Bei der Hälfte aller Industrieunternehmen im Kreis Ludwigsburg sind im vergangenen Jahr die Umsätze gesunken. Die IG Metall kämpft aktuell um 1700 Arbeitsplätze – unter anderem bei den Autozulieferern Feintool, Nidec und Lear.
Das Schreckgespenst „Detroit 2.0“ geht in Betrieben und Rathäusern um, die Angst vor einem wirtschaftlichen und sozialen Absturz einer ganzen Region. Es gibt beängstigende Parallelen zur Geschichte der Motorcity – und entscheidende Unterschiede.
Die Parallelen
1. Abhängigkeit: Ähnlich wie Detroit ist die gesamte Wirtschaft des Landkreises von der Industrie abhängig. Dienstleister, Handwerker und Kommunen hängen am Tropf der großen Autobauer und mittelständischen Zulieferer. Versuche, die Wirtschaft diversifizieren, sind bislang gescheitert. Ein gefährliches Spiel, denn wenn ein Dominostein fällt, fallen auch die anderen.
2. Konkurrenz: Die deutsche Autoindustrie wird aktuell von ausländischen Marken wie Tesla, BYD und Nio unter Druck gesetzt. Ähnlich passierte das schon in den 1970er und 1980er Jahren, als Honda und Toyota den amerikanischen Markt aufmischten. Die japanischen Autos waren damals günstiger, sparsamer und galten als zuverlässiger gegenüber Ford, Chevrolet und Chrysler.
3. Produktionsverlagerung: In den 2010er Jahren profitierte die gesamte Region Stuttgart von der starken Autoindustrie, der Wohlstand stieg. Im Großraum Detroit gelten die 1950er und 1960er Jahre als die Blütezeit. Starke Gewerkschaften sorgten für bessere Arbeitsbedingungen und hohe Löhne. So hohe Löhne, dass die Autobauer in den darauffolgenden Kriseljahrzehnten reflexartig mit der Verlagerung von Jobs ins günstigere Ausland begannen.
Die Unterschiede
1. Eingeständnis: Rückblickend wirkt die Autoindustrie Detroits blauäugig. Statt an neuen Produkten und Fertigungsweisen zu arbeiten, hielt man lange an veralteten Autos und Methoden fest. Zwar hat auch die hiesige Industrie die digitale und elektrifizierte Zukunft zu lange ignoriert, man verschließt sich jedoch nicht mehr den nötigen Schritten und hat sich auf den Weg gemacht.
2. Soziales: Zwei wichtige – und häufig vergessene – Gründe für den Absturz Detroits sind der Rassismus und die Korruption. Afroamerikaner flohen aus den Südstaaten nach Detroit mit der Hoffnung auf einen Job in der Industrie. Sie wurden jedoch schlechter bezahlt als Weiße, hatten kaum Zugang zu Gewerkschaften und wurden im öffentlichen Leben ausgegrenzt. Es entstanden noble weiße Vororte und heruntergekommene schwarze Stadtviertel – diese Spaltung bekam den Namen „Redlining“.
Hinzu kamen unfähige Stadtverwaltungen sowie umstrittene und teils korrupte Bürgermeister. Unternehmen verließen Detroit also auch wegen der Lokalpolitik, sozialen Spannungen und der hohen Kriminalität, die wiederum auf den Rassismus zurückzuführen ist.
3. Kooperation: Zusammenarbeit zwischen Behörden, Arbeitgebern und Arbeitnehmern sucht man in der Geschichte Detroits vergeblich. Im Kreis Ludwigsburg bemühen sich derweil einige Firmen, die Belegschaft einzubeziehen. Die IG Metall geht individuell auf die Probleme der Betriebe ein, um Lösungen zu finden. Und viele Städte haben Wirtschaftsförderer mit direkten Drähten zur Industrie.
Besonders dieses gemeinsame Bewusstsein über die wirtschaftliche Lage und das gemeinsame Ziel einer Wertschöpfung vor Ort machen Mut, dass der Kreis Ludwigsburg nicht zum zweiten Detroit wird.