Deutscher Buchpreis 2026: Diese Bücher hätte unsere Redaktion für die Longlist nominiert

20 Bücher schaffen es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Einige wichtige Titel fehlen, meint unsere Redaktion.
IMAGO/ZoonarVerlage, Autorinnen und Autoren und natürlich viele Leserinnen und Leser fiebern jedes Jahr darauf hin: auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Am Dienstagvormittag war es so weit: Die 20 Titel der diesjährigen Auswahl wurden bekannt gegeben. Doch natürlich lässt sich auch darüber streiten, welche Bücher auf dieser Liste fehlen. Wir haben deshalb unsere eigene Longlist zusammengestellt: sieben Romane, die uns in diesem Jahr besonders überzeugt, beschäftigt oder einfach nicht mehr losgelassen haben.
„Alles Liebe“ von Ronja Rönne
Entweder grotesk-komisch oder tieftraurig: Wer Ronja von Rönnes „Alles Liebe“ liest, sollte in der richtigen Stimmung sein. Denn sie schildert das Panoptikum trauriger Figuren, die sich im Dickicht von Erwartungen und Realitäten verheddern und statt Kampf und Läuterung lieber Feigheit und Selbsttäuschung wählen, mit so viel Distanz, dass die Leserinnen und Leser zwangsläufig selbst Position beziehen müssen: Sind Laura, Barbara, Matthis und die anderen nun verachtens- oder bemitleidenswert? Die eine erfindet rund um die Krebserkrankung einer Mitschülerin ein regelrechtes Lügengebäude, der andere vergreift sich im Weihnachtspartysuff an einer Kollegin, um dann vor Gericht ihr erfundenes Leben auszubreiten und sie unglaubwürdig zu machen.
Von diesem Kaliber sind Ronja von Rönnes Figuren. Zugleich ist es faszinierend zu lesen, wie ambivalent die Liebe sein kann. Egoismus, Hoffnung, Enttäuschung, Angst und Opportunismus, sie holt aus den Menschen eben nicht nur die hellsten, sondern auch die dunkelsten Seiten hervor. Ganz nebenbei gelingt Ronja von Rönne ein Sittengemälde deutscher Befindlichkeiten in grell-dunklen Farben – zwiespältig bis zum letztlich offenen Ende. (Nominiert von Lukas Jenkner)
Ronja von Rönne: Alles Liebe, Roman, dtv Verlag, 240 Seiten, gebunden, 23 Euro
„Die Riesinnen“ von Hannah Häffner
Drei Frauen, drei Generationen, ein Dorf im Südschwarzwald: Hannah Häffner erzählt von Liese, Cora und Eva, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch auf besondere Weise miteinander verbunden sind. Alle drei wollen irgendwann weg, alle drei suchen nach ihrem eigenen Leben – und alle drei finden auf ganz unterschiedliche Weise zurück zu dem Ort, den sie eigentlich hinter sich lassen wollten. Vor allem aber sind diese Frauen so eigenwillig, unangepasst und lebendig, dass man mit ihnen nicht nur mitfühlt, sondern regelrecht mitlebt.
