stadt pleite war, diskutierte man hier über die Sanierung des Opernhauses, als sei es ein Film von Sergio Leone: „Für ein paar Dollar mehr!“ Die Stadtkasse prall gefüllt, konnte man cool wie Clint Eastwood auf seinem Zigarillo kauend, das Geld verteilen. Doch von heile Welt kann keine Rede mehr sein. Zwei Banden ziehen schießwütig durch die Region als wäre hier die Bronx oder Southeast Los Angeles. Sie gruppieren sich allen Ernstes um zwei Rapper, die sich zu Gangstern ausgerufen haben. Ein schlechter Film? Schön wäre es.

Grusel beim Gang durch den Untergrund

Die Wohlfühlstadt ist irritiert, die Realität dringt ein. Die Beschreibung einer Opernbesucherin via E-Mail an die Redaktion trifft wohl das Gefühl vieler: „Die Operntreppe vermüllt, Opfer unterschiedlichster Drogen auf den Stufen, der Weg zum Hauptbahnhof ein Spießrutenlauf durch pöbelnde und bettelnde Menschen, Müllberge in der Königstraße vor den Fastfood-Ketten am Eingang zur Klettpassage, der Weg durch die Klettpassage gruselig als allein-unterwegs-seiende Frau.“ Andere Opernbesucher fassten sich ungläubig bei der Hand: „Ist das unser Stuttgart? Die Hauptstadt Baden Württembergs?“

1,5 Milliarden für die Sanierung des Opernhauses? Wer bietet mehr? Foto: StZ

Die einen fühlen sich unwohl und bedrängt, die anderen sagen, ist doch nix, schaut halt in die Statistik, ist sicher hier. Die einen stehen Schlange vor den Tafeln, um nicht hungern zu müssen, die anderen stehen Schlange vor einer Bäckereikette, um sündhaft teure Zimtschnecken zu kaufen. Die einen sammeln Flaschen, die anderen kaufen Dubai-Schokolade für 20 Euro die Tafel. Die einen fahren Lastenrad, elektrisch, die anderen panzerähnlich, mit Sprit. Die einen freuen sich, wenn im Weltstädtle viele Sprachen gesprochen werden, die anderen fühlen sich fremd im eigenen Zuhause.

Von Maß und Mitte nichts zu sehen. Dabei waren die Schwaben immer stolz auf ihr gepflegtes Understatement, da war die Villa in der Toskana halt ein Ferienhäusle. Einen Bürgermeister, der stolz darauf wäre, „arm, aber sexy“ zu sein, hätte man umgehend in die psychiatrische Abteilung des Bürgerhospitals befördert. Die Stadtkasse war immer besser gefüllt als anderswo. Daran hat man sich gewöhnt. Doch plötzlich muss gespart werden. Früher konnte man das.

Stolz aufs Pragmatische

Und heute? Klar, gebruddelt wurde immer schon. Man packte an. War stolz auf seinen Pragmatismus, ein Hauptbestandteil der hiesigen DNA. Oder wie es der große Schwaben-Erklärer Thaddäus Troll zusammenfasst: „Der schwäbische Erwerbssinn, verbunden mit beharrlichem Fleiß, der Hang zur Unabhängigkeit und die Fähigkeit, sich in ein Problem zu verbeißen, es von allen Seiten anzupacken, der Drang zum Sinnieren und Tüfteln, die gute Schulbildung, die Tradition feinmechanischer Genauigkeit, die pietistische Verpflichtung zur Zuverlässigkeit und Gediegenheit haben den Schwaben zum Erfinder und Unternehmer prädestiniert.“ Das gilt übrigens nicht nur für mit Sauerwasser Getaufte, auch schwäbische Italiener, Griechen, Türken und Araber fanden sich da wieder.

Die Villa Berg verfällt. /Foto: Imago/Achim Zweygarth

Doch jetzt reibt man sich die Augen und stellt fest: Nix klappt mehr. Wenn ein Kind auf die Welt kommt, sollte man am besten mit der Geburtsurkunde den Führerschein beantragen, damit man ihn mit 18 hat, so sehr ist die Führerscheinstelle im Verzug. Apropos Autofahrer, seit 2014 kennen sie den Rosensteintunnel und das Drumherum nur als Baustelle.

