Nieren-Stress
: Hitze-Mythen: „So viel wie möglich trinken, ist Quatsch“

Trinken bei Hitze ist wichtig. Doch wie viel muss es sein, um die Nieren zu schützen? Das klärt der Stuttgarter Arzt Jörg Latus und gibt Tipps, welche Getränke sich eignen. [Archiv]
Von
Bettina Hartmann
Stuttgart
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Hitzetage in Stuttgart lassen sich leichter mit Abkühlung überstehen – und den richtigen Getränken.

Lichtgut/Max Kovalenko

Die Hitze bleibt – so lautet die Prognose der Meteorologen für die kommenden Wochen. Damit die heißen Tagen aber auch erträglich bleiben, hilft es, auch die eigenen Trinkgewohnheiten ein wenig umzustellen, sagt Jörg Latus, Chefarzt der Abteilung für Allgemeine Innere Medizin und Nephrologie am Robert Bosch Krankenhaus (RBK) in Stuttgart. Der Spezialist für Nierenerkrankungen erklärt, wie hoch die Trinkmenge wirklich sein muss und warum die Farbe des Urins dabei ein guter Indikator ist.

Herr Latus, welche Auswirkungen hat Hitze auf unseren Körper – und warum ist Trinken so wichtig, wenn es warm ist?

Generell ist es so, dass wir jeden Tag im Schnitt einen halben Liter Wasser über die Haut ausscheiden. Das ist ein natürlicher, wichtiger Mechanismus.

Wir schwitzen . . .

. . . genau. Durch das Schwitzen versucht der Körper, seine Temperatur möglichst konstant zu halten. Wir können aber nur schwitzen, wenn wir genügend Flüssigkeit aufnehmen. Bei Hitze und körperlicher Anstrengung, etwa beim Sport, verlieren wir locker einen Liter und mehr. Diesen Verlust muss man ausgleichen, sprich: nachfüllen.

Und wie viel sollte man nachfüllen?

Dass man so viel wie möglich trinken soll, auch noch mit dem Hinweis ‚um die Niere zu durchspülen’, ist Quatsch. Bei gesunden Menschen und normalen Temperaturen reichen eineinhalb Liter. Wird’s wärmer, steigt der Flüssigkeitsbedarf deutlich an, weil wir durch das Schwitzen viel Wasser und auch Elektrolyte verlieren. Die richtige Trinkmenge hängt von Temperatur, Aktivität und Körpergewicht ab. Ich rate daher: Bei normaler Aktivität etwa zweieinhalb bis drei Liter. Bei leichter Aktivität etwa drei bis vier Liter. Bei anstrengender körperlicher Arbeit oder Sport vier bis sechs Liter – oder mehr.

Jörg Latus ist Chefarzt der Abteilung Innere Medizin und Nephrologie am RBK in Stuttgart.

Foto: Lichtgut

Gibt es eine leicht einprägsame Faustregel?

Ja, sie lautet: Trinken, wenn man Durst hat – und möglichst schon zuvor.

Im stressigen Alltag vergessen das aber so manche. Sind Trink-Apps sinnvoll?

Meiner Meinung nach braucht es keine Apps, sondern nur gesunden Menschenverstand. Wir sind doch früher, ohne Apps, auch nicht verdurstet. Einfach im Alltag mal kurz auf den Körper hören – und was trinken. Das ist nicht schwer. Aber so manchen fehlt es inzwischen leider an Gesundheitskompetenz.

Haben Sie Tipps, wie man sich leichter erinnern kann?

Man kann sich Regeln setzen: etwa die Wasserflasche so auf den Schreibtisch stellen, dass man sie im Blick hat. Oder zum Mittagessen grundsätzlich zwei Gläser Wasser trinken. Das sind kleine, wirksame Tricks.

Wie merke ich, dass ich zu wenig getrunken habe?

Ein guter Indikator ist die Farbe des Urins. Ist er hellgelb und klar, passt alles. Ist er dunkel, hat man meist zu wenig getrunken.

Gerade ältere Menschen vergessen das Trinken. Was tun?

Das stimmt. Mit dem Alter lässt nun mal das Durstgefühl nach. In Pflegeheimen oder bei Pflegediensten ist man dafür noch immer nicht genügend sensibilisiert. Wenn sie zu wenig trinken, wird’s für alte Menschen jedoch gefährlich. Zudem muss man bei ihnen, aber auch generell bei allen, die Medikamente nehmen, bei Hitze unbedingt auf die richtige Dosierung achten.

Warum?

Hitze wirkt sich unter anderem auf den Blutdruck aus. Wenn jemand dauerhaft Blutdrucksenker nimmt und es über mehrere Tage extrem heiß ist, sollte der Arzt die Dosierung überprüfen. Besonders Wassertabletten muss man anpassen. Sonst kommt, was oben rein geht, quasi sofort wieder unten raus.

Was gilt es bei Babys und Kindern zu beachten?

