Ärztemangel: Hausärzte in Nöten - „Assistentin, übernehmen Sie!“

Martin Ulbricht ist Hausarzt in Zell unter Aichelberg (Landkreis Göppingen, Baden-Württemberg) und teilt sich die Hausbesuche mit seinen geschulten Praxismitarbeiterinnen.
Bosch Health Campus / Bjoern Haenssler- Hausarztmangel im Südwesten: Viele Praxen unbesetzt, Bedarf steigt in der Primärversorgung.
- Studie des IGES im Auftrag der Robert Bosch Stiftung: Schon 2025 über 1.000 Plätze frei.
- Prognose bis 2040: Rund 2500 Hausarztsitze fehlen – besonders im ländlichen Raum.
- Praxen reagieren mit Näpa und Pflegefachkräften, Hausbesuche senken Klinikeinweisungen.
- Weitere Hebel: mehr nichtärztliches Personal, Telemedizin, Lehr- und Gemeinschaftspraxen, bessere Vergütung.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Herr Doktor, ich bekomme ganz schlecht Luft“ - wenn ein betagter Patient dem Hausarzt am Telefon derart sein Leid klagt, tut Handeln not. Doch Martin Ulbricht musste vormals an das nächstgelegene Krankenhaus verweisen. „Ich konnte schlecht mitten in der vollen Sprechstunde aufstehen und gehen“, sagt der niedergelassene Arzt aus dem Landkreis Göppingen. Inzwischen schickt er seine Praxisassistentin in solchen Fällen auf Hausbesuch. „Sie sieht nach dem Gesundheitszustand des Patienten, misst Blutdruck, prüft den Sauerstoffgehalt - und entscheidet dann, ob der Patient tatsächlich ärztliche Hilfe benötigt“, sagt er.
Dank Praxisassistenten gibt es weniger Klinikeinweisungen
Die „Gartenpraxis“ in Zell unter Aichelberg: Mit Ulbricht arbeiten dort noch eine weitere Ärztin, sowie ein Team aus vier Pflegefachkräften sowie drei medizinische Fachangestellte, wovon eine die Zusatzausbildung zur „Näpa“ (Nichtärztlichen Praxisassistentin) absolviert hat. Sie ist nun berechtigt, gewisse pflegerische und medizinische Maßnahmen vorzunehmen. Für den niedergelassenen Hausarzt ist das eine unglaubliche Entlastung. „Wir haben in solchen Fällen jetzt viel weniger Krankenhausaufnahmen“, sagt er.
Auch Angehörige trauen sich die Versorgung ihrer pflegebedürftigen Familienmitglieder viel eher zu, seitdem sie die stärkere Unterstützung aus der Praxis haben. Und noch einen Vorteil sieht Ulbricht: „Die Patienten melden sich bei Problemen eher bei der Pflegekraft, weil sie das als niedrigschwellig empfinden, dadurch kann man früher intervenieren.“
Im Jahr 2040 fehlen 2500 Hausarztsitze
Wenn es nach Hans-Dieter Nolting geht, ist die Praxis in dem kleinen 3000-Seelen-Ort in unmittelbarer Nähe zur Schwäbischen Alb für die Zukunft gut gerüstet. Das sei auch wichtig, sagt der Geschäftsführer des privaten Forschungs- und Beratungsunternehmens IGES. Gerade hat Nolting eine Studie zum Thema Hausärztemangel veröffentlicht, die das Institut im Auftrag des des Bosch Health Campus Stuttgart, einer Tochter der Robert Bosch Stiftung, erstellt hat. Er präsentiert sie in großem Rahmen bei einer Veranstaltung in Stuttgart. Auch Ulbricht sitzt im Publikum.
Das Fazit der 57 Seiten starken Analyse: Schon 2025 waren in Baden-Württemberg mehr als 1.000 hausärztliche Vertragsarztplätze nicht besetzt. In den kommenden 16 Jahren werde sich dieser Mangel mehr als verdoppeln, zeigt sich Nolting sicher. Da werden nach seiner Hochrechnung rund 2500 Hausarztsitze fehlen - bei gleichzeitig ansteigendem Bedarf. Die Ergebnisse sind nicht überraschend. Erst Anfang Juli hat die Barmer Baden-Württemberg eine ähnliche Auswertung veröffentlicht. In dieser wurde gezeigt, dass sich der Hausarztmangel bis zum Jahr 2040 vor allem im ländlichen Raum des Südwestens massiv verschärfen wird.
Schon jetzt sind viele Hausärzte älter als 60 Jahre
Hauptgründe seien eine bevorstehende Ruhestandswelle. Hinzu kommt, dass viele Ärztinnen und Ärzte ihre Arbeitszeit reduzieren wollen. Gleichzeitig steigt der Bedarf, weil aufgrund der gesundheitspolitisch anvisierten Primärversorgung mehr Behandlungsfälle auf den Hausarzt übertragen werden. Der medizinische Nachwuchs könne diese Entwicklungen aber nur teilweise auffangen, da viele junge Ärzte in Teilzeit arbeiten oder Anstellungen statt eigener Praxen bevorzugen.
Nolting hat den Mangel bunt gefärbt: Auf der Baden-Württemberg-Karte, die er zeigt, sind vor allem die Bereiche Donaueschingen, Balingen, Bad Salgau, Vaihingen und Eberbach, sowie die Landkreise um den Bodensee tief dunkelblau - Zeichen für eine drohende hausärztliche Unterversorgung.
