Wohnungsnot bei Berufsanfängern In der Region Stuttgart sollen jetzt endlich mehr Wohnheime für Azubis entstehen

Viele Betriebe suchen ohnehin händeringend nach Azubis. Fehlende Wohnungen sind eine zusätzliche Hürde. Foto: dpa

Jedem fünften Handwerksbetrieb in der Region Stuttgart hat schon mal ein Azubi abgesagt, weil er keine Wohnung gefunden hat. Die Handwerkskammer will nun eine Initiative für ein Wohnprojekt starten. Heidelberg ist schon einen großen Schritt weiter.

Entscheider/Institutionen: Annika Grah (ang)

Keine Wohnung, kein Auszubildender? Tatsächlich fürchtet die Handwerkskammer Region Stuttgart, dass viele Ausbildungsplätze in ihren Betrieben unbesetzt bleiben, weil die Wohnungssuche schwierig ist. Auf rund 900 bis 1000 zusätzliche Azubis schätzt Hauptgeschäftsführer Peter Friedrich das Potenzial – könnten alle Handwerksbetriebe in der wirtschaftsstärksten Region Baden-Württembergs von sich aus Wohnraum anbieten.

 

Dass junge Menschen in Ausbildung und Studium an den hohen Wohnkosten insbesondere in Ballungszentren zu knabbern haben, ist bekannt. Im vergangenen Jahr rechnete das Statistische Bundesamt vor, dass die Wohnkostenbelastung für Azubis und Studierende mit 54 Prozent des verfügbaren Einkommens mehr als doppelt so hoch ist als im Durchschnitt der Bevölkerung.

800 Wohnheimplätze in Planung

Seit 2023 fördert die Bundesregierung deshalb den Bau von Angeboten für „Junges Wohnen“. Neben Studentenwohnheimen sollen auch Azubi-Wohnheime entstehen. Das Land hat dafür im vergangenen Jahr erstmals ein Förderprogramm aufgelegt – rund 32,5 Millionen Euro stellte das Land für Azubi-Wohnheime zur Verfügung. „Dahinter stecken 800 Wohnheimplätze“, frohlockte Bauministerin Nicole Razavi im vergangenen Sommer.

Viel Geld dürfte davon aber noch nicht geflossen sein. „Voraussichtlich Ende April 2025 sollen die ersten Bewilligungen ausgesprochen werden“, teilt ein Sprecher des Bauministeriums mit. Der zuständigen L-Bank lägen 18 Anträge für die Schaffung von 846 Wohnheimplätzen vor. Bei gut der Hälfte der Vorhaben sei der vorzeitige Beginn der Umsetzungsmaßnahmen zulässig – will heißen, auf eigenes Risiko können die Träger bereits mit der Planung beginnen.

80 Prozent der Azubis wohnen noch daheim

Doch das ist vor allem im Bereich des Handwerks gar nicht so einfach: Die Handwerkskammer Region Stuttgart will jetzt eine Initiative starten, um Wohnraum anzubieten. Dafür wurde Anfang des Jahres der Bedarf abgefragt. 121 Handwerksbetriebe und 136 Handwerks-Azubis in und um Stuttgart gaben Antworten. Das ist nicht repräsentativ, gibt jedoch ein Bild, dass sich auch mit anderen Umfragen deckt. Rund 80 Prozent der befragten Auszubildenden wohnen noch bei ihren Eltern. Rund ein Fünftel der befragten Betriebe gibt an, dass schon einmal ein Ausbildungsvertrag gescheitert ist, weil kein günstiger Wohnraum zur Verfügung stand. Von den etwa 14 Prozent der Betriebe, die selbst eine Wohnung zur Verfügung stellen, schätzen vier Fünftel den Wettbewerbsvorteil als groß ein. Knapp die Hälfte der Handwerksbetriebe wünscht sich Unterstützung in Form von Wohnungen und kann sich auch eine Beteiligung an einem solchen Projekt vorstellen.

