Schwäbischer Alpenverein: Ein Stück Stuttgart im Gebirge

Das einladende Ziel der Skitour: die Schwarzwasserhütte.
ArchivMit Hügeln kennt man sich aus in Stuttgart. Seit jeher gab es aber Menschen, denen es nicht genügte den Wirtemberg oder den Schnarrenberg zu erklimmen. Sie wollten höher hinaus. So gründete sich am 28. Oktober 1869 im Damencafé an der Olgastraße die Sektion Schwaben des Deutschen Alpenvereins. Nur wenige Monate nachdem der Verein am 9. Mai 1869 in München aus der Taufe gehoben worden war.
Der DAV ist eine große Nummer in Stuttgart
Vielleicht liegt es ja am Kessel und dem mangelnden Durchzug, auf jeden Fall ist man hier so begeistert von der Höhenluft, dass es auch noch die Sektion Stuttgart gibt, entstanden 1904 aus dem MTV heraus. Begeisterte Kletterer, die sich dem Alpenverein anschlossen: In beiden Sektionen sind mehr als 70 000 Menschen organisiert. Damit ist der DAV die Nummer zwei in Stuttgart hinter dem VfB Stuttgart. Wobei da nur eine Handvoll Menschen Sport treiben, und der große Rest zuschaut. Während beim Alpenverein sehr sehr viele tatsächlich wandern oder klettern. Und Wanderwege, Klettersteige und Schutzhütten errichten. Und pflegen und in Schuss halten.

Die Schwarzwasserhütte.
Foto: Lea WürzDrei Hütten auf der Schwäbischen Alb und sechs Hütten in den Alpen betreibt der DAV Schwaben. Darunter auch die Schwarzwasserhütte im Kleinen Walsertal. Jenem merkwürdigen Blinddarm der Geschichte. Zugänglich ist es nur von deutscher Seite, gehört aber zu Österreich, seitdem es Herzog Sigismund von Tirol 1451 erobert hatte. Früher kaufte man Almdudler oder österreichische Briefmarken für D-Mark. Seitdem man in beiden Ländern mit Euro zahlt, kündet von dem merkwürdigen Konstrukt nur noch ein Zollhäuschen oberhalb der Schwarzwasserhütte.
Ehedem war die Reise ein Abenteuer
Weil es von Stuttgart und der Region nur zweieinhalb Stunden mit dem Auto aus sind, trifft man im Kleinen Walsertal seit jeher viele Bekannte beim Skifahren oder Wandern. Nicht immer war das so. Es gibt einen überlieferten Bericht von einer Ausfahrt nach Riezlern. Paul Deihle, ehemaliger Vorsitzender der Sektion Schwaben, schreibt, wie sich die kleine Gesellschaft, drei Damen und zwei Herren, „bei zweifelhaften Wetter der Eisenbahn anvertraute“. In Ulm erreichte man geradeso den Anschluss nach Kempten. Anmerkung aus heutiger Sicht: Manches ändert sich nie.

Die Hütte auf einer Postkarte aus den 3oer-Jahren. Sie zeigt die Hütte wohl im Jahre 1920.
Foto: DAV-Archiv, Carl KesslerIn Kempten schlief man im Wartesaal, ehe es des Morgens nach Oberstdorf weiterging und von dort nach Riezlern. Zwei Tage von Stuttgart ins Kleine Walsertal, doch die Mühen lohnten sich, schreibt er doch: „Alles findet der Skiläufer hier, was sein Herz begehrt, Gelegenheit zu rasender Schussfahrt, wie auch zahme Hänge für den vorsichtigen Genießer.“ Wie eine Perle liege in dem weiten Kessel die Schwarzwasseralpe, „die Hütten bis zum Dach in Schnee begraben und unweit davon auf einem kleinen Rücken die Skihütte. Durch eine offene Dachluke klettern wir hinab in die Hütte der Schwarzwasseralpe, um dort eine kurze Rast zu halten.“

