STZ+STZ+Ungewöhnliche Kandidaten zur Landtagswahl
: Schülerin, Museumsdirektor, Vollzeitaktivist – sie wollen ins Parlament

Ein Pfarrer bei den Linken, ein Dauerabgeordneter seit 30 Jahren? All das gibt es – wir haben die Listen mit mehr als 850 Namen nach ungewöhnlichen Kandidatinnen und Kandidaten durchforstet.
Von
Rüdiger Bäßler, Thomas Faltin, Johanna Eberhardt, Stefan Jehle und Tanja Kurz
Stuttgart
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  • Insgesamt bewerben sich bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg am 14. März 639 Männer und 233 Frauen um ein Mandat in einem der 70 Wahlkreise (ohne Ersatzkandidaten). Manche sind alte Hasen, manche hatten bisher mit Politik aber gar nichts am Hut. Wir stellen einige ungewöhnliche Kandidatinnen und Kandidaten in Kurzporträts vor – in unserer Bilderstrecke.

    dpa/Anna-Laura Seifermann/SPD/Klimaliste
  • Die Jüngste – Amelie Vollmer (Linke, Wahlkreis Offenburg, 18 Jahre alt): Bei ihrer Nominierung im Oktober war sie noch 17, erst Ende Januar ist sie dann volljährig geworden – und das ist ja Voraussetzung, um bei einer Landtagswahl kandidieren zu können. Amelie Vollmer kandidiert im Wahlkreis Offenburg. Sie ist noch Schülerin, aber schon länger bei Fridays for Future, der Linksjugend und dem Bündnis gegen Klinikschließungen aktiv. Das zeigen auch schon die Themen, die ihr wichtig sind: konsequenter Klimaschutz, eine gute Gesundheitsversorgung und eine menschliche Schulpolitik. Sie schreibt: „Der Altersdurchschnitt im Landtag liegt aktuell bei knapp 57 Jahren. Das muss sich ändern, denn die junge Generation ist es, die später die aktuellen Versäumnisse in der Politik ausbaden muss.“ (Faltin)

    privat
  • Der linke Pfarrer – Franz Segbers (Linke, Wahlkreis Singen, 71 Jahre alt): Er dürfte vermutlich der erste Pfarrer und Theologie-Professor sein, der für die Linke antritt. Franz Segbers tut genau dies im Wahlkreis Singen. Der altkatholische Pfarrer, der zuletzt an der Universität Marburg tätig war und eigentlich seinen Ruhestand am Bodensee genießen wollte, fühlt sich einer christlichen Sozialethik verpflichtet, und deshalb ist Christentum und Linke für ihn kein Widerspruch. Die Pflicht zur mitmenschlichen Solidarität, zur Wahrung der Demokratie und zur Rettung der Schöpfung ergeben sich für ihn aus der Bibel. Umgekehrt hätten manche Parteien, die das Christliche im Namen tragen, längst ihre Herkunft vergessen, so Segbers. (Faltin)

    imago/Marc Schüler
  • Der Verlagschef – Manuel Herder (CDU, Wahlkreis Freiburg-Hochschwarzwald, 54 Jahre alt): Er ist zwar schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert CDU-Mitglied, aber in die Politik drängte es ihn bisher nicht. Doch jetzt tritt der Chef des renommierten Herder-Verlages in Freiburg für die Landtagswahl an. Der Verlag ist 220 Jahre alt und publiziert vor allem theologische, politische und spirituelle Bücher; seit 2016 gehört auch die größte deutsche Buchhandelskette Thalia mehrheitlich zum Verlag. Durch die Corona-Pandemie stehe Baden-Württemberg vor besonderen Zeiten, und auch „unser schöner blauer Planet ist in Teilen ein ökologischer Sanierungsfall“ geworden, so Herder. Wer, wenn nicht die CDU, könne diese Problem lösen, ist Manuel Herder überzeugt. (Faltin)

