Junge Syrerin aus Leinfelden-Echterdingen: Shaheds Heimat ist längst Deutschland
Das 19 Jahre junge Leben von Shahed Al-Mohamad spielte sich bisher in zwei verschiedenen Welten ab. Ihre Kindheit verbrachte sie in Aleppo in Syrien, wo sie geboren ist. Ihre Jugend verbrachte sie in Leinfelden-Echterdingen in Deutschland, wo die junge Frau heute mit ihren Eltern und ihren vier Geschwistern lebt.
Aus der Welt ihrer Kindheit ist sie mit ihrer Familie 2015 vor den Schrecken des Bürgerkriegs geflohen. In der Welt ihrer Jugend fühlt sie sich zu Hause. „Deutschland ist meine Heimat“, sagt Shahed. Sie spricht Deutsch, als sei es ihre Muttersprache. „Mein Arabisch ist auf dem Stand einer Zehnjährigen stehen geblieben.“ Auf Deutsch könne sie viel mehr ausdrücken.
Auf diesen Tag hat keiner in der Familie mehr zu hoffen gewagt
Die Geschichte von Shahed und ihrer Familie ist eine von Tausenden Flüchtlingsgeschichten. Und doch ist sie besonders. So wie jede von ihnen. Die Begegnung mit den Al-Mohamads ist rein zufällig. Am Sonntag stehen sie in der Stuttgarter City und winken den vielen hupenden Autos zu, aus denen syrische Fahnen hängen, die Fahnen der syrischen Revolution, die seit dem überraschenden Sturz des Assad-Regimes überall auftauchen, als hätten sie für diesen Tag bereit gelegen. Dabei hat niemand mehr damit gerechnet, dass dieser Tag je kommen würde. Jedenfalls nicht in der Familie Al-Mohamad. „Wir haben alle aufgegeben und uns damit abgefunden, dass wir die Großeltern, die in Syrien geblieben sind, nie wieder sehen“, sagt Shahed. An Festtagen hätten sie miteinander telefoniert. Die Gespräche endeten immer mit dem Satz: „Wir sehen uns wieder – falls Assad gestürzt wird.“ Das sei aber nicht mehr als eine ferne Hoffnung oder Floskel gewesen, sagt Shahed: „Solange der Iran und Russland Assad stützten, war das unmöglich.“ Jetzt ist das Unmögliche Wirklichkeit geworden und die Familie kann es kaum fassen. „In den letzten Tagen hat mein Vater fast nicht mehr geschlafen.“ Ständig habe er die Nachrichten verfolgt.

Viele Menschen feierten am Wochenende den Sturz des Assad-Regimes in Stuttgart.
Foto: StZN/ForstbauerNach der Realschule machte Shahed ihr Fachabitur
Shaheds Familie zählt zu den entschiedenen Regimegegnern, berichtet die junge Frau: „Seit ich denken kann, war mein Vater gegen Assad.“ In der Schule hätten sie ständig die Nationalhymne singen müssen. „Und zu Hause sangen wir Balladen gegen ihn.“ Dieses sich verstellen müssen, sei schwierig für sie gewesen: „Schon als Kind hatte ich Angst, weil man öffentlich nicht sagen durfte, was man dachte.“
2015 hielt die Familie es in dem heftig umkämpften Aleppo nicht mehr aus. Im August flüchtete zuerst der Vater. Im Dezember kamen die Mutter und die fünf Kinder nach: die damals zehnjährige Shahed und ihre vier Geschwister im Alter von eineinhalb, sieben, zwölf und 14 Jahren. Ihr Weg führte sie mit Hilfe von Schleppern über die Türkei, Griechenland und die Balkanroute nach Deutschland. Seitdem lebt die Familie in Leinfelden-Echterdingen.
Nach einem Jahr Vorbereitungsklasse kam Shahed direkt auf die Realschule. Sie machte dort ihren Abschluss und legte anschließend das Fachabitur ab. Derzeit lässt sich die 19-Jährige zur Kosmetikerin ausbilden. So groß die Freude über den Sturz Assads ist – an eine dauerhafte Rückkehr nach Syrien, in ihre erste Welt, denkt Shahed nicht. Natürlich würde sie ihre Verwandten dort gerne besuchen, zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sich die Lage beruhigt habe. Auch das Grab ihrer Großmutter – zusammen mit ihrer Familie. Aber ihr Lebensmittelpunkt, ihre Freunde, das alles sei hier, sagt Shahed, die einen unbefristeten Aufenthaltstitel hat: „Ich wüsste nicht, was ich in Syrien machen soll.“
„Nur eine Demokratie würde in Syrien funktionieren“
Auch ihre Eltern wollen nicht dauerhaft nach Syrien zurückkehren. Ihre Aufenthaltstitel sind befristet, doch sie wollen bleiben, „weil sie in unserer Nähe sein möchten“, sagt Shahed: „Sie wollen uns nicht verlassen, weil wir Kinder Deutschland nicht verlassen würden.“ Ihr heute 51-jähriger Vater war in Syrien selbstständiger Fuhrunternehmer. Jetzt ist er als Fahrer bei einem großen Paketdienst angestellt. Ihre 46-jährige Mutter arbeitet als Schneiderin.
Was wünscht sie sich vom neuen Syrien? „Ich wünsche mir Demokratie. Und Meinungsfreiheit wie hier“, sagt Shahed, die aus einer gläubigen muslimischen Familie stammt. Nur das würde funktionieren, weil Syrien ein multireligiöses und multiethnisches Land sei – „voll divers“, wie die 19-Jährige sagt. Sie ist voller Hoffnung, dass es so kommt.