Sie haben einen höheren Flüssigkeitsbedarf als Erwachsene. Unter anderem, weil ihr Stoffwechsel aktiver ist, weil sie meist schneller schwitzen und daher leichter dehydrieren. Ein trockener Mund, eine trockene Windel, dunkler Urin – das sind deutliche Anzeichen dafür, dass das Kind Flüssigkeit braucht.

Wie kann man das Trinken unterstützen?

Bei Kindern wie bei Senioren, indem man ihnen immer wieder kleinere Mengen reicht. Getränke, die abwechslungsreich sind und die sie mögen. Und wie gesagt durch Rituale: zum Beispiel zu jedem Essen zwei Gläser Wasser. Zudem kann man mit wasserreichem Obst und Gemüse unterstützen: Erdbeeren, Pfirsiche, Wassermelone, Salatgurke, Tomaten, all das versorgt uns mit Flüssigkeit sowie mit Vitaminen und Mineralien.

Welche Getränke sind denn am besten geeignet?

Am besten ist das, was uns die Natur zur Verfügung stellt: Mineralwasser. Gut sind auch ungesüßte Früchte- und Kräutertees oder zwischendurch ein dünnes Fruchtsaftschorle.

Wie sieht es mit Kaffee, Schwarztee und Limo aus?

Es ist ein Mythos, dass Kaffee und Schwarztee nicht zur Flüssigkeitsaufnahme zählen. Zu viel Koffein und Teein kann zwar den Kreislauf belasten und den Harndrang anregen. Wer beides in Maßen trinkt, macht aber nichts falsch. Von Limos rate ich allerdings ab. Auch von Energydrinks und Elektrolytlösungen sollte man die Finger lassen. Alkohol ist ebenfalls nicht empfehlenswert, zumal bei Hitze nicht.

Kann man auch zu viel trinken?

In der Regel schafft man das nicht. Aber eine so genannte Wasservergiftung ist in der Tat möglich. Die Aufnahme von extremen Wassermengen innerhalb kurzer Zeit führt zu einer Verdünnung des Natriums im Blut. Das stört den Elektrolythaushalt im Körper und kann lebensbedrohlich sein.

Wie wirkt sich Hitze auf die Nieren aus?

Hitzewellen stellen ein zunehmendes Gesundheitsrisiko für die Nieren dar – auch bei jungen, gesunden Menschen. Studien zeigen, dass besonders körperliche Arbeit bei hohen Temperaturen, kombiniert mit Flüssigkeitsmangel und Überanstrengung, die Nieren nachhaltig schädigen kann. Empfehlenswert ist daher bei Hitze, nicht nur genug zu trinken, sondern auch körperliche Belastung zu reduzieren und auf nierenschädigende Medikamente wie Ibuprofen zu verzichten.

Welche langfristigen Folgen hat das?

Wenn dem Körper Flüssigkeit fehlt, werden auch die Nieren weniger durchblutet. Dehydration und Überhitzung können somit zu akuten und zu chronischen Nierenschäden führen.

Merkt man, wenn eine Nierenschädigung beginnt?

Nein, leider meist erst, wenn es zu spät ist. Denn die Symptome, etwa Müdigkeit, sind oft unspezifisch.

Einige Menschen klagen im Sommer über geschwollene Beine. Was tun?

Bei Hitze erweitern sich die Blutgefäße, und der Körper lagert auch Wasser ein. Beides führt mitunter zu dicken Beinen. Was hilft, sind regelmäßige Bewegung, die Muskelpumpe, im Stehen arbeiten, leichte Massagen, Beine hochlegen. Bei normalen Temperaturen ist bei geschwollenen Beinen allerdings Vorsicht geboten – das kann auf eine Herzinsuffizienz oder Nierenerkrankung hindeuten. Ist nur ein Bein dick, zudem gerötet und schmerzhaft, kann es sich um eine Thrombose handeln.

Was sind Ihre Tipps, um gut durch den Sommer zu kommen?

Regelmäßig trinken, leicht und ausgewogen essen, im Schatten bleiben, weiter Sport treiben – aber nicht mittags in der prallen Sonne, sondern am frühen Morgen oder späteren Abend. Damit macht man eigentlich alles richtig.

Kämpfer für gute Blutdruckwerte

Leben
Jörg Latus wurde 1983 in Tübingen geboren. Dort studierte er auch Humanmedizin. Nach Stationen in Stuttgart und New York habilitierte der Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie. Seit 2018 ist er außerordentlicher Professor in Tübingen und engagiert sich neben der Klinik mit über 50 wissenschaftlichen Publikationen in Lehre und Forschung. Sein Ziel: Gesundheitskompetenz stärken und Medizin verständlich und nahbar zu machen.

Karriere
Seit April 2025 ist Latus Chefarzt für Innere Medizin und Nephrologie am Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart.

Dieser Artikel wurde erstmals im Juni 2025 veröffentlicht und im August aktualisiert.

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