Versorgung in Baden-Württemberg
: Bis 2040 so wenig Hausärzte wie nie

Schon jetzt braucht es Geduld, um ortsnah einen Hausarzt zu finden. In den nächsten Jahren wird sich das Problem weiter verschärfen. Doch es gibt Möglichkeiten, den Mangel abzumildern.
Von
Regine Warth
Stuttgart
Symbolbild Hausarzt: ILLUSTRATION - 27.07.2016, Nordrhein-Westfalen, Minden: Eine Medizinerin misst den Blutdruck eines Patienten. Die Landesregierung Baden-Württemberg will mit einem neuen Konzept mehr Medizinstudierende für den Arztberuf auf dem Land interessieren. (zu dpa: «Kreislaufprobleme und mehr durch Hitze - Was Ärzte empfehlen») Foto: Maurizio Gambarini/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Hausärzte werden zur Rarität, warnt die Krankenkasse Barmer Baden-Württemberg. Schon jetzt sind 40 Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte in Baden-Württemberg älter als 60 Jahre.

Maurizio Gambarini/dpa
  • Bis 2040 droht in Baden-Württemberg ein massiver Hausärztemangel – vor allem auf dem Land.
  • Schon jetzt sind 40 Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte über 60 Jahre alt.
  • Studie nennt gefährdete Regionen: u. a. Bad Säckingen, Rottweil, Sigmaringen, Waldshut-Tiengen.
  • Gründe sind mehr ältere Patientinnen und Patienten und viele Ruhestände, zudem weniger Arbeitsstunden.
  • Gegensteuern: 175 junge Hausärzte bis 2040 in betroffene Regionen locken, MVZ ziehen eher in Städte.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Als es der kleinen Gemeinde Mönchweiler im Schwarzwald-Baar-Kreis drohte, bald ohne Hausarztpraxis dazustehen, fackelte Bürgermeister Rudolf Fluck nicht lange und schuf ein attraktives Angebot für junge Mediziner: Die leer stehenden Praxisräume wurden von der Gemeinde angemietet, ein Startkapital von rund 40.000 Euro bereitgestellt und dem Kandidaten Ganztagsbetreuungsplätze für die Kinder sowie die Möglichkeit eines Bauplatzes in Aussicht gestellt. „Uns war klar: Wenn wir uns eine gute Gesundheitsversorgung am Ort aufrecht erhalten wollen, müssen wir uns strecken“, so Fluck.

Das Konzept ging auf: Nach rund zwei Jahren waren zwei junge Hausärzte gefunden, die sich mitsamt ihren Familien in der knapp 2800 Einwohner großen Gemeinde niedergelassen haben. Inzwischen plant der Bürgermeister den Bau eines Ärztehauses, wo künftig die Gesundheitsversorgung im Ort zentral angesiedelt werden soll: Neben den Hausärzten wird dort dann auch ein Zahnarzt und eine Frauenarztpraxis zu finden sein. „Man darf die Entwicklung der Dinge nicht einfach hinnehmen, man muss in die Zukunft planen und danach handeln“, sagt Fluck.

Viele Hausärzte sind fast im Rentenalter

Die Aussage des Bürgermeisters der kleinen Gemeinde kann durchaus als Mahnung an andere Kommunen im Land verstanden werden: Eine Auswertung der Krankenkasse Barmer hat gezeigt, dass sich der Hausarztmangel bis zum Jahr 2040 vor allem im ländlichen Raum des Südwestens massiv verschärfen wird. „Schon jetzt sind 40 Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte in Baden-Württemberg älter als 60 Jahre“, sagt Barmer-Landeschef Winfried Plötze. „Das fällt uns jetzt auf die Füße.“

Barmer Baden-Württemberg Hausarzt-Analyse 2026

Laut einer Analyse des BARMER Instituts für Gesundheitssystemforschung (bifg) steigt in vielen Regionen Baden-Württembergs das Risiko für eine Unterversorgung mit Hausärztinnen und -ärzten. Insbesondere in Kleinstädten und ländlichen Regionen wird es bis zum Jahr 2040 weniger Allgemeinmediziner geben, als nötig wären.