    imago stock&people
  • Der Vollzeitaktivist – Dominic Bartl (Klimaliste, Wahlkreis Ulm, 19 Jahre alt): Als Beruf gibt Dominic Bartl, der für die Klimaliste in Ulm antritt, offiziell „Vollzeitaktivist“ an. Tatsächlich engagiert er sich seit zwei Jahren stark in der Bewegung Fridays for Future; auch ein 54-tägiges Klimacamp hat er schon mitorganisiert. Leider habe er in dieser Zeit die Erfahrung gemacht, dass der Veränderungswille bei den meisten Menschen viel zu gering sei; deshalb gehe er jetzt selbst in die Politik. Der Ehrlichkeit muss man aber dazu sagen, dass Dominic Bartl ein wenig aus Verlegenheit Vollzeitaktivist wurde: Wegen der Pandemie habe er seine geplante Ausbildung zum Veranstaltungstechniker nicht beginnen gönnen – also nutzte er die Zeit, um für mehr Klimaschutz zu kämpfen. (Faltin)

    privat
  • Aus Kamerun – Emile Yadjo-Scheuerer (SPD, Wahlkreis Baden-Baden, 32 Jahre alt): Er ist, soweit recherchierbar, der erste Schwarze Kandidat für eine Landtagswahl in Baden-Württemberg. Geboren ist Emile Yadjo-Scheuerer in Kamerun, wo er seine ersten zehn Lebensjahre verbracht hat. Seit mehr als 20 Jahren lebt er in Ottersweier (Landkreis Rastatt) und kandidiert jetzt im Wahlkreis Baden-Baden für die SPD. Bildung sei der Schlüssel für Wohlstand, sagt er. Dazu brauche es Chancengleichheit. Yadjo-Scheuerer ist nach einer Ausbildung zum Großhandelskaufmann beruflich im Baustoff-Vertrieb tätig. (Jehle)

    Walter Merz/SPD
  • Die Europäerin – Catherine Kern (Grüne, Wahlkreis Hohenlohe, 59 Jahre alt): Catherine Kern hat dieses Mal im Wahlkreis Hohenlohe gegen den geschwächten CDU-Landtagsabgeordneten Arnulf von Eyb gute Chancen. Mit lediglich 17 Stimmen Vorsprung hatte von Eyb die Nominierung gegen seinen Herausforderer Rüdiger Volk gewonnen. Und bei der Wahl 2016 lagen von Eyb und Kern gerade mal einen Prozentpunkt auseinander. Die 59-jährige Kern, Tochter einer Holländerin und eines Engländers, arbeitet als Übersetzerin. Die Amateur-Theaterschauspielerin bekennt sich zum ländlichen Raum. Hier setzt sich die Öhringer Stadträtin und Kreisrätin für die Themen Mobilität, medizinische Versorgung und Landwirtschaft ein. (Kurz)

    Grüne
  • Der Stubenälteste (1) – Willi Stächele (CDU, Wahlkreis Kehl, 69 Jahre alt), ist einer von drei Stubenältesten im baden-württembergischen Landtag, die es 2021 noch einmal wissen wollen. Bereits seit 1992, also seit fast 30 Jahren, sitzt der ehemalige Finanzminister ununterbrochen im Landtag. (Faltin)

    dpa
  • Der Stubenälteste (2) – Peter Hauk (CDU Wahlkreis Neckar-Odenwald, 60 Jahre alt), ist der zweite des Trios – auch er trat 1992 erstmals an. Hauk ist bereits das zweite Mal Agrarminister in einer Regierung und will es ein drittes Mal werden.(Faltin)

    Christoph Schmidt/dpa
  • Der Stubenälteste (3) – Wolfgang Reinhardt (CDU, Wahlkreis Main-Tauber, 64 Jahre alt) macht die Dreiergruppe komplett. Der derzeitige CDU-Fraktionsvorsitzende hatte es ebenfalls 1992 erstmals in den Landtag geschafft. Stächele, Hauk und Reinhardt haben damit bereits sechs Legislaturperioden hinter sich. (Faltin)

    Ines Rudel
  • Der heimliche Stubenälteste – Winfried Kretschmann (Grüne, Wahlkreis Nürtingen, 72 Jahre alt): Er hat allerdings sogar eine Legislaturperiode mehr auf dem Buckel und wurde erstmals schon 1980 ins Parlament gewählt. Allerdings verpasste Winfried Kretschmann seitdem zwei Perioden, nämlich die Jahre 1984 bis 1988 und 1992 bis 1996. (Faltin)