Gerade für das Handwerk ist das nicht einfach, warnt der Stuttgarter Kammer-Hauptgeschäftsführer Peter Friedrich. Die Kammer selbst kann kein Träger eines solchen Projekts sein, für die Betriebe käme ein Genossenschafts- oder Beteiligungsmodell infrage, bei dem sie sich Belegungsrechte sichern. Hilfreich wäre die Beteiligung einer Wohnungsbaugesellschaft. Doch in Stuttgart tut sich jetzt etwas. Friedrich geht davon aus, dass man im Laufe des Jahres weiterkommt. Mit wem die Gespräche laufen – will er noch nicht verraten. Die Aufgabe ist nicht ganz trivial. Sind die Auszubildenden beispielsweise minderjährig, kommt auf den Träger eines Wohnheimes weit mehr zu als Hausmeisterdienste und Verwaltung.

Heidelberg macht vor, wie es geht

Wie das dennoch gelingen kann, zeigt das Beispiel Heidelberg, wo der Wohnungsmarkt ähnlich angespannt ist wie in Stuttgart. Dort nahm die Stadt das Projekt in die Hand. 2016 wurde das erste Ausbildungshaus eröffnet. Es wird von den Heidelberger Diensten betrieben, ein soziales Dienstleistungsunternehmen der Stadt Heidelberg, und bietet 66 möblierte Studios. Ein zweites Haus in direkter Nachbarschaft ist seit Herbst in Planung und soll schon im Juli eröffnet werden. Es wird von der Städtischen Wohnungsbaugesellschaft renoviert und soll ebenfalls von den Heidelberger Diensten betrieben werden. Auch hier hat also die Stadt Initiative gezeigt – Fördergelder vom Land hat Heidelberg für den Umbau nicht genommen. Heidelberg ist nicht die einzige Stadt, die aktiv wird. Freiburg plant ein Azubi-Wohnhaus mit 89 Wohnungen, das 2026 fertig gestellt sein soll.

Dabei ist es nicht so, als gäbe es nicht schon Wohnheime für Azubis. Gemeinnützige Träger wie Kolping-Werk oder Kirchen, aber auch private Bauträger bieten bereits Wohnraum an. Teilweise handelt sich dabei allerdings auch um Internate in der Nähe von Berufsschulen. Die Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit hat 2023 rund 73 Jugendwohnheime landesweit gezählt.

Wird das Geld verschwendet?

In den Augen des SPD-Abgeordneten Jonas Hoffmann reicht das nicht aus. „Für Auszubildende ist ,Hotel Mama‘ quasi alternativlos und die Arbeitsstelle fern von der Heimat keine Option“, warnt er und fordert, dass die Landesregierung aktiv wird. Die neue Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag vorgenommen, die Mittel für das Förderprogramm „Junges Wohnen“ zu verdoppeln. „Das Land muss aktiv werden“, sagte Hoffmann. „Das Letzte, was passieren darf, ist, dass die Mittel wieder für die allgemeine Wohnraumförderung verwendet werden.“ 2023, als die Mittel das erste Mal bewilligt wurden, hatte die Landesregierung das übrige Geld einfach in die allgemeine Wohnraumförderung gesteckt. 2025 sei das Gegenteil geplant, heißt es in einer Antwort des Bauministeriums auf einen Antrag der SPD-Fraktion. 31 Millionen Euro aus der Landeswohnraumförderung werden in Richtung „Junges Wohnen“ verschoben.

Wohnraumförderung für junge Menschen

Azubis
Die Wohnraumförderung ist aufgeteilt. Um Azubis kümmert sich das Bauministerium, um Studenten das Wissenschaftsministerium. Für Azubis liegen dem Bauministerium aktuell Anträge für 846 Wohnheimplätze vor. Die Fördermittel in Höhe von 32,5 Millionen Euro dürften damit ausgeschöpft werden. 2023 bewilligte das Land lediglich 1,6 Millionen Euro

Studentenwohnheime
Um Wohnheime für Studenten kümmern sich die Studierendenwerke des Landes. Mit dem 2024 zur Verfügung gestellten 32,5 Millionen Euro werden 1319 Wohnheimplätze gefördert.

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