In den Fokus der Bemühungen geriet der Windkraftausbau. Eine eingesetzte Taskforce etwa machte den Weg frei für kürzere Genehmigungsverfahren. Im laufenden Jahr 2025 liege die Genehmigungsdauer von Windkraftanlagen bei etwas mehr als acht Monaten, heißt es aus dem Umweltministerium Baden-Württemberg.
Im bundesweiten Vergleich bescheinigt die Fachagentur Wind und Solar dem Land die kürzeste Genehmigungsdauer. Zudem ist das Landwirtschaftsministerium auf Druck der Grünen gezwungen, geeignete Flächen im eigenen Staatswald als Standorte anzubieten.
147 Anlagen derzeit genehmigt
Doch der Effekt dieser letzten Maßnahme ist noch überschaubar. Diese sogenannte Vermarktungsoffensive, betreut vom Forstbetrieb Forst BW, hat seit dem Jahr 2021 und mit Stand April 2025 zwar insgesamt 56 Flächen mit zusammengenommen rund 8400 Hektar ausgeschrieben. Zum Vergleich: in den Jahren 2012 bis 2021 sind ebenfalls rund 8000 Hektar verpachtet worden.
Aus dem Landwirtschaftsministerium ist aber zu hören, dass bislang für keine Staatswaldfläche, die im Zuge der Vergabeoffensive angeboten worden ist, auch Genehmigungsanträge eingereicht worden seien. „Die Gründe hierfür sind die standardmäßigen, von den Projektierern zu leistenden Vorarbeiten und zu erstellenden Gutachten und Detailplanungen“, heißt es. Forst BW rechnet jedoch zeitnah mit den ersten Anträgen von Projektierern. Ein Windrad steht allerdings noch auf keiner der neu ausgewiesenen Flächen.
In Baden-Württemberg gibt es der Landesanstalt für Umwelt (LUBW) zufolge derzeit 792 Windkraftanlagen, die zusammen auf eine Leistung von knapp 1,9 Gigawatt kommen (Stand Mai 2025). Um das Sektorenziel von einer ausgebauten Leistung auf sechs Gigawatt bis 2030 zu erfüllen, sind „Anlagen in Planung“ die relevante Größe – und die beziffert die LUBW auf 1135 (ebenfalls Stand Mai 2025).
„Sollten die über 1100 Anlagen, die momentan in der Pipeline sind, größtenteils realisiert werden, dann wird dieses Ziel von sechs Gigawatt erreicht“, teilt ein Sprecher des Umweltministeriums mit. Mehr noch: Wenn jede der 1100 Anlagen im Schnitt 5,1 Megawatt leistetet – dem bundesweiten Schnitt neuer Windkraftanlagen an Land –, dann werde das Ausbauziel sogar deutlich übertroffen.
Derzeit seien 147 Anlagen genehmigt, aber noch nicht in Betrieb, bei weiteren 214 laufen die Genehmigungsverfahren, und bei den übrigen 774 Anlagen handele es sich um ausgearbeitete Projekte.
Ankündigung der neuen Bundesregierung führt zu Verunsicherungen
„Das Ziel von sechs Gigawatt zu erreichen, hängt allerdings auch von bundespolitischen Rahmenbedingungen ab“, teilt das Umweltministerium mit. Denn ausgerechnet die neue Bundesregierung könnte Sand ins Getriebe des baden-württembergischen Windausbaus streuen. Union und SPD haben im Koalitionsvertrag festgeschrieben, dass sie das Referenzertragsmodell überprüfen wollen. Bislang sieht das Modell vor, Windstandorten mit Nachteilen – etwa wegen geringer Windgeschwindigkeiten – einen Bonus bei der Vergütung nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz zu gewähren. So soll wirtschaftlich sichergestellt werden, dass der Ausbau nicht nur an Küsten und in der Ebene voranschreitet.
„Allein die Ankündigung einer Überprüfung sorgt für Verunsicherung“, sagt Baden-Württembergs Umweltministerin Thekla Walker (Grüne). Investoren fragten sich, ob geplante Standorte künftig noch wirtschaftlich seien. „Wir sehen aktuell eine starke Dynamik nach oben bei der Windkraft. Doch die kann – das wissen wir aus der Vergangenheit – schnell wieder abgewürgt werden“, so Walker.
Bundesregierung hat Flächenziele im Visier
Vor Verunsicherung in der Branche warnen auch die Plattform Erneuerbare Energie Baden-Württemberg und der Bundesverband Windenergie Baden-Württemberg. Sie befürchten, dass der zuletzt an Fahrt aufgenommene Windenergieausbau im Südwesten wieder ins Stocken geraten könne. Nach Vorgaben der vorigen Bundesregierung müssen die Bundesländer 1,8 Prozent ihrer Landesfläche bis ins Jahr 2032 für den Windkraftausbau ausweisen. Die baden-württembergische Landesregierung will damit schon Ende dieses Jahres fertig sein.
Doch das Flächenziel ist knapp bemessen, sagt Dimitri Vedel-Wackerhagen, Geschäftsführer des BWE Landesverbands Baden-Württemberg. Denn viel Auswahlspielraum gebe es bei diesen 1,8-Prozent-Flächen nicht. „Notwendigerweise wird auf jeder dieser Flächen auch ein Windrad stehen müssen.“ Rund 100 dieser neuen Windräder braucht es pro Jahr, um die Klimaziele bis 2040 zu erreichen.
Nach Ansicht von PPE und BWE kommt es daher zur Unzeit, dass die neue schwarz-rote Bundesregierung im Koalitionsvertrag eine Neubewertung der Flächenziele angekündigt hat. Immerhin vorsichtig optimistisch ist Vedel-Wackerhagen für den Fall, dass die Rahmenbedingungen fortbestehen sollten. Dann sei mit einem zeitversetzten Boom zu rechnen, wie derzeit auch in Nordrhein-Westfalen zu beobachten sei. „Aber das ist kein Selbstläufer.“
Vom Ziel der 1000 Windräder
Ursprung
Im Koalitionsvertrag hat sich die grün-schwarze Landesregierung 2021 vorgenommen, in der jetzigen Legislatur Voraussetzungen für den Bau von bis zu 1000 Windkraftanlagen auf Staatswald- und Landesfläche zu schaffen. Die Landesregierung setzt sich damit zum Ziel, die Hälfte der Flächen auszuweisen, die es jährlich für einen Ausbau der Windkraft braucht, um die Sektorenziele bis 2030 zu erreichen.
Klarstellung
Häufig wurde in den vergangenen Jahren über die 1000 Windräder von Grün-Schwarz gefrotzelt, die von vielen als Ziel für die laufende Legislaturperiode bis 2026 gelesen wurde. 2022 versuchte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), dem ein Ende zu setzen: „Da ist gar kein Zeithorizont genannt“, sagte er damals und stellte auch klar. „Das würde allerdings an ein Wunder grenzen, wenn wir das noch schaffen würden in dieser Zeit, 1000 Windräder in Baden-Württemberg zu bauen.“