Zwei berühmte Stuttgarter Ein Platz für ihn, eine Staffel für sie – wer waren Erwin und Helene Schoettle?

, aktualisiert am 29.05.2026 - 09:30 Uhr
Leutselig: Erwin und Helene Schoettle in Stuttgart. Foto:  

Wer sind die Menschen, denen in Stuttgart wichtige Plätze und Straßen gewidmet sind? Wir stellen Sie Ihnen vor. Zum Beispiel Erwin Schoettle, der vor 50 Jahren starb.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Erwin Schoettle und seine Frau Helene haben in Stuttgart große Spuren hinterlassen. Speziell Erwin Schoettle auch weit über die Stadt hinaus. Dass es dazu kommen konnte, hatte mit seiner Weitsicht zu tun. Das Leben des Namensgebers des Erwin-Schoettle-Platzes hätte auch anders verlaufen können, denn die Nazis, die er entschieden ablehnten, suchten mit Steckbrief nach ihm.

 

Schoettle war in den letzten Württembergischen Landtag vor der Machtübernahme der Nazis gewählt worden. An dessen einziger Sitzung im Juni 1933 nahm er bewusst nicht teil; er hatte zuvor eine Warnung erhalten. Daraufhin tauchte er unter und flüchtete zunächst in die Schweiz und dann nach England.

Erwin Schoettle kam in Leonberg zur Welt und starb auf der Bühler Höhe

Erwin Schoettle (1899 – 1875, vierter von links mit Brille), der große Demokrat und Mitherausgeber der Stuttgarter Nachrichten im Jahr 1964. Rechts von Schoettle steht Rudolph Bernhard, der im Jahr darauf Chefredakteur der Stuttgarter Nachrichten wurde. Foto: Engel

Geboren wurde Erwin Schoettle am 18. Oktober 1899 in Leonberg. Verstorben ist er am 25. Januar 1976 im Urlaub auf der Bühler Höhe bei Baden-Baden. Dazwischen liegen mehr als sieben Lebensjahrzehnte, in denen er laut dem Internationalen Biographischen Pressedienst „eine Karriere durchlaufen“ hat, „wie sie für Sozialdemokraten alter Schule typisch ist“, beginnend mit diesen Stationen:

  • Der Schumachersohn absolvierte eine Buchdruckerlehre
  • Er erlebte die letzten Jahre des Ersten Weltkriegs als Soldat
  • Trat 1919 der SPD bei
  • Weiterbildung an der Kunstgewerbeschule
  • 1928 Wechsel in den Journalismus in die Redaktion der „Schwäbischen Tagwacht“ (SPD-Presseorgan)
  • Parteisekretär der SPD in Stuttgart

Erwin Schoettle arbeitete für die BBC und saß im ersten Bundestag

Nach seiner Flucht aus Deutschland arbeitete er bei der BBC als Redakteur und Sprecher für deutschsprachige Sendungen und war an der Gründung der Union deutscher sozialistischer Organisationen in Großbritannien beteiligt. Als er 1946 nach Deutschland zurückkehrte, gab er hier die „Sozialistischen Monatshefte“ heraus und wurde von der US-Militärregierung zu einem von drei Lizenzträgern (neben Henry Bernhard und Otto Färber) der neu gegründeten Stuttgarter Nachrichten berufen. Das Blatt erschien erstmals am 12. November 1946.

Schoettle war auch in der Nachkriegspolitik von Anfang an präsent. Er wurde zunächst erneut Mitglied des Landtags. „Und es erscheint beinahe selbstverständlich, dass er zu den Abgeordneten des ersten deutschen Bundestages zählte“, schreibt der Internationale Biographische Pressedienst in seinem Porträt weiter: „20 Jahre lang führte der gewissenhafte Schwabe den Vorsitz im Haushaltsausschuss und kontrollierte die Staatsfinanzen. Hinzu kamen die Arbeit als stellvertretender Fraktionsvorsitzender, die Vizepräsidentschaft des Bundestags und der Landesvorsitz der SPD.“

