Erinnerungskultur: Von der Adolf-Hitler-Straße bis zur Wolfgang-Brumme-Allee: Stadtarchiv erforscht Böblingens Straßennamen

Ein Stadtplan von Böblingen aus dem Jahr 1967.
Stadtarchiv- Neues Projekt: Das Stadtarchiv Böblingen erforscht seit April die Geschichte der Straßennamen.
- Im Fokus stehen Böblingen und Dagersheim – Entstehung, Wandel und Gründe für Umbenennungen.
- Ein Schwerpunkt ist die NS-Zeit, inklusive Adolf-Hitler-Straßen und Rückbenennungen nach 1945.
- Grundlage sind Adressbücher, Ratsprotokolle sowie Karten. Ergebnisse sollen im Oktober erscheinen.
- Bürger können Erinnerungen einbringen – öffentliche Veranstaltung am Montag, 20. Juli, 18.30 Uhr.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Welche Straßen trugen zwischen 1933 und 1945 den Namen Adolf-Hitler-Straße? Weshalb ist aus der früheren Blumenstraße heute ein ganzes Trio an Straßen geworden? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich ein neues Forschungsprojekt des Stadtarchivs Böblingen. Seit April werden die Straßennamen der Stadt systematisch erforscht - und damit ein weiteres Kapitel der Böblinger Stadtgeschichte aufgearbeitet.
Nach dem kürzlich auf der Homepage der Stadt veröffentlichten Projekt „Jüdische Biografien in Böblingen (1880–1945)“ richtet das Stadtarchiv den Blick nun auf einen weiteren Baustein der Böblinger Stadtgeschichte. Im Mittelpunkt stehen die Entstehung und Entwicklung der Straßennamen in Böblingen und Dagersheim, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt. Welche Namen trugen die Straßen früher? Wann verschwanden sie wieder? Warum wurden sie umbenannt - und was erzählen sie über die Zeit, in der sie entstanden?
Dass historische Ehrungen und Erinnerungskultur bis heute öffentliche Diskussionen auslösen, zeigte zuletzt auch die Debatte um die NSDAP-Mitgliedschaft des früheren Oberbürgermeisters Wolfgang Brumme. Das neue Forschungsprojekt liefert dafür einen größeren historischen Rahmen und zeigt, wie politische und gesellschaftliche Entwicklungen ihren Niederschlag im Stadtbild gefunden haben.
Straßennamen als Spiegel der Zeit
Straßennamen dienten längst nicht nur der Orientierung. Sie bewahren Erinnerungen, spiegeln politische Strömungen wieder und verraten viel darüber, welche Personen, Ereignisse oder Werte einer Gesellschaft wichtig waren.
Bereits sei dem Mittelalter sind geografische Bezeichnungen überliefert. Namen wie „Kirchhof“ oder „Rathausplatz“ beschrieben zunächst schlicht die Lage innerhalb eines Ortes. Seit dem frühen 19. Jahrhundert wandelte sich diese Praxis jedoch grundlegend. Immer häufiger wurden Straßen nach Persönlichkeiten oder historischen Ereignissen benannt. Straßenschilder wurden damit selbst zu Trägern politischer Botschaften und kollektiver Erinnerung.
Auch in Böblingen lässt sich diese Entwicklung nachvollziehen. So erinnert die Siedlung „Tannenberg“ nicht etwa an die Nähe zum Schönbuch, sondern an die siegreiche Schlacht bei Tannenberg im Ersten Weltkrieg. Nach der Novemberrevolution 1918 entstanden zudem Straßennamen, die auf die junge Demokratie Bezug nahmen. Eine Weimarstraße gehörte Anfang der 1930er-Jahre zum Stadtbild - verschwand nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten jedoch wieder.
Historische Stadtpläne und Adressbücher machen diese Veränderungen bis heute sichtbar. Sie zeigen nicht nur den städtebaulichen Wandel, sondern auch, wie politische Umbrüche ihre Spuren im öffentlichen Raum hinterließen. Dazu zählt ebenso der Zusammenschluss mit Dagersheim im Jahr 1971, durch den doppelt vorhandene Straßennamen neu geordnet werden mussten.
Die NS-Zeit im Böblinger Straßenbild
Ein Schwerpunkt des Forschungsprojekts liegt auf den politisch motivierten Umbenennungen während der NS-Zeit. In vielen deutschen Städten erhielten zentrale Straßen nach 1933 den Namen Adolf Hitlers oder anderer führender Nationalsozialisten. Das Ziel war es, die Ideologie des Regimes auch im Alltag sichtbar zu machen und Loyalität öffentlich zu demonstrieren.
Auch für Böblingen wird nun rekonstruiert, welche Straßen betroffen waren, wo sie im damaligen Stadtgefüge lagen und wie die Rückbenennungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 erfolgten.
Verantwortlich für das Projekt ist der Historiker Samuel Schöll, der sein Masterstudium der Geschichtswissenschaften an der Universität Tübingen im Frühjahr abgeschlossen hat. Grundlage seiner Forschung sind vor allem historische Adressbücher, Gemeinderatsprotokolle sowie Karten und Stadtpläne. Anhand dieser Quellen lassen sich Lage, Entstehung und Veränderungen der Straßennamen nachvollziehen.
Böblinger Stadtarchiv bittet um Erinnerungen
Untersucht wird zunächst der Zeitraum ab 1920, da aus dieser Zeit erstmals offizielle Adressbücher in größerem Umfang vorliegen. Das Ziel ist es, die Geschichte aller heutigen Straßennamen in Böblingen und Dagersheim nachzuzeichnen und zugleich verschwundene Bezeichnungen zu dokumentieren. Die Ergebnisse sollen im Oktober veröffentlicht werden.
Das Projekt versteht sich zugleich als Einladung an die Bürgerschaft. Gesucht werden Erinnerungen daran, wie Straßen früher im Alltag genannt wurden oder welche historischen Bezeichnungen sich im Volksmund erhalten haben. Gelegenheit dazu bietet eine öffentlich Veranstaltung des Stadtarchivs am Montag, 20. Juli, um 18.30 Uhr im Großen Sitzungssaal des Neuen Rathauses. Bei einem Kurzvortrag erhalten Interessierte Einblicke in die laufende Forschung und können eigene Erinnerungen und Hinweise beisteuern. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

