Wolfgang Kubicki Letzte Patrone der FDP
Wolfgang Kubicki will FDP-Chef werden. Kann er seine Partei vor dem Untergang retten? Unser Autor Armin Käfer hat gewichtige Zweifel.
Wolfgang Kubicki will FDP-Chef werden. Kann er seine Partei vor dem Untergang retten? Unser Autor Armin Käfer hat gewichtige Zweifel.
In der schlimmsten Krise ihrer Geschichte setzt die FDP ausgerechnet auf einen Marketinggag der Linken: Ihr Plan für den Bundesparteitag an diesem Wochenende erinnert an die „Aktion Silberlocke“, mit der prominente Genossen wie Gregor Gysi und Bodo Ramelow ihre Partei vor dem Absturz zu retten versuchten. Die Liberalen kopieren das in gleicher Absicht mit einer Aktion Silberstoppel: Der 74-jährige Wolfgang Kubicki, häufig mit ergrautem Dreitagebart unterwegs, soll sie vor der endgültigen politischen Pleite bewahren. Wenn Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ein Freidemokrat wäre, würde er den bisher eher als Spötter und Querkopf bekannten Politsenior vielleicht als letzte Patrone der FDP bezeichnen.
Das Elend des Liberalismus, ein weltweites Phänomen, ist in Deutschland weit fortgeschritten. Die FDP-Bilanz der vergangenen Jahre gleicht einer Bankrotterklärung: Seit 2024 haben die Freidemokraten dramatisch an Rückhalt verloren. Bei keiner einzigen Wahl schafften sie den Einzug in irgendein Parlament. Ihre Einbußen waren teils doppelt und dreimal so hoch wie die Stimmenanteile, die ihnen noch verblieben sind.
Selbst im Stammland Baden-Württemberg landeten sie im Abseits. Und die Perspektiven für die drei anstehenden Wahlen in diesem Herbst deuten nicht auf einen Aufschwung hin. Bei einschlägigen Umfragen wird die FDP zum Teil nicht einmal mehr erfasst. Das sind die demoskopischen Eckwerte für Kubickis Mission Impossible.
Ein Blick auf die politische Landschaft offenbart aber durchaus Marktchancen – um im Jargon der Liberalen zu bleiben. Die Union hat viele Wähler verprellt. Ihr Kleinmut bei Reformen und die sozialdemokratisierte Regierungspolitik lassen das Zutrauen in den Kanzler Friedrich Merz schmelzen wie Polareis in Zeiten der Klimakrise. Als liberale Option zu der nach rechts gekippten, ehedem neoliberalen Partei, die sich selbst für eine Alternative hält, eröffnen sich für die FDP durchaus neue Perspektiven.
Drei Viertel des Wahlvolks haben sie laut einer aktuellen Forsa-Umfrage zwar schon abgeschrieben. 74 Prozent trauen der FDP kein Comeback mehr zu. Immerhin jeder Vierte sehnt sich aber nach einer Partei zurück, die Reformen nicht scheut, liberale Prinzipien hochhält und den Staat nicht zu einer Fürsorgeanstalt verkommen lässt.
Ist Kubicki der richtige Mann, um die FDP für solche Leute attraktiv zu machen? Er hat zweifelsohne das Zeug, der Partei neue Aufmerksamkeit zu verschaffen. Deshalb vermochte er sich auch gegen den eher blassen Junior Henning Höne durchzusetzen, der fast sein Enkel sein könnte. Kubickis Social-Media-Publikum und seine Talkshowpräsenz lassen selbst Leute wie die linke Quasselstrippe Heidi Reichinnek wie Schattenexistenzen erscheinen. Seine Stärken sind aber zugleich Risiken: Dieser Mann neigt zu unseriösen Kapriolen, ist eher unbeständig und unberechenbar, was sein politisches Temperament betrifft.
Zudem braucht es mehr als einen Kubicki, um eine Partei die FDP vor dem Absturz ins politische Nirgendwo zu bewahren. Es bräuchte dazu eine neue liberale Erzählung. Ob einer wie Kubicki dazu imstande ist, darf bezweifelt werden. Viel Zeit bleibt ohnehin nicht. Wenn die FDP auch bei den Wahlen nach der Sommerpause nur unter den Splitterparteien landet, verschwindet sie aus dem Wahrnehmungshorizont der meisten. Schon jetzt ist sie in zwölf der 16 Landesparlamente nicht mehr präsent. Angesichts der Zerstrittenheit von Merz und Co könnte die nächste Bundestagswahl schneller anstehen, als Kubicki sich berappeln kann und die FDP wieder Überzeugungskraft gewinnt.