Sein Wirken als Herausgeber der Stuttgarter Nachrichten

1972 schied Schoettle aus dem Bundestag aus. „Seiner zweiten Leidenschaft, der Publizistik, blieb er treu“, schreibt der Pressedienst: „Als Mitherausgeber der Stuttgarter Nachrichten prägt er das Gesicht dieser Tageszeitung.“ Ohne sich jedoch redaktionell einzumischen. Der damalige Chefredakteur Rudolph Bernhard betonte drei Jahre später in seinem Nachruf auf den „väterlichen Chef“ Schoettle die klare Trennung zwischen publizistischem Wächteramt und seinen politischen Aktivitäten. Dieser „durch und durch liberale Mann“ habe die „innere Pressefreiheit“ gelebt.

Bei der Trauerfeier im Februar 1976 auf dem Waldfriedhof würdigten ihn Redner als „größten Stuttgarter SPD-Politiker der Nachkriegszeit“, als „Fürsprecher der freien Presse“, als „guten Menschen“ und als jemanden, „der sein Können und seine Kraft für die Demokratie, für den Parlamentarismus, für das Deutschland von heute eingesetzt hat“. Das spiegelte sich auch in zahlreichen Ehrungen, die ihm zu Lebzeiten zuteil wurden – vom Bundesverdienstkreuz bis zur Ehrenbürgerwürde der Stadt Stuttgart. 1987 wurde schließlich der zentrale Platz in Heslach nach ihm benannt – der Erwin-Schoettle-Platz.

Seine Frau: Helene Schoettle

Helene Schoettle 1988 auf dem nach ihrem Mann benannten Platz. Foto: Uli Kraufmann

Die große Persönlichkeit Schoettle ist kaum vorstellbar ohne eine andere große Stuttgarter Persönlichkeit: Helene Schoettle (geborene Oßwald, 1903-1994). Die beiden heirateten 1925 und hatten eine gemeinsame Tochter, Doris, spätere Ehefrau des Stuttgarter Malers Hermann Hübsch, der große Teile seines Lebens in einer Hütte im Wald bei Möhringen verbrachte. Bekannt und populär wurde Helene Schoettle nach dem Krieg durch den Aufbau von Nähstuben für die Arbeiterwohlfahrt. Sie saß für die SPD im Stuttgarter Gemeinderat, gehörte dem Vorstand der Arbeiterwohlfahrt an und war 1960 Mitbegründerin des Vereins Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung.

Für ihr soziales Engagement wurde Helene Schoettle hochdekoriert – unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz. Sie ist Patin des Heslacher Tunnels und Namensgeberin einer Schule für Kinder mit geistiger Behinderung und einem Stäffele in Stuttgart-Süd. Beide, Erwin und Helene Schoettle, die in der Wannenstraße hoch über dem später nach Erwin Schoettle benannten Platz wohnten, sind engstens mit Stuttgart und Heslach verwoben.

Wie kann man sich Erwin Schoettle vorstellen?

Lassen wir dazu den Internationalen Biographischer Pressedienst mit einer Charakterskizze von 1959 zu Wort kommen: „Wenn im Bundestag die großen Haushaltsdebatten über die Bühne gehen und der Plenarsaal widerhallt vom endlos trockenen für den Laien schier unübersehbaren Zahlengewirr, wenn ein Teil der Abgeordneten fluchtartig den Raum verlässt, andere sich resignierend in die Zeitungslektüre flüchten und der zuhörende Rest verzweifelt gegen das Einschlafen kämpft, dann befindet sich Erwin Schoettle in seinem Element. Dann kann man den kleinen, lebhaften Schwaben hinter dem Rednerpodium stehen sehen, wie er mit Millionenzahlen jongliert, mal verärgert mit hochrotem Kopf leidenschaftlich auf Pult hämmert, mal elegant mit hintergründiger Ironie den Gegenspieler attackiert oder ihn auch offenherzig lobt, falls ihm irgendetwas gefallen hat. Der Etat ist die Lieblingsbeschäftigung des gewandten schlagfertigen Redners in ihm kennt sich Schoettle wie kaum ein Zweiter aus, sodass er mit der Zeit zum eigentlichen Gegenspieler des Bundesfinanzministers (Ludwig Erhardt) geworden ist.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Infografik