Hannah Häffner findet Worte für Gefühle, für die oft die Worte fehlen, und bringt damit Frauen unterschiedlicher Generationen miteinander ins Gespräch: über ihre Entscheidungen, ihre Leben, ihre Vorstellungen von Freiheit und darüber, was wir von unseren Müttern und Großmüttern übernehmen und was wir bewusst anders machen wollen. „Die Riesinnen“ ist ein Roman über Heimat, Familie und weibliche Lebensentwürfe, aber einer, der sich nie auf eine eindeutige Botschaft reduzieren lässt. Stattdessen lässt Hannah Häffner ihre Figuren einfach sein: widersprüchlich, eigensinnig und manchmal überraschend. Ein Buch, über das man weiterreden möchte, nachdem man es längst zugeklappt hat. (Nominiert von Sandra Belschner)
Hannah Häffner: Die Riesinnen, Penguin, 416 Seiten, 24 Euro
„Die Dichterin“ von Özge Inan
Wie viel Wahrheit braucht eine gute Geschichte? Und was passiert, wenn eine Biografie zu gut klingt, um wahr zu sein? Özge Inan macht aus diesen Fragen einen spannenden Roman über Literatur, Journalismus und den Wunsch nach der perfekten Geschichte. Die junge Journalistin Nazanin soll ein Porträt über die gefeierte Lyrikerin Emma Rodenstock schreiben. Doch je genauer sie hinsieht, desto mehr Widersprüche entdeckt sie in der Geschichte, mit der Emma ihren Aufstieg zur literarischen Sensation erzählt. Aus dem Porträt wird eine Suche nach der Wahrheit – und ein Spiel zwischen Jägerin und Gejagter.
Was „Die Dichterin“ dabei besonders macht, ist die Sogkraft des Romans. Özge Inan erzählt so präzise und zugleich leicht, dass man immer weiterlesen möchte: Was stimmt hier wirklich? Wem kann Nazanin glauben? Gleichzeitig geht es um Literaturbetrieb und Journalismus, um soziale Herkunft, Selbstinszenierung und unsere Sehnsucht nach der guten Geschichte. „Die Dichterin“ ist klug, spannend und wunderschön erzählt – ein Roman, der unterhält und dabei Fragen aufwirft, die weit über seine eigene Geschichte hinausreichen. Genau diese Verbindung hätte einen Platz auf der Longlist verdient. (Nominiert von Sandra Belschner)
Özge Inan: Die Dichterin, Piper, 224 Seiten, 24 Euro
„Die Straße“ von Robert Seethaler
Das Leben im Streetview: In seinem neuesten Roman erzählt Robert Seethaler von einem einzigen Handlungsort aus: der Heidestraße. Es ist eine beliebige Straße in einer beliebigen Stadt, aber ein Ort, an dem sich alles abspielt: Hier wird gelebt, geliebt, gehasst, gestorben. Die Straße vereint Antiquariat, Arztpraxis, Kneipe, Blumenladen. Ganz Alltägliches also. So wird sie im Roman zur Blaupause des Lebens: Auf 240 Seiten begegnet man dort den verschiedensten Menschen. Manche schließt man ins Herz, manche brechen es, manche gehen einfach vorbei.
Da ist der Büchersammler, dem man gerne helfen würde, seine 17.000 Bücher im neuen Antiquariat unterzubringen. Die unglücklich verliebte Blumenhändlerin Marija, die für einen Mann lebt, der sie nicht einmal sieht. Man möchte ihr zurufen: Sag, was du fühlst! Oder der Arzt Dr. Aysal, der sich um alle kümmert, nur nicht um sich selbst, und den man am liebsten selbst in die Sprechstunde schicken würde. In kurzen Abschnitten lässt der Autor die Figuren zu Wort kommen. Wenn auch nur oberflächlich. Doch genau das ist es, was das Buch so besonders macht: Es ist, als spazierte man eine Straße entlang, die Schicksale, präsentiert wie Auslagen in Schaufenstern. Einen kurzen Blick kann man erhaschen, manches bei Begegnungen erfahren. Doch nie alles – vieles bleibt hinter Fenstern und Gardinen verborgen.