Nein, wir lästern jetzt nicht über Stuttgart 21, das hätte einen längeren Bart als das Reiterstandbild von Württembergs Landesvater Herzog Eberhard im Hof des Alten Schlosses. Das braucht es gar nicht, zehn Jahre Bauzeit für eine neue Brücke über den Neckar, wer bietet mehr? Über die Posse um die leise vor sich hin verfallende Villa Berg wollen wir gar nicht reden. Dieser Stadt ist jeglicher Gestaltungswillen verloren gegangen.

Man muss wirklich unendlich dankbar sein, dass unsere Vorfahren es vor 50 Jahren auf sich genommen haben, eine S-Bahn zu bauen. Man stelle sich vor, heute käme jemand daher und würde sagen: Es wäre doch eine gute Idee, Tunnel vom Hauptbahnhof zum Westbahnhof für eine neue S-Bahn zu buddeln. Den Aufschrei könnte man bis ins Remstal hören .

Mit dem Eiermann-Areal, dem ENBW-Gelände im Osten, dem W&W-Gelände im Westen stehen riesige Quartiere leer, seit Jahren. Man diskutiert und plant, doch es passiert nichts. Hätte man bloß Alt-OB Manfred Rommel zugehört, der wusste: „Es ist nicht Fleisch, es ist nicht Fisch, was da kocht der Runde Tisch!“ Schwätzen, nicht schaffen? Das rührt an die Identität. Und erschüttert das Selbstverständnis. Wir können alles außer Hochdeutsch? Von wegen, the Länd ist abgebrännt. Dabei ist in dieser Stadt eigentlich der Gemeinsinn zuhause, ein Drittel der 640 000 Bewohner mischt in Vereinen mit. Das Potenzial ist groß, wer hebt es? Auf was kann sich diese Stadt einigen? Gut, mal abseits einiger Degerlocher auf den VfB, der spielt wie Bosch, Porsche und Daimler in der Champions League – doch wie lange geht das mit Bosch, Porsche und Daimler noch gut? Es ist sicher kein Zufall, dass VfB-Vorstandsboss Alex Wehrle mit einer Stiftung in die Gesellschaft hinausgreift, der Club sehr präsent ist. Mach hoch die Tür, das Tor mach weit; es leuchtet die VfB-Herrlichkeit.

Im Rathaus leuchtet nur der VfB. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Wird Stuttgart wie Gelsenkirchen?

Aber sonst leuchtet nicht mehr viel. Will man wirklich Gelsenkirchen und Dortmund sein, wo man außer Fußball nix mehr hat? Doch dann kommt die „Wirtschaftswoche“ ums Eck und sagt, Stuttgart stehe beim Städteranking auf Platz 2 unter 72 Städten. Arbeitsmarkt, Wirtschaftsentwicklung, Lebensqualität, Immobilienmarkt und Nachhaltigkeit, all dies sei nur in München besser.

Nun sieht es entweder in ganz Deutschland zappenduster aus, oder in Stuttgart ist die Stimmung weitaus schlechter als die Lage. Geben wir uns alle miteinander dem hin, was der Deutsche im Allgemeinen und der Schwabe im Besonderen hat, dem Hang zum Pessimismus? Alles lumpig, alles liedrig, sang die Comedy-Truppe Kleine Tierschau mal, als sie die schwäbische Seele beschrieb.

Freude über gute Noten

Für Frank Nopper sind die guten Noten „Anlass zum Optimismus“. Der Schultes schränkt aber sogleich ein, „der in schwierigen Zeiten ein hellwacher Optimismus sein muss“. Ohne Dialektik geht es hierzulande eben nie, Nopper kennt seinen Hegel. So ist der Schwabe, er müht sich, die Widersprüche zu vereinen. Er ist verhockt und weltläufig, Grübler und Schaffer, behäbig und revolutionär. So wie Stuttgart selbst: urban und ländlich, grau und grün, voller Weingärten und Autos, lebendig und verschnarcht.

Die Suche nach der Mitte, sie ist eine ewige. Man sollte dabei bloß nicht die Nerven verlieren.

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