Kunst in Leonberg
: Warum die Stadt ein Herzensprojekt abreißen ließ

Einst sind sie dem Bahnprojekt Stuttgart 21 zum Opfer gefallen. Sechs Bäume hatte der Künstler Michael Lange auf dem Alten Golfplatz aufgestellt. Warum mussten sie weichen?
Von
Nathalie Mainka
Stuttgart
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Im Jahr 2021 standen die Stuttgart 21-Kunst-Bäume noch auf dem Alten Golfplatz in Leonberg.

Simon Granville

Der Leonberger Künstler Michael Lange versucht, mit seinem langjährigen Projekt, das er noch immer „sein Baby“ nennt, und das ihn, wie er sagt, über viele Jahre sehr viel Kraft und Energie gekostet hat, abzuschließen. Er sagt aber auch: „Ich möchte es nicht missen, für mich war es fantastisch, auch wenn es sehr anstrengend und turbulent war.“

Sein Kunstwerk auf dem Alten Golfplatz in Leonberg, das über die Jahre zum Politikum wurde, ist seit einiger Zeit von der Bildfläche verschwunden. So gut wie keine Spuren sind mehr zu sehen – dort, wo sechs mit Feuer geschwärzte monumentale Baumstämme in den Himmel ragten. Befestigt auf einem massiven Sockel und von stützenden Eisenbahnschienen gehalten.

Michael Lange hatte sie in fast vierjähriger Arbeit auf dem Alten Leonberger Golfplatz installiert und sie 2018 einer Gruppe von Interessierten erstmals vorgestellt. „Bäume erzählen“ hatte der Aktionskünstler sein Werk genannt. „Es ist in Ordnung, dass sie nun weg sind“, sagt der 69-Jährige fast versöhnlich bei einem Gespräch in seinem Leonberger Atelier in der Bahnhofstraße. Erfahren hat er es zufällig von einem Bekannten.

Der Künstler bekommt eine Rechnung

Auf Anfrage bei der Stadt bestätigt Theresa Stiller, die stellvertretende Pressesprecherin: „Die Baumstämme wurden im September 2024 zurückgebaut.“ Michael Lange bekam diese Information schwarz auf weiß in Form einer Rechnung von der Stadt Anfang Mai dieses Jahres. Etwa 12 000 Euro muss er nun für die Beseitigung von Stämmen, Schienen und Sockel bezahlen. Weil sie noch Teil eines Verfahrens sind, könne Stiller keine Auskünfte zum Lagerort oder Zustand der Baumstämme geben.

Die Kunst lagert auf dem Areal des Bauhofs

Michael Lange beim Gespräch in seinem Atelier

Foto: Simon Granville

Michael Lange sagt, bei der Stadtverwaltung habe man ihm nach den Sommerferien einen Termin versprochen, um die Stämme zu besichtigen. Diese würden auf dem Areal des Bauhofes lagern. „Ich gehe davon aus, dass sich das Kunstwerk, das mein Eigentum ist, in gutem Zustand befindet.“ Der Maler und Bildhauer schätzt allein den materiellen Wert auf mehr als 120 000 Euro. Zwei Interessenten für die etwa 300 Jahre alten geschichtsträchtigen Stämme habe er bereits. Sich selbst ein Bild vor Ort auf dem Golfplatz machen – dazu war der Maler und Bildhauer zuletzt nicht in der Lage. Vielleicht war es die große Aufregung um das Projekt, die seinen Herzinfarkt vor etwa einem Jahr auslöste. „Ich bin jedenfalls dankbar dafür, dass es das Leonberger Krankenhaus gibt, denn die Ärzte dort haben mir mit der Erstversorgung das Leben gerettet.“

Doch warum hat die Stadt das Kunstwerk entfernt? Einst standen diese Bäume – Buchen, Eichen, Platanen – im Stuttgarter Schlossgarten. Nach einem erbitterten Kampf wurden sie gefällt, sie mussten für das Bahnprojekt Stuttgart 21 weichen. Unter anderem hatte der Leonberger Künstler den Zuschlag für einige der Baumstämme bekommen. Das Bürgerforum zu S 21 wollte die gefällten Riesen zumindest in der Kunst weiterleben lassen.

Doch die Entstehung des Leonberger Werkes auf dem Alten Golfplatz war nie unproblematisch und stets von Konflikten mit der Stadt Leonberg begleitet. Einst hatte die Verwaltung finanzielle Unterstützung zugesagt, diese dann aber von 25 000 auf 10 000 Euro reduziert. Daher hat der Bau und Aufbau auch länger als geplant gedauert. „Wir mussten uns um Sponsoren kümmern“, sagt Langes Frau Heidrun, die ihrem Mann stets unterstützend zur Seite steht.

Streit über Standsicherheitsnachweise

Schließlich kam es zum Streit über Standsicherheitsnachweise. „Aus Sicherheitsgründen wurde Herr Lange aufgefordert, die Baumstämme, Schienen und Sockel zu beseitigen. In diesem Zusammenhang kam es zu einem umfangreichen Schriftverkehr mit Herrn Lange sowie seinem rechtlichen Beistand“, erklärt Theresa Stiller. Der Künstler beteuert nach wie vor, „dass es nichts Standfesteres gab als diese Bäume“. Um das zu beweisen, hatte er einen Statiker beauftragt. Doch die Stadt glaubte nicht. Auf Grundlage eines Gemeinderatsbeschlusses am 15. Januar 2020 kündigte die Kommune die Zusammenarbeit mit Michael Lange, dessen Kunst ja auf städtischem Gelände installiert war. Bis Ende 2022 sollte das Werk verschwunden sein. Michael Lange ließ Fristen verstreichen.

Nur noch Spuren sind erkennbar: Das monumentale Kunstwerk ist verschwunden.

Foto: Simon Granville

Der Fall wurde schließlich voriges Jahr vor dem Landgericht Stuttgart verhandelt. Die Stadt bekam Recht und durfte das gesamte Kunstwerk – Stämme, Schienen und inklusive des Sockels – „entfernen und beseitigen“, wie Theresa Stiller sagt. Die Entfernung sei unverzüglich erfolgt, nachdem das Urteil rechtskräftig wurde.

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