Kolumne: Selbstständigkeit in der Gen Z: Auf LinkedIn bin ich leider nicht ich

Eigentlich weiß unsere Autorin, dass die LinkedIn-Präsenz in der Selbstständigkeit wichtig ist. Doch es gibt einige Sachen, die sie daran nerven.
Julia MählDie einen feiern ihren Berufseinstieg, die anderen werden zu 15 Jahren im selben Unternehmen beglückwünscht. Irgendwer erklärt, welches Learning er heute aus seiner Frühstückspause mitgenommen hat, und eine andere sieht im Gespräch mit dem Busfahrer heute Morgen eine Metapher für die digitalisierte Welt und ihre Nachteile.Wow.
Kaum habe ich den Laptop aufgeklappt und LinkedIn geöffnet, möchte ich ihn schon wieder schließen – und mich mit ’ner ehrlichen Apfelschorle vom Kiosk nebenan auf den Boden der Tatsachen zurückholen.
Selbst ein verbrannter Toast geht als wertvolle Lebenserfahrung durch
Leider klappt das nur bedingt. Denn eigentlich war es mein Ziel, endlich mal mein Profil auf Vordermann zu bringen, ein bisschen Präsenz zu zeigen, zu interagieren und vielleicht sogar einen Post abzusetzen. Doch auf dieser Plattform, auf der gefühlt alles ein Learning ist, jede:r gegründet hat und selbst verbrannter Toast als wertvolle Lebenserfahrung durchgeht, habe ich ständig das Gefühl, im falschen Film zu sein.
Beim Öffnen meines LinkedIn-Postfachs finde ich dann auch noch drei Nachrichten von irgendwelchen semi-fremden Personen mit drei gemeinsamen Kontakten. Sie schreiben, dass sie „gerne meine Perspektive kennenlernen möchten“ und sich „auf den Austausch mit mir freuen“.
„Ich bin ein großer Fan von gegenseitigem Vertrauen“, schreibt einer und fragt mich, ob ich zu einem Workflow-Thema gern meine zweite Meinung abgeben möchte. What? Wer bist du – und worum geht’s hier eigentlich? Ich bin verwirrt, muss lachen und klicke die Nachricht weg.
LinkedIn ist eine noch größere Fake-Welt als Instagram
Leute, mal ehrlich: Das alles ist nicht meine Welt. Denn wenn Leute sich darüber beschweren, dass Instagram eine Fake-Welt ist – was es ohne Frage ist –, was ist dann bitte LinkedIn? Hier fühlt sich alles noch viel unechter, aufgesetzter und unauthentischer an. Du kannst mir nicht erzählen, dass dein Kaffee heute Morgen dich zum Nachdenken gebracht hat und der Blick auf deine Monstera dich dazu inspiriert hat, deinen Lebenslauf zu überdenken. Echt nicht.
Dabei ist das Prinzip LinkedIn gar nichts Schlechtes. Seinen Lebenslauf online zu präsentieren oder sich mit Leuten aus der Branche zu vernetzen, ergibt ja Sinn – gerade auch für jemanden, der wie ich selbstständig ist. Ich habe bereits zwei meiner Auftraggeber:innen über LinkedIn gefunden, und ich finde es auch interessant zu sehen, wo meine Kolleg:innen oder ehemaligen Mitschüler:innen aus der Journalistenschule beruflich gerade stehen.
Aber könnte man das Ganze nicht auch ein bisschen weniger selbstdarstellerisch gestalten? Ein bisschen mehr Authentizität, ein bisschen weniger: „Hallo, hier bin ich, und egal, was passiert, es ist großartig.“ Dummerweise weiß ich selbst noch nicht genau, wie diese authentische Alternative aussieht. Bis ich sie finde, spiele ich das Spiel also zähneknirschend weiter. Und wenn ihr mich sucht: Ich sitze am Kiosk, trinke Apfelschorle und überlege, welches tiefe Business-Learning mir die Kohlensäure gerade beschert.