    Lichtgut/Achim Zweygarth
  • Der Wahlkreiswechsler – Rainer Podeswa (AfD, Wahlkreis Eppingen, 64 Jahre alt): Der Heilbronner AfD-Landtagsabgeordnete Rainer Podeswa hat sich in einer Kampfabstimmung gegen seinen Parteikollegen, den Landtagsabgeordneten Thomas Palka durchgesetzt und tritt deshalb nun im Wahlkreis Eppingen an. Über die Motive für den Wahlkreis-Wechsel lässt sich trefflich spekulieren. Fürchtet er, dass CDU-Mann Thomas Strobl in Heilbronn mehr konservative Stimmen ziehen wird? Dann könnte das AfD-Zweitmandat gefährdet sein. Podeswa, finanzpolitischer Sprecher seiner Fraktion, setzt sich mit eigenen Worten gegen „aufgeblähte Ministerien und ideologische Scheinprojekte“ ein. (Kurz)

    Marijan Murat/dpa
  • Der Neuling – Thomas Strobl (CDU, Wahlkreis Heilbronn, 60 Jahre alt): Im Landtag ist der aktuelle baden-württembergische Innenminister und stellvertretende Ministerpräsident natürlich alles andere als neu, aber ein Abgeordnetenmandat besitzt Thomas Strobl bisher nicht. Jetzt tritt er erstmals als Landtagskandidat in seiner Heimatstadt an: „Heilbronn oder nichts“, sagt er trotzig. Der stellvertretende Ministerpräsident hat freilich wenig Chancen, den Wahlkreis für die CDU zu holen. Denn den hat Susanne Bay, Grüne, 2016 direkt mit 27,1 Prozent der Stimmen gewonnen. Die Grüne-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat Heilbronn warf damit Strobls Vorgänger und Kanzleipartner, den damaligen CDU-Landtagsabgeordneten Alexander Throm (22,7 Prozent), aus dem Rennen. (Kurz)

    Marijan Murat/dpa
  • Der „Spalter“ – Corbinian Grimm (Die Partei, Wahlkreis Bodenseekreis, 25 Jahre alt): Sein Auftrag und der seiner Partei lautet: die endgültige Teilung Baden-Württembergs! So steht es schon im Kopf der Website des Landesverbandes. Ganz ernst gemeint ist dieses Ziel allerdings nicht, denn der 25-jährige Corbinian Grimm kandidiert im Bodenseekreis für die Spaß-Partei „Die Partei“. Als Beruf gibt Grimm Langzeitstudent der Informatik an, und sein Hobby sei die Prokrastination, was nichts anderes ist als das ständige Aufschieben wichtiger Dinge, die erledigt werden müssten. Ansonsten fordert Grimm, Zollstationen an der Grenze zwischen Baden und Schwaben aufzustellen und mit Dolmetschern auszustatten. Daneben könne die große freie Fläche des Bodensees doch endlich für Städtebau und Windkraft genutzt werden. (Faltin)

    facebook/Corbinian Grimm
  • Der Museumschef – Alfried Wieczorek (CDU, Wahlkreis Mannheim-Süd, 66 Jahre alt): Ende vergangenen Jahres hat Alfried Wiezcorek die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen (REM) geleitet. Gut zwanzig Jahre stand der studierte Historiker, Theologe und Archäologe an der Spitze des Hauses. Jetzt zieht es den 66-Jährigen in die Politik: im Mannheimer Süden kandidiert er für die CDU. Ob er es schafft, das Direktmandat zu erobern, ist allerdings nicht gewiss. In dem Wahlkreis hatten in den letzten Jahren die Grünen die Nase vorn. Wiezoreks Unterstützer sind dennoch zuversichtlich. „Wir brauchen mehr Quereinsteiger in der Politik, die ihre Berufserfahrungen einbringen“, erklärte Wiezorek selbst zur Begründung seiner Kandidatur. (Eberhardt)

    dpa/Ronald Wittek
  • Der Dauerläufer – Martin Rivoir (SPD, Wahlkreis Ulm, 60 Jahre alt): Der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Rivoir ist eines der bekanntesten politischen Gesichter Ulms. 2001 wurde er erstmals nach Stuttgart gewählt, keiner repräsentierte die Stadt an der Donau länger im Landtag als er. Nur einmal, bei der letzten Ulmer OB-Wahl 2015, wurden dem SPD-Gemeinderat, der als Kandidat angetreten war, mehrheitlich die Stimmen versagt. Jetzt strebt der stellvertretende Vorsitzende der Landtagsfraktion seine fünfte Legislatur an. Manches scheint sich nie zu ändern. Auch das nicht: Unter den fünf Ulmer Bewerbern zur Landtagswahl ist mal wieder keine Frau. (Bäßler)

    privat
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