Granny-Lifestyle statt Clubbing: Wann ist jung sein eigentlich uncool geworden?

Unsere Autorin ist Anfang 20 und lebt den Granny-Lifestyle. Aber das kann doch nicht alles sein, oder?
Emily RehmetIch gehe früh ins Bett, feiere selten und liebe lange Spaziergänge. Ehrlich gesagt: Mein Alltag ähnelt oft dem, was die meisten einen „Oma-Lifestyle“ nennen würden. Ruhig, kuschelig und möglichst ohne Aufregung. Und damit bin ich nicht allein: Auf Social Media zeigen Influencer:innen ihr Leben als Anfang-20-Jährige zwischen Backen, Stricken und Gärtnern. Willkommen beim #grannylifestyle.
Bis zum Morgengrauen feiern? Für viele aus meiner Generation offenbar kein besonders verlockendes Angebot mehr. Partys werden auf den Nachmittag verlegt, Sport wird priorisiert und der Schlaf getrackt. Das Motto: Vertrauen ist gut, Selbstoptimierung ist besser. Spontanität scheint in diesem durchgetakteten Alltag manchmal eher ein Störfaktor als ein Lebensgefühl zu sein.
Wir wollen uns optimieren, obwohl wir noch gar nicht genau wissen, wer wir sind
Dabei sind die Erwartungen an das Jungsein eigentlich andere. Junge Menschen sollen das Leben genießen, erste Erfahrungen sammeln, Fehler machen und auch mal Risiken eingehen. Doch wir wollen die Welt, die uns offensteht, bestmöglich nutzen. Eine Partynacht bis in die Morgenstunden gehört da nicht dazu. Auch beim Alkoholkonsum zeigt sich ein Wandel: Junge Menschen trinken heute weniger als frühere Generationen.
Klima, Krieg, Zukunftsangst – Älterwerden bedeutet in meiner Generation nicht mehr nur Freiheit, sondern vor allem mehr Verantwortung. Die Ansprüche an das Erwachsenwerden sind ziemlich hoch. Plötzlich müssen wir entscheiden, welchen Weg wir einschlagen, finanziell unabhängig werden und uns selbst versichern. Ich finde: Erwachsen sein ist verdammt anstrengend.
Partys sind für uns kein Ausgleich, sondern eine Überforderung
Dass die Energie dann nicht mehr reicht, um die ganze Nacht durchzutanzen, scheint fast naheliegend. In einem ständig vernetzten Alltag bietet das Feiern für viele offenbar mehr Überforderung als Ausgleich. Eine Generation, die während einer Pandemie aufgewachsen ist, viel Zeit am Handy verbringt und mental stark belastet ist, findet soziale Interaktionen oft anstrengend. Vielleicht haben wir ein Stück weit verlernt, spontan auf Menschen zuzugehen, weil wir es lange nicht mussten.
Dass die Begeisterung für analoge Hobbys wächst, finde ich keineswegs schlecht. Im Gegenteil: Es ist schön, wenn wir wieder Freude daran haben, Dinge mit den eigenen Händen zu schaffen. Problematisch wird es jedoch, wenn Routinen zwanghaft werden und unser Leben bestimmen. Tut es uns nicht auch gut, hin und wieder die Komfortzone zu verlassen?
Wir dürfen früh ins Bett gehen, Sauerteigbrot backen und Topflappen stricken. Nur sollten wir dabei nicht vergessen, auch mal etwas zu erleben. Sonst haben wir am Ende zwar einen wunderschön gestrickten Topflappen, aber außer ihm nicht viel zu erzählen, von der guten alten Zeit.


Liebe in der Gen Z:Mit 24 noch nie eine Beziehung gehabt: Warum ich mir keinen Druck mache
Der erste Kuss, Sex und die erste große Liebe? Für die meisten gehört das zum Erwachsenwerden. Für unsere Autorin nicht. Gründe dafür gibt es für sie einige.