Barmer Baden-Württemberg/Bearbeitung Björn Locke (STZN)

Die Ergebnisse der Studie, die ein Forschungsinstitut der Krankenkasse gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung durchführte, zeigen, dass etwa die Bereiche Bad Säckingen, Rottweil, Sigmaringen und Waldshut-Tiengen mit hoher Wahrscheinlichkeit in 14 Jahren unterversorgt sein werden, wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert wird. Aber auch größere Kreisstädte wie Backnang (Rems-Murr-Kreis) oder Ettlingen (Landkreis Karlsruhe) werden vom Hausärztemangel betroffen sein.

Für die Studie werteten die Wissenschaftler nach eigenen Angaben Befragungen von Hausärzten und Daten des Bundesarztregisters aus und ergänzten diese um demografische und arbeitsmarktbezogene Aspekte.

Mehr ältere Menschen - mehr Ärztebedarf

Die Gründe für die schlechtere Versorgung sind laut Danny Wende vom Barmer-Institut für Gesundheitssystemforschung (bifg) zum einen, dass der Bedarf an Hausärzten aufgrund der zunehmend älter werdenden Bevölkerung steige, zugleich aber immer mehr Ärzte in Rente gingen. „Wir haben es hier mit einer doppelten demografischen Entwicklung zu tun.“

„Der Wunsch nach einer reduzierten Arbeitszeit und Work-Life-Balance ist bei den Hausärztinnen und Hausärzten angekommen“
Danny Wende
Barmer-Institut für Gesundheitssystemforschung (bifg)

Auch zeige sich, dass der medizinische Nachwuchs nicht mehr bereit ist, 50 oder auch 60 Wochenstunden zu arbeiten: „Der Wunsch nach einer reduzierten Arbeitszeit und Work-Life-Balance ist bei den Hausärztinnen und Hausärzten angekommen“, sagt Wende. Diese Veränderung werde sich künftig ebenfalls vor allem im ländlichen Raum zeigen, da der Studie zufolge der Landarzt im Schnitt mehr Stunden seiner Arbeitszeit seinen Patienten widmet als seine Kollegen in städtischen Gebieten.

Großstädte weniger von Mangel betroffen

Hinzu zeichnet sich ab, dass immer weniger junge Ärzte bereit sind, sich mit einer Praxis selbstständig zu machen, erklärt Wende. Sie bevorzugen stattdessen eine Anstellung zum Beispiel an Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Diese sind aber meist im städtischen Gebiet angesiedelt. Daher können Großstädte wie Heidelberg, Freiburg, Ulm auch in Zukunft genügend Hausärzte vorweisen.

Die Forscher sehen aber auch gute Möglichkeiten, der Entwicklung gegenzusteuern. Dafür müssten den Erkenntnissen nach bis 2040 rund 175 junge Hausärztinnen und Hausärzte gezielt in die besonders betroffenen Regionen des Landes gelockt werden. „Das halten wir für machbar und realistisch“, so Plötze.

Die Landarztquote, die von der Landesregierung im Jahr 2021 eingeführt worden ist, werde dazu allerdings nicht ausreichen, so der Barmer-Landeschef. Aufgrund der Quote werden jährlich 75 Medizinstudienplätze an Bewerber vergeben, die sich verpflichten, nach der Ausbildung zehn Jahre als Hausarzt in einer unterversorgten Region zu arbeiten. „Das wird erst in knapp 15 Jahren Wirkung erzielen.“ Dann sei es zu spät.

Landarztquote allein wird nicht helfen

Das sieht auch der Hausärztinnen und Hausärzteverband Baden-Württemberg (HÄVBW) so: „Es braucht eine stringente Nachwuchsstrategie“, heißt es seitens des Vorstandes. Dazu gehöre, dass die Allgemeinmedizin - wie politisch schon 2020 vorgesehen -  im Studium stärker verankert werde. Um den Übergang vom Studium in die Niederlassung zu erleichtern, hat der Verband Programme entwickelt, die den Nachwuchs für die Tätigkeit in einer Hausarztpraxis begeistern sollen. Dafür brauche es aber auch mehr politische Unterstützung, so die HÄVBW-Sprecherin Katja Edler.

„Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass wir 2040 nicht einfach ,viel mehr' Hausärztinnen und Hausärzte haben werden“, so Edler. Man arbeite daher an neuen Versorgungskonzepten: So gibt es im Land mehr als 60 Praxen, in denen ein qualifiziertes Praxisteam unter anderem mit akademischen Gesundheitsberufen deutlich mehr Versorgungsaufgaben übernimmt und so ärztliche Zeit für komplexe Fälle freispielt.

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