Praxisassistentinnen kümmern sich um betagte Patienten
In einem dieser dunklen Flecken ist auch die Praxis von Alexander Mittlmeier. Er ist Hausarzt und ärztlicher Psychotherapeut in Maulburg, einem 4366-Seelen-Ort im Landkreis Lörrach. Im Jahr 2019 hat er sich dort niedergelassen, da hatten die Maulburger schon drei Jahre keinen Hausarzt vor Ort gehabt. „Mir wurde schnell klar: Um die Versorgung dort auffangen zu können, brauche ich Mitstreiter - und zwar nicht nur in Form von Ärzten“, sagt Mittlmeier.

Alexander Mittlmeier, Hausarzt in Maulburg im Landkreis Lörrach, führt eine Praxis, in der die nichtärztliche Mitarbeiterinnen geschult sind Hausbesuche zu machen.
Johannes Meger PhotographyIn seinem Team arbeiten auch zwei Pflegefachkräfte mit, die als gelernte Altenpflegerinnen vor allem für die Bedürfnisse älterer Patienten mit typischen Alterskrankheiten zuständig sind. Wie bei seinem Kollegen Ulbricht aus Göppingen fahren die beiden Fachkräfte auch auf Hausbesuch zu den Patienten, um Kontrolluntersuchungen oder die Versorgung chronischer Wunden selbst zu übernehmen.
Was noch hinzu kommt: Mittlmeier und sein Team arbeiten stark digitalisiert. „Um mit unseren Patienten oder den von uns zu betreuenden Pflegeheimen zu kommunizieren, nutzen wir beispielsweise eine App“, sagt der Arzt. Auch die bürokratischen Anforderungen versucht der Hausarzt weitestgehend mit digitalen Tools und Apps abzufangen - „damit wir Zeit für unsere tatsächliche ärztliche Tätigkeit haben“.
Viele Hausärzte haben noch keine Praxisassistenten
Mittlmeiers Praxis in Maulburg ist mit ihrem Versorgungsmodell zur akademischen Lehrpraxis der Uni Freiburg geworden. Auch nimmt sie am Forschungsprojekt Prima teil, das vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses G-BA finanziert wird. Dabei geht es um die Erprobung des Einsatzes von Pflegefachpersonen in Hausarztpraxen. Tatsächlich findet Mittlmeier dieses Vorgehen eigentlich nicht innovativ noch mutig - sondern schlicht vernünftig: „Ich habe einen Teil meiner Ausbildung in Skandinavien absolviert“, sagt er. „Dort ist es gang und gäbe, qualifiziertes Fachpersonal für die medizinische Versorgung der Patienten einzusetzen, statt immer den Arzt vorzuschieben.“ Anders würde man des wachsenden medizinischen Bedarfs gar nicht Herr werden.
Noch sind solche interprofessionelle Modelle in der hausärztlichen Versorgung nicht die Regel: Bislang gibt es im Südwesten lediglich 543 (Stand 2025) nichtärztliche Praxismitarbeiter, die in der Patientenbetreuung auch medizinisch eingesetzt werden. Dort verberge sich laut IGES noch viel Potenzial, um die hausärztliche Versorgung gerade in ländlichen Gebieten voranzubringen. In einem Modell entwickelt Nolting ein Szenario, wie die hausärztliche Versorgung bis 2040 verbessert werden könnte: Würde man allein die Zahl der nichtärztlichen Gesundheitsmitarbeiter von 543 in den nächsten 14 Jahren mindestens verdoppeln - auf 1148 Vollzeitstellen - und flächendeckend in Praxen unterbringen, könnte schon ein erheblicher Teil der erwartbaren Behandlungsfälle versorgt werden, die sonst aufgrund des Hausarztmangels unbehandelt blieben.
Es braucht mehr Förderung für junge Hausärzte
Es braucht aber noch weitere Stellschrauben, an denen gedreht werden müsse, sagt IGES-Chef Nolting. Beispielsweise müsste die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung verbessert werden. „Viele haben verlernt, auf sich, auf ihren Körper und ihre Gesundheit zu achten und rechtzeitig medizinische Beratung oder gar Hilfe einzuholen“, so Nolting. Grundsätzlich gelte es, die Primärversorgung – also die erste Anlaufstelle im Gesundheitssystem – grundlegend neu zu organisieren. Auch brauche es eine bessere Förderung, damit sich mehr junge Medizinstudierende für die hausärztliche Tätigkeit entscheiden. Zudem müsste der Anteil der Gemeinschaftspraxen oder gar Medizinischen Versorgungszentren gesteigert werden, weil in diesen nach Ansicht Noltings Ärzte effizienter gearbeitet werde als in Einzelpraxen. Nicht zu vergessen sei der Ausbau der Telemedizin.
Fragt man Alexander Mittlmeier und Martin Ulbricht, bräuchte es noch ein paar Stellschrauben mehr - etwa bei der Vergütung. Zwar werden nichtärztliche Leistungen ausgeführt durch Praxismitarbeiter gewollt - aber es gibt dafür noch kein einheitliches Abrechnungssystem. „Für Ärzte ist dies ein großer bürokratischer Aufwand“, sagt Mittlmeier. Dies könnte abschrecken, sich an diesem Modell zu versuchen. „Es braucht ohnehin mehr Vertrauen“, ergänzt sein Kollege Ulbricht. „Eine eigene Praxis zu gründen, braucht den Willen, Verantwortung zu übernehmen“, sagt er. Darin müsse man den medizinischen Nachwuchs bestärken.