Die Sehnsüchte, Hoffnungen und Widersprüche der Menschen, die im Roman Platz finden, könnten einzeln jeweils ein ganzes Buch füllen. Trotzdem entscheidet sich der Autor für ein unübersichtliches Wimmelbild, das die Fülle, die Gleichzeitigkeit und vor allem die Uneindeutigkeit des Lebens widerspiegeln soll. Das gelingt ihm ohne Schnörkelei und drängt Leserin oder Leser kein eindeutiges Bild auf, sondern lässt Raum für Interpretationen. Eine Kunst, die einen Platz auf der Longlist verdient hätte. (Nominiert von Nina Scheffel)
Robert Seethaler: Die Straße, Claassen Verlag, 240 Seiten, 25 Euro
„Pina fällt aus“ von Vera Zischke
Pina bricht mitten auf der Straße zusammen. Sie war nur kurz beim Einkaufen. Ihr Alltag ist durchgetaktet. Aufstehen, um den Sohn kümmern, Arbeiten, wieder kümmern. Und plötzlich ist sie weg, liegt auf der Intensivstation – und fehlt. Vor allem Leo, ihrem 20-jährigen Sohn. Der ist Autist und lebt nach ganz eigenen Regeln, die sich Außenstehenden nicht sofort erschließen. Die Blasen in der Lavalampe sind für ihn so etwas wie der Startschuss in den Tag. Aber wer weiß das schon außer Pina. Was dann um Leo herum passiert, ist wie ein kleines Wunder. Die Menschen im runtergekommenen Miethaus versuchen seine Welt zu begreifen und ihn durch den Tag zu bringen. Die Schulabbrecherin Zola. Die Rentnerin Inge, die ihre Wohnung lange nicht verlassen hat. Der Computernerd Wojtek. Sogar der immer schlechtgelaunte Busfahrer. Plötzlich finden Menschen zusammen, weil sie ein gemeinsames Ziel haben. Berührend und streckenweise sehr komisch.
Warum auf die Liste? Im Buch fällt nicht einmal das Wort Autismus. Und doch erklärt es die Welt Leos so anschaulich. Verlässlichkeit, die verkörpert für ihn das Licht im Kühlschrank. Es ist immer da, wenn man die Tür öffnet. Die Botschaft dieses durchaus amüsanten Romans: Gemeinschaft kann gelingen. Vielleicht ja auch ein Buch über den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Kleinen. (Nominiert von Hilke Lorenz)
Vera Zischke: Pina fällt aus, List, 300 Seiten, 21,99 Euro
„Zugwind“ von Iryna Fingerova
Mira Zehmann ist Hausärztin. Schon vor dem Angriff Russland auf ihr Heimatland, ist sie mit ihrem Mann nach Deutschland gekommen „Am 24. Februar 2022, im Alter von 28 Jahren, bin ich endgültig erwachsen geworden“, beginnt Iryna Fingerova, selbst Ärztin, ihr Buch. In diesem Leben zieht es plötzlich, setzt Zugwind ein, als stehe eine Tür stetig offen. Ein Störgefühl breitet sich aus. Auch ihre Heimatstadt Odesa wird angegriffen. Und Mira Zehmann spürt die Zerrissenheit zwischen dem Gefühl, in Deutschland eigentlich sicher zu sein, und der Sehnsucht nach ihrer Heimatstadt. Sie zieht es dorthin, wo ihre Großmutter noch lebt.
Weil sie aus der Ukraine stammt, ist sie natürlich die Ärztin, bei der sich die Kriegsflüchtlinge aus ihrem Heimatland verstanden fühlen. Sie wollen Tabletten und Zäpfen gegen ihre Schmerzen und wissen doch eigentlich wie ihre Ärztin, dass es das Heimweh, die Trauer, die Angst um die Söhne an der Front und die Wut über den Krieg sind, die sie schmerzen. Mira findet meist erstaunlich unkonventionelle Lösungen. Ärztliche Kunst ist hier, in den Alltag der aus ihren Leben Gerissenen zu schauen und zuzuhören. Iryna Fingerova ist ein sehr nachdenklich stimmendes Buch gelungen.
Warum auf die Liste? Wer verstehen will, was es für die vielen ukrainischen Kriegsflüchtlinge heißt, heimatlos zu werden, sich neu orientieren zu müssen, und dass Bürgergeld nicht alles ist, dem sei dieses Buch empfohlen. (Nominiert von Hilke Lorenz)
Iryna Fingerova: Zugwind, Rowohlt-Verlag, 24 Euro