Die Schindeln an der Hütte und als Lohn fürs spenden.
Foto: Nina AhrensHeute muss man nicht mehr durch die Dachluke kraxeln, die Schutzhütte ist gewachsen, ausgebaut und um ein Gebäude ergänzt worden. Doch der Zahn der Zeit und die Witterung haben an der Hütte genagt. Mit einer Sanierung ist es nicht mehr getan. Das Hauptgebäude wird abgerissen und ersetzt. Das Bettengebäude von Grund auf erneuert. Dafür wird eine Seilbahn fürs Material errichtet. Im Winter wird die Hütte geschlossen, abgerissen und bis Sommer 2027 neu errichtet. Das kostet Geld, viel Geld. Neun Millionen Euro. Wer „Schwaben“ im Namen trägt, sorgt vor und spart. Dazu gibt es Zuschüsse für energetische Sanierung. Und die Bergfreunde können helfen: Für 49 Euro können sie eine originale Holzschindel aus der Fassade der Schwarzwasserhütte erwerben – aufbereitet und gerahmt. 30 Euro des Betrags gelten als Spende, 19 Euro decken Aufbereitung, Material und Versand.
Was man mit so einer Schindel macht, bleibt der Fantasie des Spenders überlassen. Schon 1913 jedenfalls sammelte man Geld. 16 000 Mark war der Kostenvoranschlag. Der Rohbau stand, dann brach der Erste Weltkrieg aus. 1918 stand man da, ohne Geld. Und vor allem beklagte man viele Tote. Viele junge Männer waren Mitglied im Alpenverein, viele kehrten nicht mehr von Schlachtfeldern zurück; der Verein war buchstäblich ausgeblutet. Paul Dinkelacker, Vorsitzender von 1919 bis 1933, erinnert sich: „Es war ein Ringen mit Hemmnissen jeder Art, aber zähwilliger Bergsteigergeist hat sie bezwungen. Erst im Herbst 1920 war unsere Schwarzwasserhütte so weit fertig, dass sie in einem kleinen Kreis Getreuer eingeweiht werden konnte.“ Aber die Opfer seien groß gewesen.
Der Bau brachte den Verein an seine Grenzen
„Schweren Herzens wurde zuerst die Hüttenkasse des Hallerangerhauses mit dem Friedensbeitrag von 15 000 Mark des Gesamtvereins geopfert, ebenso alle verfügbaren Mittel der Sektion und doch hätten wir ohne einen weiteren Zuschuss vom Hauptverein von 15 000 Mark das Werk nicht vollenden können.“ So sei das Heim, als Skihütte gedacht, zur Alpenvereinshütte geworden. „Aber bei der Unsicherheit der Nachkriegsjahre wäre eine gut eingerichtete, an der Grenze der beiden Reiche gelegene Hütte ohne Daueraufsicht durch einen Hüttenwirt vor Beraubungen nicht zu schützen gewesen.“ Seitdem sie die von Professor Wagner erbaute und Architekt Hauer gemütlich eingerichtete Hütte im Sommer und Winter zu einem vielbesuchten Bergsteigerheim geworden.

Blick auf den Hohen Ifen im Kleinen Walsertal.
Foto: ArchivDas galt mehr als 100 Jahre. Immer wieder wurde gebastelt, erneuert und erweitert. Eine Kläranlage kam hinzu, die Heizung wurde von Koks auf Öl umgestellt, Waschräume kamen hinzu. 1985 bekamen die Wirtsleute eigene Toiletten und Duschen, 2004 erst wurde Strom auf die Hütte gelegt, eine Abwasserleitung ins Tal geführt. 75 Schlafplätze gibt es, 2024 übernachteten 6 800 Menschen, 15 000 Tagesgäste kehrten ein. Diesen Sommer kann man nochmals hoch zur Schwarzwasserhütte wandern. Dann wird die Hütte zur Baustelle. Doch bis 2027 kann man sich ja mit einer Original-Schindel trösten.
